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7 Mythen und Fakten zu Inklusion

Lesedauer: 5 Minuten

In der Diskussion über Inklusion gibt es einige Argumente, die immer wieder fallen. Das sind die besonders häufig gehörten Aussagen und ihr Wahrheitsgehalt.

Text: Virginia Nolan
Bild: Ornella Cacace / 13Photo

1. In der Schweiz gehen immer weniger Kinder auf eine Sonderschule

Im Schuljahr 2020 / 21 besuchten hierzulande 1,8 Prozent der Kinder im obligatorischen Schulalter eine Sonderschule – etwas mehr als 1999 / 2000 (1,7 Prozent). Das zeigen Daten des Bundesamts für Statistik. «Die schulische Integration von Kindern mit besonderem Bildungsbedarf zeigt keine Wirkung auf die Sonderschulquote», sagt Beatrice Kronenberg, die Daten im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation analysierte.

Inklusiv beschulte Kinder erzielen mindestens gleich gute, häufiger sogar leicht höhere Lernfortschritte als Sonderschüler.

Gérard Bless, Professor für Sonderpädagogik an der Universität Freiburg

Stark gesunken ist hingegen der Anteil Lernender, die Sonderklassen an den Regelschulen, sogenannte Kleinklassen, besuchen: von 4,3 Prozent zur Jahrtausendwende auf 1,2 Prozent im Schuljahr 2020 / 21. Kompensiert wird die Schliessung von Sonderklassen zum Teil mit verstärkten Massnahmen: 2020 / 21 profitierten 2,4 Prozent der Lernenden in Regelklassen von sonderpädagogischer Spezialbetreuung.

2. Sonderschulen fördern Kinder mit hohem Bildungsbedarf besser

«Inklusiv beschulte Kinder erzielen mindestens gleich gute, häufiger sogar leicht höhere Lernfortschritte als Sonderschüler», sagt Forscher Gérard Bless von der Universität Freiburg. Zu einem ähnlichen Schluss kam 2011 das deutsche Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das Daten von 27 000 Kindern auswertete.

«Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die in einer Regelschule unterrichtet werden», fassen die Forscher zusammen, «weisen in allen untersuchten Bereichen höhere Leistungen auf als vergleichbare Schüler in Förderschulen.»

So hätten inklusiv beschulte Kinder in Mathe und Lesen einen Leistungsvorsprung von bis zu einem halben Jahr. Allerdings ist die IQB-Studie nur eine Momentaufnahme. Die Lernentwicklung über die Zeit beleuchtet hingegen eine Längsschnittstudie der Universität Bielefeld von 2017. Sie zeigt: Richtet man den Blick auf die Leistungsentwicklung während drei Jahren, fällt die Schulform kaum mehr ins Gewicht.

«Zwar kommt die Leseentwicklung von inklusiv beschulten Kindern etwas schneller voran als die von Förderschülern, dafür machten letztere etwas bessere Schreibfortschritte», sagt Studienmitautorin Birgit Lütje-Klose. «Förderschulen fördern nicht besser – aber auch nicht schlechter.»

3. Beeinträchtigte Kinder fühlen sich in der Regelschule gestresst

Im Rahmen einer vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Studie gingen die Forscher Carmen Zurbriggen und Martin Venetz der Frage nach, wie Kinder mit Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten den Regelschulunterricht erleben. Sie begleiteten über 800 Kinder aus 40 sechsten Primarklassen während jeweils einer Woche. Dabei wurden die Kinder mehrmals pro Tag aufgefordert, ihr momentanes Befinden zu dokumentieren.

Kinder mit Lernschwierigkeiten sind nicht häufiger gestresst als Mitschüler.

Die Auswertung zeitigte Resultate, die das Forscherteam so nicht erwartet hätte: «Kinder mit Lernschwierigkeiten fühlten sich im Unterricht offensichtlich nicht überfordert. Sie waren nicht häufiger gestresst als Mitschülerinnen, sondern zeigten im Vergleich zu diesen im Durchschnitt sogar öfter ein positives emotionales Erleben», sagt Zurbriggen. Bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten zeigte sich ein anderes Bild: Sie waren öfter und stärker gestresst als ihre Klassenmitglieder.

4. Integrierte Kinder finden an der Regelschule keinen Anschluss

«Tatsächlich belegen Untersuchungen, dass Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf an der Regelschule sozial weniger gut akzeptiert sind als durchschnittlich entwickelte Gleichaltrige», sagt Forscher Bless. Am deutlichsten äussere sich dies bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten. Bei Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten zeigten Befunde häufig, bei geistig beeinträchtigten Kindern teilweise in eine ähnliche Richtung.

Manche Kinder haben nur eine Freundin, fühlen sich damit aber sozial gut aufgehoben.

Carmen Zurbriggen, Professorin an der Universität Luxemburg

«Allerdings definieren die meisten Studien soziale Teilhabe quantitativ, also über die Anzahl Sozialkontakte des Kindes, und stützen sich oft auf Angaben der Peers oder Lehrperson», betont Forscherin Zurbriggen. Mintunter relativierten Befragungen, bei denen Kinder selbst Auskunft geben, das Bild: «Manche Kinder haben beispielsweise nur eine Freundin, fühlen sich damit aber sozial gut aufgehoben.»

Eine Längsschnittstudie der Universität Freiburg legt zudem nahe, dass sich ein Blick über die Schule hinaus lohnt: Sie kommt zum Schluss, dass integriert beschulte Kinder ein aktiveres Freizeitverhalten, mehr sozialen Austausch und einen geringeren Medienkonsum haben als Gleichaltrige aus Sonderschulen.

