«Begleiten statt verbieten» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

«Begleiten statt verbieten»

Lesedauer: 2 Minuten

Wie lernen Kinder einen vernünftigen Umgang mit digitalen Medien.
Sechs Fragen an Thomas Feibel, Fritz+Fränzi-Kolumnist und Leiter des Büros für Kindermedien in Berlin.

Interview: Virginia Nolan
Bilder: Fabian Hugo / 13 Photo

Herr Feibel, wann beginnt Medienerziehung?

Quasi von Geburt an. Das Foto vom ersten Schrei ist der Auftakt zu einer endlosen Bildreihe, mit der wir Entwicklungsschritte unseres Kindes dokumentieren. Das war schon immer so. Neu ist, dass wir die (Handy-)Kamera ständig zücken. Entsprechend früh lernen Kinder, zu posen. Dann wundern wir uns, warum sie mit 15 ständig Selfies machen und sich auf Instagram präsentieren. Vielleicht würden sie das auch sonst tun, doch das Beispiel zeigt, wie wir selbst ein Verhalten fördern, über das wir uns später aufregen.

Darf mein Kleinkind mit Tablets und Co. spielen?

Kinder unter drei Jahren sollten möglichst keine digitalen Medien konsumieren. Theorie und Familienalltag passen aber nicht immer zusammen: Wir können den 3-Jährigen schlecht aus dem Raum schicken, wenn die 6-Jährige einen Film schaut. Eltern müssen stets neu austarieren, was ihnen möglich und dem Kind gegenüber vertretbar ist. Da plädiere ich für gesunden Pragmatismus. Gleichzeitig brauchen Kinder präsente Eltern: Besser, das Kind hat auf dem Spielplatz 45 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit, als wenn Eltern drei Stunden bleiben und das Handy mitnehmen.

Wann darf mein Kind ein Smartphone haben?

Bei einem Primarschulkind hat ein Smartphone bis zur fünften Klasse nichts verloren, denn das Kind wird schnell überfordert und trifft womöglich auch auf verstörende Inhalte. Wenn Eltern ihr Kind im Notfall erreichen wollen, tut es auch ein Tastenhandy. Zu Hause kann das Kind das Tablet oder Smartphone der Eltern zu gemeinsam vereinbarten Zeiten und Zwecken nutzen – im Blickfeld der Erwachsenen.
Thomas Feibel ist einer der führenden Journalisten zum Thema Kinder und neue Medien im deutschsprachigen Raum. Er leitet das Büro für Kindermedien, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare und schreibt Bücher zum Thema.  Lesen Sie das den Hauptartikel «Generation Smartphone».
Thomas Feibel ist einer der führenden Journalisten zum Thema Kinder und neue Medien im deutschsprachigen Raum. Er leitet das Büro für Kindermedien, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare und schreibt Bücher zum Thema.
Lesen Sie das den Hauptartikel «Generation Smartphone».

Wie regeln wir den Medienkonsum?

Ich empfehle, gemeinsam einen Mediennutzungsvertrag abzuschliessen. Das Kind erklärt, wie und warum es ein Medium nutzen möchte, auch die Eltern bringen ihre Forderungen mit ein. Auf mediennutzungsvertrag.de finden sich Vorlagen nach Altersstufe und Medium, inklusive Vorschläge zu Nutzungsregeln. Oft bekommt das Kind das alte Smartphone von Mutter oder Vater und rutscht einfach so in die Mediennutzung hinein. Aber ohne Einführung geht es nicht: Wir schicken Kinder auch zur Verkehrskunde, bevor es auf die Strasse geht. Mit dem Vertrag allein ist das Thema Medien nicht erledigt. Kinder werden älter, ihre Ansprüche ändern sich, es kommen neue Geräte, Spiele, Apps und Herausforderungen dazu.

Wie weisen wir Kinder auf Gefahren hin?

Kinder, die das Internet allein nutzen können, sind auch alt genug für klare Worte: Es gibt Erwachsene, die im Internet mit Kindern über Sex reden oder sich mit ihnen zum Sex verabreden wollen, und das ist nicht in Ordnung. Es gilt Kindern zentrale Dinge klarzumachen, etwa, was mit Fotos passieren kann, die sie online stellen. Die wichtigste Botschaft lautet: Wenn dir etwas komisch vorkommt, ruf mich. Risiken zu thematisieren bedeutet aber nicht, nur noch darüber zu sprechen. Wenn ein Kind Fahrrad fahren lernt, reden wir ja auch nicht dauernd über Verkehrsunfälle.

Es heisst, Eltern sollten im Hinblick auf digitale Medien selbst à jour sein. Müssen wir jetzt TikTok und Co. installieren?

Nein. Aber Sie müssen sich über Apps und Spiele informieren, die Ihr Kind nutzt. Es gibt im Internet unzählige Elternseiten dazu. Bei Computerspielen lohnt es sich, den Trailer auf Youtube anzusehen. Es ist ein Trugschluss, zu denken, Kinder seien uns in Sachen digitale Medien überlegen. Sie sind technisch versiert, können die Folgen ihres Handelns aber nicht abschätzen. Da sind sie auf Eltern angewiesen, die Orientierung bieten, Werte vermitteln. Die haben sich im Internetzeitalter nicht verändert: Im Kern geht es darum, wie man respektvoll miteinander umgeht, für sich selbst einsteht und die Bedürfnisse anderer achtet.
Serie: Computergames von Thomas FeibelKaum etwas hat auf Jugendliche eine so grosse Sog­wirkung wie Computerspiele. Worin liegen die Faszination und die Chancen? Welche Gefahren birgt das Zocken am Computer und wie schützen wir unsere Kinder davor? Hier lesen Sie alle Artikel der Serie
Serie: Computergames von Thomas Feibel
Kaum etwas hat auf Jugendliche eine so grosse Sog­wirkung wie Computerspiele. Worin liegen die Faszination und die Chancen? Welche Gefahren birgt das Zocken am Computer und wie schützen wir unsere Kinder davor?
Hier lesen Sie alle Artikel der Serie

