Der israelische Psychologe Haim Omer
Elternbildung

«Herr Omer, wie können Eltern Autorität und Beharrlichkeit erlangen?»

Der israelische Psychologe Haim Omer sagt, erzieherische Stärke sei lernbar. Zu diesem Zweck hat er das Konzept der neuen Autorität entwickelt. Worauf dieses basiert und wie Eltern gegen problematisches Verhalten gewaltfreien Widerstand leisten können, erzählt er im grossen Interview. 
Interview: Virginia Nolan 
Bilder: Corinna Kern
Es dauert keine Stunde, bis Haim Omer auf die Interviewanfrage antwortet: Gerne sei er dabei. Aufgrund seiner Schwerhörigkeit seien Telefonate jedoch schwierig. Er könne reden, sein Gegenüber aber nicht hören. Omer schlägt der Journalistin vor, ihm die Fragen im Vorfeld per Mail zu schicken, dann werde er sie am Telefon beant­worten. Bei Rückfragen solle sie einfach erneut schreiben und anrufen. Die Ausgangslage ist kompliziert, Omer nicht: Es entspinnt sich ein ergiebiger Austausch, der zum Nachdenken anregt.

Herr Omer, haben es Eltern heute schwerer als die Generation vor ihnen?

Definitiv. Viel schwerer.

Warum?

Kinder und Jugendliche waren noch nie so vielen Versuchungen ausgesetzt wie heute. Angesichts der Fülle von Konsum- und Unterhaltungsangeboten, die auf sie einprasseln, scheint es für Eltern nahezu unmöglich zu sein, sie vor deren Risiken zu schützen. Kommt hinzu, dass wir in zunehmend individualisierten Gesellschaften leben. Die soziale Kontrolle durch Nachbarn oder die erweiterte Familie greift nicht mehr. Erziehung ist zur Angelegenheit der Kernfamilie geworden, oft lastet sie auf den Schultern einer Einzelperson. Zudem fehlt es Eltern in Erziehungsfragen an Orientierung.

Was meinen Sie damit?

Zu Zeiten unserer Grosseltern waren Mutter und Vater unantastbar. Sie entschieden, was richtig und was falsch war. Kinder zu erziehen hiess, ihnen Gehorsam beizubringen. Autoritäre Erziehung setzte vor allem auf Angst, häufig kam Gewalt hinzu. Ende der Siebzigerjahre begann das traditionelle Verständnis von Autorität zu bröckeln, mittlerweile hat es ausgedient.
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Zur Person: Haim Omer kam 1949 als Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender in Brasilien zur Welt. Mit 18 Jahren wanderte er nach Israel aus, wo er an der Universität Tel Aviv Psychologie studierte und bis heute lebt. Als Offizier entwickelte Omer eine Behandlungsmethode für kriegstraumatisierte Soldaten, später begann er mit dem Coaching von Eltern, die sich von ihren Kindern überfordert und bedroht fühlten. Mit seinem Ansatz der neuen Autorität, zu dem Omer mehrere Bestseller veröffentlicht hat, arbeiten Elternberatungsstellen und Schulen aus aller Welt.
Zur Person:
Haim Omer kam 1949 als Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender in Brasilien zur Welt. Mit 18 Jahren wanderte er nach Israel aus, wo er an der Universität Tel Aviv Psychologie studierte und bis heute lebt. Als Offizier entwickelte Omer eine Behandlungsmethode für kriegstraumatisierte Soldaten, später begann er mit dem Coaching von Eltern, die sich von ihren Kindern überfordert und bedroht fühlten. Mit seinem Ansatz der neuen Autorität, zu dem Omer mehrere Bestseller veröffentlicht hat, arbeiten Elternberatungsstellen und Schulen aus aller Welt.

Aber auch der antiautoritäre Ansatz, der darauf folgte, ist für die allermeisten Eltern keine Option mehr. 

Richtig. Studien haben gezeigt, dass dieser Erziehungsstil zum Beispiel ein geringes Selbstwertgefühl und eine tiefe Frustrationstoleranz begünstigt. So haben wir die traditionelle Autorität zwar hinter uns gelassen, aber es ist offensichtlich keine gute Idee, Kinder ganz ohne Autorität grosszuziehen. Dieses Vakuum versucht meine Arbeit zu füllen.

Hierfür entwickelten Sie das Konzept der neuen Autorität. Worauf basiert es?

