Ich erzähle: «Schuldgefühle sind für mich stark mit ­Mutterschaft verbunden»
Elternbildung

Ich erzähle

«Schuldgefühle sind für mich stark mit ­Mutterschaft verbunden»

Die Sozialarbeiterin Nadja Stadelmann, 41, und der Automobilverkaufsberater Beat Limacher, 42, leben mit ihren Töchtern Luisa Ella, 9, und ­Joanna Emma, 7, in Wolhusen LU. Da beide arbeiten, werden die Töchter an zwei Wochentagen  fremdbetreut. Das hat vor allem bei Nadja Schuldgefühle ausgelöst.
Text: Jana Avanzini 
Bilder: Salvatore Vinci / 13 Photo
Nadja:
«Es erscheint mir oft egoistisch, wenn ich mit meinen Freundinnen für ein gemeinsames Wochenende wegfahre und es mir gut gehen lasse. Meine Mutter hat sich so etwas nie rausgenommen – nur etwas für sich machen. Und auch von meinen Freundinnen, die Kinder haben, scheint das kaum eine zu brauchen. Auch beim Arbeiten fühle ich mich manchmal schuldig. Besonders wenn ich als Sozial­pädagogin in einem 40-Prozent-Pensum andere Kinder betreue, während meine, vielleicht an diesem Tag krank, von jemand anderem als mir zu Hause betreut werden. Langfristig gesehen würde ich aber trotz dieser Schuldgefühle nichts anders machen wollen. Ich wäre eine unglückliche Mutter, wäre ich immer zu Hause. Ich kann meinen Kindern nur eine gute Mutter sein, indem ich gut zu mir selbst schaue. Trotzdem bleibt oft ein ungutes Gefühl. Das ist verinnerlicht, bestimmt anerzogen. Aber oft sind es auch Kommentare, die mir ein Gefühl von Schuld vermitteln. Es nimmt mir jedes Mal Kraft, wenn das Gegenüber mein Kind bemitleidet, weil etwas nicht so läuft, wie sich die Person das idealerweise vorstellt. ‹Das arme Kind›, sagen sie, weil sie vielleicht glauben, das Mädchen bekomme zu wenig Aufmerksamkeit, Liebe oder Nähe von seiner Mutter. Und auch wenn ich glaube, dass es meinen Kindern gut geht, lösen solche Aussagen kleine Zweifel aus. Schuldgefühle sind für mich stark mit Mutterschaft verbunden. Ich glaube, dass Beat diese Gefühle und Gedanken weniger umtreiben.»
«Ich kann meinen Kindern nur eine gute Mutter sein, indem ich gut zu mir selbst schaue. Trotzdem bleibt oft ein ungutes Gefühl.»
Beat: 
«Natürlich kenne ich diese Gefühle auch, doch wahrscheinlich gebe ich ihnen weniger Platz. Als die Kinder kleiner waren, hatte ich diese Gefühle öfter, doch würde ich eher von schlechtem Gewissen reden als von Schuld. Tauchte es auf, habe ich es weggewischt. Seit die Kinder älter sind, hat dieses schlechte Gewissen vor allem in Bezug auf die Fremdbetreuung stark nachgelassen. Früher hatte ich das Gefühl, die Kinder gegen ihren Willen ­abzuschieben, heute weiss ich, dass es ihnen ganz recht ist, wenn Nadja und ich mal abhauen und sie mit jemand anderem Zeit verbringen dürfen und nach dessen Regeln spielen.»  

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Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Schuldgefühle. Lesen Sie mehr zum Thema, wie: Wann sind Schuldgefühle authentisch und nützlich – und wann anerzogen? Tun wir genug für unser Kind? Oder gar zu viel?

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