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Alle Artikel von Thomas Feibel

Lesen Sie mehr zum Thema Medienkonsum:

Medien
Grenzen setzen beim Handygebrauch – aber wie?
Die Handynutzung ist in vielen Familien ein ständiger Streitpunkt. Dabei gewinnt, wer einen Schritt auf sein Kind zugeht.
Medienerziehung
Tiktok als Einstiegsdroge?
Immer öfter werden Rauschmittel in sozialen Netzwerken glorifiziert. Mit fatalen Folgen für Kinder und Jugendliche. Wie Eltern diesem Trend begegnen sollten.
Advertorial
ProSpiel – wir fördern Kinder!
Spiel und Bewegung fördern die Entwicklung von Kindern.
Medienerziehung
Cybergrooming als Todesfalle
Eine Teenagerin wird tot aufgefunden. Der Fall Ayleen zeigt, dass Eltern die Games ihrer Kinder kennen sollten.
Medien
Wie Influencer unsere Kinder beeinflussen
Leitfiguren aus dem Internet prägen Werte und Verhalten Jugendlicher, daher sollten Eltern sie kennen.
Medienerziehung
Wie digitale Bildung gelingt
Wie digitale Bildung gelingt streiten Experten. Doch eins ist klar: In der Schule braucht es vor allem pädagogische Konzepte.
Medien
Es muss nicht immer pädagogisch wertvoll sein
Wir Eltern entspannen gerne vor dem Bildschirm. Bei unseren Kindern sehen wir dasselbe aber oft gar nicht gerne. Warum?
Medien
Gamen ist nicht so schlimm, wie Sie denken
Computerspiele sind in vielen Familien verpönt oder gar verboten. Dabei können Kinder beim Gamen einiges lernen.
Kindergarten
Kinderbilder im Netz – darauf sollten Eltern achten
Der erste Chindsgi-Tag! Das möchte man als Eltern teilen. Schnell ist der Schnappschuss veröffentlicht. Sollte man das wirklich tun?
Medien
Was ist wichtiger: die reale oder virtuelle Welt?
Eltern sehen es lieber, wenn sich ihre Kinder im realen Leben statt online treffen. Jugendliche sind da wesentlich entspannter.
Medienerziehung
Wie wird mein Kind tolerant im Netz?
Soziale Medien sind Fluch und Segen. Sicher ist: Wenn wir Kindern Toleranz beibringen wollen, müssen wir uns selbst darin üben.
Medien
Wie fest sollen Eltern das Handy ihres Kindes kontrollieren?
Mit dem eigenen Handy steigt die Gefahr, dass ein Kind auf ungeeignete Inhalte stösst. Dann braucht es Gespräche.
Medien
Trotz Internet: Das Kinderlexikon ist nicht totzukriegen
Früher waren sie Statussymbole gutsituierter Haushalte, dann machte das Internet den Enzyklopädien den Garaus. Umso erstaunlicher ist die Renaissance, die Kinderlexika derzeit erleben. Dabei gibt es gleich mehrere Gründe, die für die dicken Schmöker sprechen.
Mediennutzung
Was Eltern über Snapchat wissen sollten
80 Prozent der Schweizer Jugendlichen nutzen die App Snapchat mehrmals ­täglich. Was Eltern darüber wissen sollten. 
Medien
Was tun, wenn das Kind keine Bücher lesen will?
Auf diese und sieben weitere Fragen gibt das Kapitel «Lesen und Medien» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
Was ist Twitch?
Auf diese und sechs weitere Fragen gibt das Kapitel «Fernsehen und Medien» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
Ab wann ist ein Kind spielsüchtig?
Auf diese und zehn weitere Fragen gibt das Kapitel «Gaming» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
Welche Rolle haben Influencer?
Auf diese und drei weitere Fragen gibt das Kapitel «Einflüsse und Medien» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
Kann ein Kind heute noch ohne digitale Medien aufwachsen?
Auf diese und fünf weitere Fragen gibt das Kapitel «Medienkompetenz» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
Wie kann ich mein Kind für Datenschutz sensibilisieren?
Auf diese und acht weitere Fragen gibt das Kapitel «Sicherheit und Medien» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
Was tun, wenn das Kind im Netz gemobbt wird?
Auf diese und fünf weitere Fragen gibt das Kapitel «Gefahren und Medien» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
Ab wann spricht man von einer Smartphone-Sucht?
Auf diese und fünf weitere Fragen gibt das Kapitel «Gesundheit und Medien» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Medien
 Was bringt ein Handyverbot in der Schule?
Auf diese und drei weitere Fragen gibt das Kapitel «Schule und Medien» des Dossiers «100 Fragen - 100 Antworten zum Thema Medien» Antwort.
Redaktionsblog
Medienerziehung: Unser Thema im Mai
Wie lernen Kinder einen gesunden Umgang mit digitalen Geräten? Die 100 wichtigsten Fragen und Antworten zu Medienerziehung.
Medien
100 Fragen – 100 Antworten zum Thema Medien
Ab welchem Alter soll mein Kind ein eigenes Handy bekommen? Wie viel Medienzeit ist zu viel? Wann ist ein Jugendlicher spielsüchtig? Auf diese und 97 weitere Fragen gibt dieses Dossier Antworten.