5. Die schulische Integration geht auf Kosten der Normalbegabten

Bremsen Kinder mit sonderpädagogischer Unterstützung andere aus? Das wollten Wissenschaftler der Universitäten St. Gallen und Zürich wissen. Die Arbeit hat ihnen 2021 den Schweizer Preis für Bildungsforschung eingetragen und erfasst schulische Leistungen, erste Berufsjahre und den späteren Lohn von 50 000 Jugendlichen aus dem Kanton St. Gallen im Zeitraum von 2008 bis 2017.

Zunächst bestätigen die Resultate, was viele befürchten: Integrierte Kinder beeinflussen ihre Peers negativ. Allerdings: «Erstens ist dieser Effekt moderat, wenn es um die Schulleistungen geht, unbedeutend klein, was die Löhne betrifft – und nicht nachweisbar im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit», so Forscherin Beatrix Eugster. «Zweitens tritt er erst auf, wenn Kinder mit besonderem Bildungsbedarf mehr als 15 bis 20 Prozent der Klasse ausmachen.»

Integriert beschulte Kinder haben mehr sozialen Austausch und einen geringeren Medienkonsum als Gleichaltrige.

Was wäre, wenn alle Kinder mit besonderem Bildungsbedarf separiert würden? Dieses Szenario greifen die Forscher ebenfalls auf und zeigen, dass durchschnittlich schlechtere Schulleistungen in der gesamten Altersgruppe die Folge davon wären.

«Negative Effekte würden nicht mehr durch Durchmischung abgefedert und fielen stärker ins Gewicht: Die Klassen mit ausgesonderten Kindern würden viel schlechter abschneiden, während die anderen nur leicht bessergestellt wären», erklärt Eugster. «Insgesamt betrachtet überwiegen daher die Vorteile der integrativen Schule.»

6. Ob ein Kind auf der Sonderschule landet, hängt von seinem sozialen Hintergrund ab

«Die Sonderschule setzt eine Diagnose voraus, was Einflussfaktoren der Herkunft mildert», sagt Andrea Lanfranchi von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Dennoch sei der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund an Sonderschulen deutlich höher. Im Kantons Zürich etwa betrage er 40 Prozent – gegenüber 25 Prozent an der öffentlichen Primarstufe. 

Seit 1990 steigen die ­Bildungsausgaben pro Kind mit jedem Jahr an – sowohl im ­Bereich Sonderschulen als auch in der Regelschule. 

Von Diskriminierung spricht Lanfranchi im Zusammenhang mit den Sonderklassen an Regelschulen: Dort hätten acht von zehn Kindern Migrationshintergrund. Im Rahmen einer Studie hat Lanfranchi Fallbeispiele verfremdet und sie Lehrpersonen und Schulpsychologen zur Planung von Massnahmen vorgelegt.

Das Resultat: «Wenn ein Kind Antonio heisst und sein Vater Hilfsarbeiter ist, ist die Wahrscheinlichkeit dreimal höher, dass es bei Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen in eine Sonderklasse geschickt würde, als wenn es – bei identischer Problemlage – Mike hiesse und Arztsohn wäre.»

7. Inklusion ist eine Sparübung

Oft sind es Lehrpersonen, die den Vorwurf äussern, es werde im Namen der Integration gespart. «Was an Daten verfügbar ist, spricht eher nicht für diese Behauptung», sagt Expertin Beatrice Kronenberg. Auch zeigen Daten des Bundesamts für Statistik: Seit 1990 steigen die Bildungsausgaben pro Kind mit jedem Jahr an – sowohl im Bereich Sonderschulen als auch in der Regelschule.

Die Sonderschulquote ist über die Jahrzehnte leicht angestiegen. Demgegenüber haben viele Kantone die Sonderklassen abgeschafft, ein Angebot der Regelschule für lernschwache, verhaltensauffällige oder fremdsprachige Kinder. Diese Kinder besuchen nun vielerorts Regelklassen, in denen verstärkte Massnahmen ihren erhöhten Bildungsbedarf auffangen sollen.

Das ist aber nicht immer der Fall, wie Kronenbergs Bericht zeigt: Etwa dann, wenn Lernziele aufgrund von Lernschwierigkeiten reduziert werden, die betroffenen Kinder aber keine sonderpädagogische Unterstützung erfahren.

«Früher kamen Kinder mit Lernzielanpassungen in eine Sonderschule oder Sonderklasse», sagt Kronenberg. «Heute kommt es vor, dass sie in einer Regelklasse sitzen und keine verstärkten Massnahmen erhalten.» Laut Kronenberg betraf diese Konstellation im Schuljahr 2019/20 rund 3600 Schülerinnen und Schüler mit reduzierten Lernzielen in drei oder mehr Fächern und 10 000 weitere mit Anpassungen in ein bis zwei Fächern. «Man lässt diese Lernenden einfach mitlaufen, ohne ihrem Förderbedarf gerecht zu werden.

Typischerweise sind es im Verhalten unauffällige Kinder, die von diesem Missstand betroffen sind. Sie gehen unter, weil die Aufmerksamkeit der Lehrperson durch andere absorbiert wird. Ihre Eltern sind oft nicht in der Lage, sich für sie einzusetzen, weil sie mit dem Schulsystem hierzulande nicht vertraut und sich nicht bewusst sind, mit welch einschneidenden Konsequenzen Lernzielanpassungen verbunden sind, gerade im Hinblick auf die Berufswahl.»

Die 11 wichtigsten Begriffe zu Inklusion:

Was bedeutet ein besonderer Bildungsbedarf genau und was versteht man unter integrativer Förderung? Wir haben für Sie ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen der sonderpädagogischen Massnahmen der Volksschule zusammengestellt. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer Tochter im Primarschulalter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

Alle Artikel von Virginia Nolan

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