Schule
Seite 2

Was könnte Abhilfe schaffen?

Der Staat hätte aus meiner Sicht die Aufgabe, früh in betroffene Familien einzugreifen, und zwar auf verpflichtender Basis. Ob nun in Form von Ganztagesstrukturen wie Vorschulen oder Sprachförderkursen. Sinnvoll wäre es, Kinder im Alter von etwa drei Jahren abzuholen. Aber in solchen Fragen ist sich hierzulande niemand einig. Gut situierte Eltern werden jedenfalls nicht aufhören, ihre Kinder zu fördern, das ist ihr Recht.
«Schreibt ein Kind gute Noten, heisst es oft vorschnell: ab ins Gymi. Es wäre wünschenswert, dass die Schule nicht so stark auf Noten fokussieren würde.»
Margrit Stamm

Wer gehört aus Ihrer Sicht ans Gymnasium?

Kinder, die entsprechende kognitive Fähigkeiten wie eine gute Auffassungsgabe, vor allem aber auch akademische Interessen mitbringen. Das bedeutet, dass sie gerne lernen, Freude daran haben, sich hinzusetzen, in Inhalte zu vertiefen oder an einer Aufgabe zu knobeln. Leider geht vergessen, dass Kinder oft weder gute kognitive Fähigkeiten noch besagte Neigungen haben. Und es gibt Jugendliche, die zwar wendig im Geist, aber auf Dauer unzufrieden sind, wenn sie die Schulbank drücken müssen. Schreibt ein Kind gute Noten, heisst es oft vorschnell: ab ins Gymi. Es wäre wünschenswert, dass die Schule nicht so stark auf Noten fokussieren würde.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Im Lehrplan 21 wurde den sogenannten überfachlichen Kompetenzen ein besonderer Stellenwert ­eingeräumt. Ich hoffe, dass dies irgendwann auch in der Praxis der Fall sein wird. Im Hinblick aufs Gymnasium sind zum Beispiel selbständiges Denken, Eigeninitiative oder Ausdauer wichtige überfachliche Kompetenzen, um in diesem Schultyp und später an der Uni bestehen zu können. Sinnvollerweise müsste sich die Schule stärker an solchen Voraussetzungen orientieren – und an Elterngesprächen früh thematisieren, inwiefern ein Kind sie mitbringt. Der Tunnelblick auf die Noten hat problematische Folgen.

Nämlich?

Er führt dazu, dass Kinder und Eltern mit vereinten Kräften auf ein Produkt hin büffeln: den Mindestnotenschnitt oder Prüfungen. So bringen wir Kinder erstens um die Erfahrung, dass Lernen Spass machen kann, und nehmen ihnen langfristig die Freude an der Schule. Zweitens lenkt dieser Fokus aufs Produkt vom selbständigen Denken ab, was dazu führt, dass viele junge Menschen nicht wissen, was sie interessiert, sondern einfach tun, was den Erwartungen entspricht, in der Regel jenen der Eltern. Die wiederum sind zufrieden, wenn der Nachwuchs spurt – und gerne bereit, ihm dafür alles andere abzunehmen. An der Universität Fribourg, wo ich dozierte, war es zu Semesterbeginn üblich, dass unter 30 Studenten auch gut sechs Mütter sassen, die wissen wollten, was den Nachwuchs erwartet. Den Jungen schien es nicht peinlich zu sein.
Anzeige

Weiterlesen zum Thema Gymnasium oder Sek

Die Wahl der weiterführenden Schule, ist grosses Dossierthema der Ausgabe 11/19. Dieses Magazin können Sie hier bestellen.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.