Herr Rüttimann, wie gelingt die Integration?
Schule

Herr Rüttimann, wie gelingt die Integration?

Inklusion und Chancengerechtigkeit sind für Dieter Rüttimann nicht einfach Worthülsen. Der erfahrene Pädagoge und Gründer einer Zürcher Gesamtschule weiss, dass ein inklusiver Unterricht mit Schülern unterschiedlichster Begabungsprofile und Herkunft eine Bereicherung ist.
Interview: Eveline von Arx
Bilder: Hans Schürmann / 13 Photo
Beim kurzen Rundgang durchs Schulhaus Unterstrass in Zürich trifft Dieter Rüttimann auf Kinder, die er an diesem Tag zum ersten Mal sieht: «Wir haben uns heute noch gar nicht Hallo gesagt!» Der Schulleiter grüsst herzlich zurück. Alle sind hier ganz selbstverständlich per Du.

Herr Rüttimann, unter «Inklusion» versteht man, dass alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben können. Was heisst das für die Schule?

Das bedeutet, dass Kinder, die systematisch benachteiligt werden, und die, die wir als «beeinträchtigt» oder «behindert» bezeichnen, auch die Regelschule besuchen können. Wissenschaftlich ist belegt, dass diese Kinder dann deutlich bessere Leistungsergebnisse zeigen, als wenn sie eine Sonderschule besuchen. Die Idee der Inklusion ist, dass auch in der Schule alle an allem teilhaben – was immer sie mitbringen.

Sie sprechen von «systematisch benachteiligt». Was verstehen Sie darunter?

Dass Kinder aus ungünstigen sozioökonomischen Verhältnissen – also aus bildungsfernen, einkommensschwachen Schichten – viel weniger Chancen haben, zu einem hohen Bildungsabschluss zu kommen. Sie sind die Bildungsverlierer, denn in der Schweiz entscheidet bedauerlicherweise nach wie vor die soziale Herkunft über den Bildungserfolg. Im Zusammenhang mit Inklusion muss unbedingt auch über diese Kinder gesprochen werden. Inklusion bedeutet, dass wir in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren etwas mehr Chancengerechtigkeit realisieren können.

Sie sagten, an der Gesamtschule, die Sie leiten, hätten mindestens 25 Prozent der Kinder sogenannte «besondere Bedürfnisse». 

Damit sind Kinder mit einer Behinderung gemeint, solche, die von ADHS betroffen sind, Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder eine Störung aus dem Autismus-Spektrum aufweisen. Diese Kinder wurden im Kanton Zürich bis vor Kurzem noch in Sonderschulen und -klassen unterrichtet. Das heisst, die Kinder mit Körperbehinderung oder diejenigen mit Verhaltensauffälligkeiten waren ganz unter sich. Es ist jedoch nicht zielführend, etwa ausschliesslich Kinder mit Autismus, also Kinder, die Schwierigkeiten haben, Beziehungen aufzunehmen, gemeinsam zu unterrichten. Diese Kinder gehören zur Gesellschaft und sollten die gleichen Bildungschancen haben.
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«Kinder mit Handicap lernen in inklusiven Klassen oft besser als in Sonderschulen.»
Dieter Rüttimann, Erziehungswissenschaftler

Die Mutter eines Kindes mit Downsyndrom erzählte, ihr Kind habe sich an der Regelschule einsam gefühlt, und sie hat es deshalb in eine Sonderschule geschickt.

Es kann tatsächlich problematisch sein, wenn etwa nur ein Kind mit Downsyndrom, quasi als Exempel, eine Regeschule besucht. Bei uns an der Gesamtschule haben wir zurzeit zwei Kinder mit Downsyndrom. Die beiden Buben verstehen sich sehr gut, sie suchen sich in der Pause jeweils auf, und es ist rührend zu sehen, wie gern sie sich haben. Gerade bei Kindern mit Downsyndrom wissen wir oft nicht, wozu sie fähig sind. Einer dieser Buben verfügt über ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen. Wenn er nicht mit allen anderen am Geometrieunterricht teilnehmen würde, hätte man dies wahrscheinlich nie entdeckt. Und früher hatten wir einmal ein Kind mit Downsyndrom, das sehr gerne und gut Theater spielen konnte. Die ganze Klasse freute sich mit ihm darüber. In Sonderschulen hingegen sind solche Kinder in sehr spezialisierten Umgebungen und können nicht wirklich an der Gesellschaft teilhaben.

Worauf kommt es bei einer gelungenen Integration von Kindern mit einer Behinderung an?

