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Elternbildung

Mein Kind wird gemobbt – und jetzt?

Wut, Ohnmacht, Mitleid: Das spüren Eltern, wenn sie merken, dass ihr Kind gemobbt wird. Was sie dann tun können, erfahren Sie hier. Der wichtigste Tipp: Handeln Sie nicht überstürzt.
Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Verschaffen Sie sich ein Bild!

Kinder sprechen eine Mobbingsituation oft nicht an. Aus Angst, als Petze zu gelten, aus Scham oder aufgrund der Befürchtung, dass die Eltern durch eine Schnellschussreaktion alles noch schlimmer machen. Meist schliessen Eltern aus Beobachtungen im Alltag, dass etwas nicht stimmt. Mobbing könnte ein Problem sein, wenn Ihr Kind beispielsweise nicht zur Schule gehen will, Ausflüchte sucht, um zu Hause zu bleiben, und ausweichend reagiert, wenn Sie es nach den Gründen fragen. 

Es ist hilfreich, wenn Sie Ihre Beobachtungen mit der Lehrperson teilen, um das Bild zu vervollständigen. Oft hat die Lehrkraft ebenfalls nur eine vage Vermutung, da Mobbing meist verdeckt stattfindet. Ein Mobbingverdacht erhärtet sich, wenn die Lehrperson Ihnen beispielsweise sagt, dass Ihr Kind in der Pause immer  im Klassenzimmer bleiben möchte oder auf dem Pausenhof abseitssteht.

Falls es solche Anzeichen gibt, können Sie weiter nachfragen: «Stöhnen Mitschüler auf, wenn mein Kind etwas sagt? Verdrehen sie die Augen?» Achten Sie darauf, dass Sie der Lehrperson keine Vorwürfe machen. Falls ein offener Austausch zustande kam, bedanken Sie sich und fragen, ob Sie wieder auf die Lehrperson zukommen dürfen.

Es gibt keine Anzeichen, die mit Sicherheit für Mobbing sprechen. Feststellungen wie oben sollten aber Anlass für ein Gespräch mit dem Kind sein.
«Da verliert man jede Lust, zur Schule zu gehen.»
Dem Kind signalisieren, dass man seine Gefühle versteht.

Sprechen Sie das Mobbing an!

Drängen Sie Ihr Kind keinesfalls in die Defensive, wenn Sie mit ihm über Ihre Beobachtungen sprechen. Sätze wie «Jetzt sag schon, was los ist!» oder «Ich merke doch, dass etwas nicht stimmt!» setzen das Kind unter Druck und geben ihm das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.

Für einen offenen Austausch benötigen wir einen guten Rahmen. Kindern fällt es oft leichter, wenn die Aussprache beiläufig stattfindet – während eines Spaziergangs, eines Puzzles oder nach der Gute-Nacht-Geschichte. Auch bei Jugendlichen sollten Sie für dieses Gespräch genügend Zeit einräumen. Sprechen Sie das Thema an, während Sie zu zweit eine längere Autofahrt oder einen Ausflug machen. Ihr Kind hat seine Erlebnisse wahrscheinlich so lange zurückgehalten, dass es nicht zwischen Tür und Angel damit herausbrechen möchte.

Sie können mit einer Feststellung in das Gespräch einsteigen, wie:
  • «Im Moment hast du es nicht so gut mit den anderen.»
  • «Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit bedrückt wirkst»
  •  «Es macht dir momentan zu schaffen, in die Schule zu gehen.»
Sie können auch von einem eigenen Erlebnis erzählen, einer Zeit, in der es in der Schule oder mit anderen Kindern schwierig war.

Wenn Ihr Kind sich öffnet, sollten Sie unbedingt Vorwürfe vermeiden wie: «Warum hast du das nicht früher erzählt? Wir hätten dir doch helfen können» oder «Warum hast du es nicht der Lehrerin gesagt?». Es ist wichtig, dass sich das Gespräch für Ihr Kind nicht wie ein Verhör anfühlt.

Sie geben Ihrem Kind Rückhalt, indem Sie auf seine Gefühle eingehen («das macht dich sicher traurig», «dem hättest du am liebsten eine reingehauen», «da verliert man jede Lust, zur Schule zu gehen») und ihm zusichern, dass Sie es unterstützen werden und nichts ohne sein Einverständnis unternehmen.

Werden Kinder über längere Zeit gequält, verlieren Sie manchmal das Bewusstsein für Recht und Unrecht. Sie beginnen selbst zu glauben, dass sie Schuld am Mobbing sind. Es ist in diesem Fall ganz wichtig, dass Sie Ihrem Kind immer wieder helfen, die Vorfälle richtig einzuordnen, und ihm ganz klar und deutlich sagen, dass diese Vorfälle unentschuldbar sind. 

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3 Kommentare

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Von Christine am 13.09.2016 11:28

Wir haben mit dem no Blame Approach schon mehrere Male Erfolg gehabt an unserer Schule. Ich kann dieses Vorgehen nur empfehlen!

Von Claudia am 20.09.2016 18:37

Mein Sohn wurde mit 14.5 Jahren auch gemoppt, wir hatten sehr viele Gespräche mit der Lehrerschaft, Schulsozialmitarbeiterin, Schüler, Eltern, Psycholog - auch das no Blame Approach wurde angewendet, doch leider blieb der Erfolg aus!
Der Lehrer hatte (auch wenn er es nie direkt angesprochen hatte) selber vor den Jugendlichen in seiner Klasse angst und behauptete viele Vorkommnisse, die während dem Unterricht statt fanden gar nicht zu bemerken. Die Geschichte geht weiter und endet traurig. Unser Sohn musste schlussendlich in die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik für 6 Monate. Bestimmt nicht ausschliesslich nur wegen der Mobbinggeschichte aber diese hat tiefe Wunden und Narben hinterlassen. Da wir ihn nicht mehr zurück in die Wohnortschule gehen lassen wollten haben wir ihn in eine Heilpädagogische Schule geschickt, wo er sich gut, sicher und Wohl fühlt.
Meiner Ansicht nach stimmt die Aussage: Der Fisch beginnt immer im Kopf als erstes zu stinken! Kurz gesagt, wenn der Lehrer seine Mannschaft im Unterricht nicht im Griff hat braucht er evt. einen anderen Job oder selber Hilfe!

Liebe Grüsse an Alle!

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Von Helen am 12.09.2016 10:34

Ich muss zu meiner Schande zugeben, in meiner Schulzeit andere gemobbt zu haben. Seit meine 3 Kinder in der Schule sind, ist Mobbing immer wieder Thema im Schulhaus. Erst jetzt beginne ich zu begreifen, was ich meinen Opfern jeweils angetan habe. Ich habe auch lange überlegt wie es dazu gekommen ist. Meine Erkenntnisse zeigen, dass vieles unbewusst von zuhause mit einfliesst. Bei uns war ganz klar, dass wir die "Richtigen" sind, das heisst alles was anders oder fremd war, wahr falsch. Ich hoffe, meinen Kindern sehr viel Toleranz mitzugeben und gebe mir Mühe ihnen zu zeigen, dass innere Werte mehr zählen. Und vor allem sprechen wir viel über" Gott und die Welt", auch völlig offen über Tabuthemen! Früher bei uns gab es nie offene Worte, aber wir Kinder spürten , das etwas im Busch war.Ich hoffe auch, meine Opfer bald zu treffen und mich bei ihnen zu entschuldigen.

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