Sein Leitsatz lautet: Ich bin da, und ich bleibe da. Im Bild, das die neue Autorität gelingender Erziehung zugrunde legt, symbolisieren die Eltern für ihre Kinder den sicheren Hafen. Dieser sollte so angelegt sein, dass er Booten Schutz bietet, sie aber auch hinausfahren und Erfahrungen machen lässt. Neben der Funktion des sicheren Hafens haben Eltern auch die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das Schiff bei Gefahr auf Kurs bleibt. Stärke in dieser Funktion beruht auf elterlicher Präsenz.
«Wir sind deine Eltern: Du kannst uns nicht entlassen.»
Haim Omer in Bezug auf elterliche Präsenz.

Was verstehen Sie darunter?

Elterliche Präsenz ist die Erfahrung, die das Kind macht, wenn ihm seine Eltern mit ihrem Denken und Handeln folgende Botschaft vermitteln: «Wir sind da, und wir bleiben da. Wir sind deine Mutter und dein Vater. Du kannst uns nicht wegschieben und du kannst uns nicht entlassen. Wir lassen uns nicht ausgrenzen.» Dann realisiert das Kind, dass es Eltern hat und nicht bloss Geldgeber oder Dienstleister. Ich spreche von innerer und äusserer Präsenz. 

Worin liegt der Unterschied?

Innere Präsenz meint das Bewusstsein, dass wir einen wichti­gen Platz im Leben des Kindes haben: Es braucht uns. Innere Prä­senz liegt aber auch in der Überzeu­gung, dass wir dem Kind zutrauen können, mit Herausforderungen umzugehen, und dass es unsere Bot­schaften verkraften wird. Nach aussen zeigen wir Präsenz, indem wir im Leben unserer Kinder körperlich und emotional anwesend sind, Interesse zeigen und zur Ver­fügung stehen, indem wir mit Regeln und Strukturen für Klarheit sorgen. 

Wie gelingt es Eltern, eine solche Haltung zu entwickeln?

Präsenz ist zu jedem Zeitpunkt erlernbar. Sie gelingt möglicherwei­se nicht von heute auf morgen – und nicht ohne Hilfe anderer. Präsenz als elterliche Stärke entwickelt sich, wenn wir uns vom Wunsch verab­schieden, unser Kind kontrollieren zu können. Das Einzige, was wir kontrollieren können, sind wir selbst und unsere Handlungen.

Was ist dabei wichtig?

Der Verzicht auf jegliche Gewalt und die Entwicklung von Selbstkontrol­le. Es geht um Deeskalation, darum, nicht impulsiv zu reagieren und trotzdem eine klare Haltung zu bewahren. Wenn ein Kind Regeln bricht, uns frech kommt, dann ver­spüren wir vielleicht den Drang, durchzugreifen, es anzuschreien oder zu bestrafen. Das Problem ist: Sowohl Eltern als auch Kinder neh­men den Verlust von Selbstkontrol­le als Schwäche wahr. Nicht auf Provokationen einzugehen, das Kind nicht mit Drohungen oder Predigten überzeugen zu wollen, braucht Kraft. Aber es lohnt sich.

Wie könnten Eltern stattdessen reagieren?

Ich kann mein Kind nicht besiegen, doch ich kann beharren. Konkret bedeutet dies, dass ich nicht auf einen Konflikt eingehe, wenn die Emotionen hochkochen, sondern die Problematik in einem ruhigeren Moment wieder aufs Tapet bringe. Dem Kind gilt es derweil klarzumachen: «Ich bin damit nicht einver­standen, und ich komme auf die Angelegenheit zurück.»

Was aber, wenn der Widerstand des Kindes Alltagspläne durchkreuzt? Hierzu ein Beispiel: Ein Paar hat eine zehnjährige Tochter und einen zwölfjährigen Sohn. Die Tochter hindert die Familie regelmässig an gemeinsamen Unternehmungen, wenn sie darauf keine Lust hat – indem sie sich hinschmeisst und schreit. Was können die Eltern dann tun?

So gestellt ist die Frage unfruchtbar, denn sie führt zu problematischen Schlussfolgerungen. Dazu, dass die Eltern entweder versuchen, die Tochter zu zwingen, sie bestrafen oder es mit Überzeugungsarbeit pro­bieren. Gerade bei solchen Kindern ist Zwang kontraproduktiv. Manche fordern Strafen richtiggehend ein, um den Eltern zu demonstrieren, dass sie sich nicht beugen. Die zen­trale Frage lautet nicht, wie die Eltern das Mädchen zum Ausflug bewegen können, denn das können sie nicht.