Ein ganz wesentliches Kriterium ist, dass diese Kinder von ihren Klassenkameraden an Geburtstagsfeste eingeladen werden, dass sie auf dem Pausenplatz nicht alleine sind und auch bei Gruppenarbeiten nicht ausgeschlossen werden. Das heisst, im Alltag tragen die Mitschüler viel zur Inklusion bei. Die Lehrer müssen der Klasse aber die Möglichkeit geben, dieses Kind zu integrieren. Wie die Lehrperson mit dem Kind umgeht, ist entscheidend – sie ist auch hierin ein Vorbild. Wenn ein Lehrer ein Kind nicht so akzeptiert, wie es ist, tun dies die Mitschüler oft auch nicht. Steht der Lehrer aber hinter dem schwächsten Kind, gehört dieses selbstverständlich mit zur Klasse. Kinder gehen mit Vielfalt grundsätzlich gut um. Wenn wir Erwachsene aber Ausschluss tradieren, übernehmen das die Kinder auch. 
«Wenn in einer Schule niemand ausgeschlossen wird, profitieren letztlich alle», sagt Dieter Rüttimann.
«Wenn in einer Schule niemand ausgeschlossen wird, profitieren letztlich alle», sagt Dieter Rüttimann.

Wie gestaltet sich denn der Unterricht, wenn Kinder mit Downsyndrom, normal begabte und sehr leistungsstarke Schüler zusammen in der gleichen Klasse sind?

Unter anderem ist dabei der Unterricht am gemeinsamen Gegenstand zentral. Als Beispiel: Wenn in der Grammatik der Satzbau unterrichtet wird, dann können alle mitmachen – jedoch auf unterschiedlichen Levels. Und alle merken, dass z. B. der Bub mit dem Downsyndrom auch dabei ist. 

Und dann wenden skeptische Eltern ein, ihr leistungsstarkes Kind komme zu kurz, würde weniger gefördert und beachtet als die schwächeren Mitschüler ... 

Genau deshalb spielen die Unterrichtsqualität und vor allem auch die Aufgabenqualität eine entscheidende Rolle. Es müssen offene, interessante, herausfordernde Aufgaben gestellt werden, die den unterschiedlichen Kindern verschiedene Zugänge erlauben, so dass die Leistungsstarken die Möglichkeit haben, eine andere Verstehungstiefe zu erreichen.

Können Sie uns ein Beispiel für eine solche Aufgabe nennen? 

Wenn sich Fünft- oder Sechstklässler acht Fussballmannschaften vorstellen müssen und dabei jede gegen jede spielen sollte. Diese Aufgabe kann man handelnd lösen. Mit Figuren, verschiedenen Pfeilen. Oder man kann sie mathematisch bearbeiten: Dann geht es darum, herauszufinden, wie man vorgehen soll, wie viele Spiele es bei einer Mannschaft, bei zwei Mannschaften gibt. Es entsteht eine erste Tabelle. Die Stärkeren können dann versuchen, sich einen Graphen vorzustellen: auf der einen Achse die Anzahl Mannschaften, auf der anderen die Anzahl Spiele.  Wie gestaltet sich die Kurve? Und auf einer noch höheren Stufe können die Schüler dann versuchen, Zusammenhänge zu erkennen, wiederkehrende Muster, so dass sie schliesslich ein Prinzip, also eine Funktion, dahinter sehen. Wenn die Kinder dann ihre Ergebnisse den anderen präsentieren, profitieren alle voneinander. Indem sie sich gemeinsam über die Aufgabe austauschen, geschieht Inklusion.

Wenn ein wesentlicher Faktor für erfolgreiches inklusives Lernen die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler ist, was bedeutet dies denn für die Ausbildung der Lehrkräfte?

Ich erachte es als Grundvoraussetzung für den Lehrberuf, alles Lebendige zu lieben und ein tiefes Interesse am Individuum zu haben. Es ist wichtig, mit einer positiven Haltung auf Kinder zuzugehen. Das geht über Sympathie hinaus. Lehrer sollten herüberbringen, dass die Kinder so «richtig» sind, wie sie sind. Es bedeutet aber auch, dass Lehrer in ihrer Ausbildung dafür sensibilisiert werden, welche Bedeutung ihre Erwartungen an die Schüler haben.

Worauf kommt es in einem inklusiven Unterricht noch an?

Auf die Beziehungsqualität zwischen Lehrperson und Schüler. Sie ist absolut entscheidend. Wir müssen uns stets fragen, wie wir eine Umgebung schaffen, in der wir das Potenzial aller Kinder auf der Basis sehr guter und tragfähiger Beziehungen zur Entfaltung bringen können. Die gute Beziehungsqualität wirkt sich auf die ganze Schule aus. 
Dieter Rüttimann, Erziehungswissenschaftler, im Gespräch mit unserer Autorin Eveline von Arx. 
Dieter Rüttimann, Erziehungswissenschaftler, im Gespräch mit unserer Autorin Eveline von Arx. 

Was heisst das?

Bekommt ein Kind stets einfache Fragen oder Aufgaben gestellt, übernimmt es dieses Fremdbild des Lehrers – und wird zu seinem Selbstbild. Es leistet dann weniger. Kürzlich sagte mir ein Schüler, ich würde ihn oft für Dinge loben, die für ihn sehr einfach wären. Das gäbe ihm das Gefühl, dass ich ihm schwierigere Aufgaben nicht zutrauen würde. Ein solch differenziertes Urteil eines Schülers ist für den Lehrer Gold wert – es kann aber nur auf der Basis einer tragfähigen Beziehung geäussert werden. Und es bedeutet auch, dass Lehrer immer wieder bereit sind, sich selbst kritisch zu hinterfragen. 

Wie können Rückmeldungen der Schüler über den Unterricht und den Lehrer gezielt abgeholt werden

Es gibt da verschiedene Methoden. Bei uns an der Gesamtschule führen wir mit jedem Kind viermal im Jahr eine Art Standortgespräch über dessen Lernprozess durch. Im Fokus steht dabei, wie es dem Kind geht, was es braucht. Das ist bereits mit Erstklässlern möglich, auch wenn sich diese noch nicht selber einschätzen müssen, da es in dem Alter noch völlig normal ist, dass sie sich tendenziell überschätzen. Das gibt ihnen die Freiheit, aus eigenem Antrieb etwas zu lernen: Selbst wenn sie hundertmal vom Einrad fallen, üben sie weiter, bis sie es können, während Erwachsene schon längst aufgegeben hätten. Es geht also vor allem darum, die Kinder zu fragen, was sie denn gerne noch lernen würden, wozu sie Lust hätten. Schulen, an denen inklusiv unterrichtet wird, verfügen meist über mehr Lehrpersonen pro Klasse. 

Das generiert auch Kosten.

Ja, aber wenn Kinder in Kleinklassen an Sonderschulen unterrichtet werden, kostet dies viel mehr! Wichtig ist auf jeden Fall, dass Lehrer an inklusiven Schulen über eine entsprechende Weiterbildung verfügen. Zentrale Grundlagen liessen sich aber auch in der Ausbildung für angehende Lehrer vermitteln. Es ist heute sowieso unumgänglich, dass sich Lehrpersonen weiterbilden. 
«Für erfolgreiche Inklusive ist die Beziehung zwischen Schüler und Lehrperson entscheidend.»
Dieter Rüttimann, Erziehungswissenschaftler

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass Eltern, die Erfahrungen mit inklusiven Schulen haben, diese besser beurteilen als Mütter und Väter, deren Kinder nicht in solche Schulen gehen. Letztere stehen der Inklusion oft skeptischer gegenüber. Wie erklären Sie sich das?

Das ist wie mit dem Thema Migration: An den Schulen, die seit vielen Jahren einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund aufweisen, stellt die Integration meistens kaum ein Problem dar. Doch ich merke auch, dass Eltern sich verändern, wenn ihr Kind in einer inklusiven Schule ist. Eltern, die Vorbehalte gegenüber einem Kind mit Downsyndrom hatten, änderten ihre Einstellung, nachdem sie ins Schullager mitgekommen  waren. Das Kind verbrachte viel Zeit in der Küche, lobte die Kochkünste, und sie merkten, dass der Bub ein richtiger Sonnenschein ist! 

Der inklusive Unterricht wird also sowohl der ganzen Klasse als auch dem Individuum besser gerecht?

Ja – weil niemand ausgeschlossen und viel ungenutztes Potenzial genutzt wird. Davon profitieren alle. Unser duales Berufsbildungssystem hierzulande fängt sehr viel auf, was die Schule versäumt hat. Das ist zwar ein grosses Plus. Es gibt jedoch immer noch zu viele Kinder, die intelligent sind, aber aufgrund ihres bildungsfernen Hintergrundes kaum Chancen haben, zu reüssieren.

Mit Vielfalt in der Schule umgehen heisst also …

… den Kindern zu vermitteln, dass wir alle verschieden sind. Dass das aber auch sehr interessant ist. Wie langweilig, wenn alle gleich wären! Oder wie es ein ehemaliger Schüler und Mitglied des Theaters HORA (ein Theaterensemble mit Schauspielern mit einer geistigen Behinderung, Anm. der Redaktion) in einem Interview auf die Frage, wie es für ihn denn als Kind gewesen sei, anders zu sein, treffend formulierte: «Ja, ich war anders. Aber die anderen waren es auch.»

Zur Person

Dieter Rüttimann, Professor, 60, ist Erziehungswissenschaftler lic. phil., Primarlehrer und Leiter der inklusiven Gesamtschule Unterstrass in Zürich, die er 1981 gründete. Er ist Vater zweier erwachsener Kinder und hat ein dreijähriges Enkelkind. www.gesamtschule-unterstrass.ch

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