Sondern?

Ich würde die Eltern zuallererst fra­gen, ob es auch andere Gelegenhei­ten gibt, bei denen das Kind auf seine Familie Zwang ausübt. Auf diese Frage kommen jeweils Ant­worten, die deutlich machen, dass der Familienfrieden in vielerlei Hin­sicht davon abhängt, ob das Kind seinen Willen bekommt oder nicht. Seine Drohungen und Wutanfälle tangieren – oder eher: bestimmen – immer mehrere Bereiche des Zusammenlebens. Vielen Eltern fällt es dann wie Schuppen von den Augen: Sie sind nicht frei, sondern leben unter Zwang. Wie können sie dagegen Widerstand leisten? Welche Handlungsmöglichkeiten haben sie, um die Freiheit aller Familienmit­glieder wiederherzustellen? Das sind die entscheidenden Fragen.

Ihre Antwort darauf ist der gewaltlose Widerstand. Worum geht es?

Wir beginnen immer mit einer Ankündigung, die dem Kind als Brief überreicht und vorgetragen wird. Dieses förmliche Ritual demonstriert, dass sich die Dinge nun ändern. In unserem Beispiel könnte ein Brief folgendermassen lauten: «Liebe Tochter, wir sind dei­ne Eltern, wir lieben dich und wer­den immer für dich da sein. Aber wir sind nicht mehr bereit, uns deinen Drohungen und Wutanfällen zu beu­gen. Wir werden dagegen Wider­stand leisten. Wir können dich zu nichts zwingen, aber wir werden entschlossen dagegenhalten und dabei nicht allein bleiben.» Die Eltern hören auf zu klagen, zu schimpfen oder zu drohen und konzentrieren sich stattdessen auf unmissverständliche Botschaften. 

Was, wenn sie auf den Brief bloss Schulterzucken ernten?

Das ist wahrscheinlich, tut der Sache aber keinen Abbruch. Die Ankündi­gung ist kein Vertrag mit dem Kind, den es akzeptieren oder unterschrei­ben muss. Sie erfolgt einseitig und signalisiert, dass die Eltern etwas unternehmen werden und ihre Beschlüsse kein Verhandlungs­gegenstand sind. Der Erfolg dieser Massnahme hängt nicht von der Reaktion des Kindes ab, sondern einzig und allein von der Entschlos­senheit der Eltern.

Wie geht es dann weiter?

Im Alltag ist es wichtig, dass die Eltern dem Kind zugewandt bleiben und auch das Positive im Blick haben, dass sie sich selbst und dem Kind auch mal etwas Gutes tun. Das Kind soll merken, dass sich der elter­liche Widerstand nicht gegen seine Person, sondern gegen ein bestimmtes Verhalten richtet. Wenn dieses für die Familie ein dauerhaftes, massives Problem darstellt, gibt es eine eindrucksvolle Methode des gewaltosen Widerstands: das Sit-in.
Haim Omers Konzept einer neuen Autorität beruht auf Gewaltverzicht und Selbstkontrolle.
Haim Omers Konzept einer neuen Autorität beruht auf Gewaltverzicht und Selbstkontrolle.

Ein Sitzstreik wie zu Zeiten der Studentenproteste?

Das Prinzip ist dasselbe. Nehmen wir das Beispiel eines zwölfjährigen Jugendlichen, der seine Schwester regelmässig schlägt. Die Eltern haben ihm mit einer Ankündigung eröffnet, dass sie dagegen Widerstand leisten werden. Sie haben nun die Möglichkeit, ihre Position durch einen Sitzstreik zu stärken. Dazu gehen sie ins Zimmer des Jugendlichen, setzen sich vor die Tür und sagen mit ruhiger Stimme: «Wir schätzen dich als unseren Sohn. Aber wir werden es nicht mehr hinnehmen, dass du deine Schwester schlägst. Wir sitzen hier, um gegen dein Verhalten zu protestieren, und warten auf Vorschläge, damit das nicht wieder vorkommt.» Danach verharren die Eltern im Zimmer. Sie schweigen und beantworten keine Fragen. Wie lange sie bleiben, vereinbaren sie vorher gemeinsam. Bringt das Kind einen Vorschlag, beenden die Eltern den Sitzstreik und sagen ihm, dass sie über seine Ideen beraten werden.

Und wenn kein Vorschlag kommt?

Dann bleiben die Eltern trotzdem bis zum Ablauf der vereinbarten Zeit sitzen. Danach können sie sich mit diesen Worten verabschieden: «Wir haben von dir noch keinen Vorschlag gehört, wir gehen nun. Wir bleiben dran und kommen auf unser Anliegen zurück.» Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist, sage ich dazu. 

Möglicherweise wird der Jugendliche das Zimmer verlassen.

Daran sollten die Eltern ihn nicht mit Gewalt hindern. Sie lassen ihn gehen, bleiben aber für die vereinbarte Zeit in seinem Zimmer sitzen. Damit vermitteln sie ihm, dass sie präsent sind, und zwar unabhängig von seiner Reaktion. Oft ist es hilfreich, für den Sitzstreik eine dritte, der Familie vertraute Person einzubeziehen. Sie wartet ausserhalb des Zimmers. Sollte das Kind davonlaufen, bittet die Person es, ins Zimmer zurückzukehren. Wird das Kind gewalttätig, rufen die Eltern die Drittperson ins Zimmer, damit sie Zeugin des Geschehens wird. Elterlicher Widerstand gelingt nicht im stillen Kämmerlein.

Es braucht also die Hilfe anderer?

Genau. Präsenz entwickeln wir nur durch Beistand einer Unterstützergruppe. Häufig sind es Scham oder Sorgen um die Privatsphäre des Kindes, die Eltern davon abhalten, andere um Hilfe zu bitten. Das ist verständlich, schränkt die Handlungsfähigkeit der Eltern jedoch ein. Wenn wir Rückhalt und Entlastung spüren, verändert sich unsere Haltung gegenüber den Kindern. Dafür müssen Eltern ihre Hilflosigkeit aber bis zu einem gewissen Grad öffentlich machen.

Wer kommt als Unterstützer infrage?

Freunde der Eltern, Patinnen, Gross­eltern, Nachbarn, Lehrpersonen, Freunde der Kinder – die Liste ist lang. Die Erfahrung zeigt, dass meist gerne hilft, wer angefragt wird. Kom­men wir auf das Mädchen aus unse­rem Beispiel zurück: Die Familie hat Pläne fürs Wochenende, es besteht die Möglichkeit, dass die Tochter erneut streiken wird. Diesmal berei­ten sich die Eltern vor. Sie haben ihr nahes Umfeld über die Situation informiert und bitten nun eine geeignete Person – vielleicht die Freundin der Mutter, es kann auch ein bezahlter Babysitter sein –, am besagten Tag bei der Familie zu erscheinen. Die Eltern informieren die Tochter wie gehabt, dass eine Unternehmung ansteht, und gut zehn Minuten vor Abfahrt steht der Unterstützer vor der Tür.

Was dann?

Stellt sich die Tochter quer, reagieren die Eltern darauf nicht, es genügt eine kurze Information: «Wir brechen nun auf, XY bleibt bei dir.» Indem sie auf seine Provokationen nicht ein­steigen, nehmen sie dem Mädchen den Wind aus den Segeln: Was lohnt sich Geschrei, wenn keiner darauf reagiert? Sie fragen sich vielleicht nun, was passiert, wenn die Tochter ihre Wut am Babysitter auslässt. Es wird nicht passieren, weil sich der Kontrollzwang solcher Kinder meist nur gegen die Eltern richtet.

Stellen Eltern ihr Kind an den Pranger, wenn sie andere einweihen?

Das sehe ich nicht so. Unterstützer sind nicht dazu da, das Kind auszu­schimpfen, sie vermitteln ihm, dass sie über die Lage im Bild sind. So kann es beim Zwölfjährigen, der seine Schwester schlägt, wirksam sein, wenn auch die Lieblingstante oder der Vater des besten Freundes das Wort ergreift. Sie können dem Buben sagen: «Schau, ich halte gros­se Stücke auf dich, aber ich weiss, dass du deine Schwester schlägst, und das ist nicht akzeptabel. Ich glaube, dass du das überwinden kannst. Wir finden sicher eine Lösung.» Das funktioniert auch über Whatsapp oder Skype, falls die Tan­te nicht in der Nähe wohnt. Unter­stützer können Tröster und Ermu­tiger sein, Anbieter von Auszeiten, Mediatoren, Nachhilfelehrer oder Zeugen. Nicht hilfreich ist es, Unterstützer im Sinne einer Strafe beizu­ziehen: «Das erzähle ich Oma!» 

Der Bub dürfte peinlich berührt sein, dass Aussenstehende ihn auf sein Fehlverhalten ansprechen.

Die Eltern können ihm sagen, dass es nicht nur seine Angelegenheit ist, wenn er die Schwester schlägt, son­dern auch die der Tante, des Umfelds – weil er und seine Schwester diesen Leuten wichtig sind. Und es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass Scham und Gewissensbisse immer schlecht für die Entwicklung des Kindes sei­ en. In einem respektvollen Kontext können sie sogar hilfreich sein. Das Kind lernt, zu seinem Verhalten zu stehen und Konsequenzen zu tragen.

Sie sagen, Eltern gewichteten die Privatsphäre ihrer Kinder ohnehin zu stark?

Für viele Eltern stellt sie ein unan­tastbares Gut dar. Oft genügt eine Andeutung des Kindes, sich aus seinem Leben herauszuhalten, und die Eltern sind sofort paralysiert. Ich rate Eltern, diese Hemmungen abzu­legen.

Und dem Nachwuchs auch mal in den Jugendtreff oder die Diskothek zu folgen, wenn es sein muss?

Sie sprechen das Nachgehen und Aufsuchen an, weitere Widerstandsformen. Dann erscheinen die Eltern an Orten, wo möglicherweise ein Problemverhalten auftritt. Dafür ist im Vorfeld manchmal eine Telefonrunde nötig.

Eine Telefonrunde?

Sie ist beispielsweise hilfreich, wenn Jugendliche sich weigern, zu sagen, wohin sie gehen, oder wenn sie partout zu spät nach Hause kommen. Die Telefonrunde funktioniert so: Sie sammeln im Vorfeld Nummern von Freunden und Bekannten des Kindes und rufen im Bedarfsfall möglichst viele von ihnen an, um zu erfahren, wo sich Ihr Kind aufhält. So zeigen Sie Präsenz und werden im Beziehungsnetz Ihrer Kinder sichtbar. Viel öfter, als Sie denken, sind diese Jugendlichen bereit, Ihnen zu helfen. Wenn nötig, erscheinen Sie an Ort und Stelle.

Wie gehen Eltern dabei vor?

Nehmen wir an dieser Stelle das Beispiel eines 16-Jährigen, der oft von zu Hause verschwindet. Er hängt in einer sturmfreien Bude herum, als plötzlich die Eltern im Raum stehen. Sie sagen kein Wort. Der Jugendliche ignoriert sie zunächst, die Eltern bleiben. Seine Freunde drängen ihn bald, die Sache zu klären, sie wollen ihre Ruhe haben. Unter Protest begleitet der 16-Jährige seine Eltern nach Hause. Er ist verärgert, fühlt sich blamiert – gleichzeitig kommt ihm der Gedanke, dass Weglaufen eine schlechte Idee war.

Was, wenn der Jugendliche wegläuft?

Selbst dann ist die Aktion der Eltern nicht gescheitert. Sie verbleiben noch einen Moment bei den Freunden, oft finden sich so weitere Unterstützer. Der Jugendliche macht zwar nicht mit, aber die Eltern zeigen entschlossen Präsenz. Noch vor Kurzem hätten sie hilflos zu Hause gesessen. Nach ihrer Aktion fühlen sie sich gestärkt. Durch Nähe statt Distanz, Widerstand statt Strafe.

Sind Sie grundsätzlich gegen Strafen?

Nicht immer. Schulen könnten nicht funktionieren, hätten sie nicht die Möglichkeit, gewalttätige Jugendliche zu suspendieren. Grundsätzlich aber haben Kinder einen angeborenen Drang nach Unabhängigkeit. Belohnungen und Bestrafungen sind ein Versuch, ihr Verhalten in eine gewünschte Bahn zu lenken, was dem kindlichen Selbständigkeitsdrang entgegenläuft. Das führt oft zu Eskalation. Insbesondere bei Jugendlichen ist mit nicht wünschenswerten Gegenreaktionen zu rechnen. Kinder strafen die Eltern zurück, wenn sie bestraft werden.

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