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«Wir haben das gesunde Mass verloren»

Lesedauer: 4 Minuten

Sonderpädagogik-Experte Gérard Bless ist trotz vieler Stolpersteine ein Befürworter der integrativen Schule. Er erklärt, warum viele Lehrpersonen aussteigen, immer mehr Kinder therapiert werden – und ob Inklusion noch mehr Ressourcen braucht.

Interview: Virginia Nolan
Bild: Ornella Cacace / 13Photo

Herr Bless, warum sollen Kinder mit Verhaltensproblemen oder Behinderungen die Regelschule besuchen?

Weil dies ihre Chance erhöht, in die Gesellschaft integriert zu sein. Wir haben mehrere Vergleichsstudien zu ihrer Entwicklung in Sonder- oder Regelschule gemacht. Kinder mit Beeinträchtigungen, die die Regelschule besuchen, profitieren schulisch mehr als solche, die in die Sonderschule gehen.

Am deutlichsten zeigen sich diese Lernfortschritte bei Kindern mit Lernbehinderungen, am wenigsten bei solchen mit Verhaltensauffälligkeiten. Bei Kindern mit geistigen Behinderungen sehen wir gewisse Vorteile im sprachlichen Bereich, nicht aber bei der Mathematik. Insgesamt betrachtet zeichnet sich ein leichtes Plus an Lernerfolg ab. Aus meiner Sicht ist ein anderer Befund jedoch zentraler.

Nämlich?

Dass die Integration an einer Regelschule im Wohnort die Aussicht auf soziale Teilhabe an der dortigen Gemeinschaft erhöht. Im Gegensatz zu Gleichaltrigen ohne Beeinträchtigung liegt die Perspektive von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in ihrer Wohngegend: Die zieht es nicht in die Ferne, wenn es um Ausbildung und Beruf geht, ihre Möglichkeiten bedingen einen lokalen Radius.

Gérard Bless ist Professor für Sonderpädagogik an der Universität Freiburg und forscht seit Anfang der 1990er-Jahre zur ­integrativen Schule. Seine Unter­suchungen über die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern gehören zu  den meistzitierten in diesem Bereich.

Darum ist es wichtig, sie nicht zu entwurzeln, sondern ihnen dort Perspektiven zu bieten, wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Leben verbringen werden.

Sie argumentieren stark aus der Sicht der betroffenen Kinder. Bei denjenigen, die Integration pädagogisch umsetzen müssen, häufen sich Klagen darüber.

Lehrpersonen haben eine ambivalente Einstellung zur integrativen Schule. Die meisten finden die Idee gut, haben aber Vorbehalte, wenn es darum geht, sich damit verbundenen Herausforderungen zu stellen. Also: Integration ja – aber lieber nicht in meiner Klasse. Dieses Fazit ist natürlich verkürzt, spiegelt aber den Trend aus den Befragungen. Die zeigen auch: Es kommt darauf an, um wen es geht.

Am meisten profitieren Kinder mit Lernbehinderungen vom Besuch der Regelschule, am wenigsten solche mit Verhaltensauffälligkeiten.

So stehen Lehrpersonen der Integration von Kindern mit Lern- oder Körperbehinderungen sowie Sprach- und Sprechstörungen offener gegenüber als der von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten. Bei Kindern mit geistigen Behinderungen äussern viele die Angst, mit dieser Herausforderung alleingelassen zu werden.

Die Sorge scheint berechtigt zu sein. Nur 60 Prozent derjenigen, die integrative Förderung anbieten, sind ausgebildete Heilpädagoginnen.

In manchen Kantonen ist die Quote sogar etwas tiefer. Aber: Kinder mit stark ausgeprägten Behinderungen gibt es nicht so viele. Sie sind eher die Ausnahme, mit der Schulen im Hinblick auf Integration konfrontiert sind, und dann sind auch geschulte Leute da, um die Lehrperson zu unterstützen. Würde der Lehrperson in dieser Konstellation die Unterstützung verweigert, und ein solcher Fall ist mir nicht bekannt, wäre dies rechtlich anfechtbar.

Solch engmaschige Unterstützung ist an einen Sonderschulstatus gekoppelt. Dabei hält auch das Spektrum des sogenannt Normalen einige Herausforderungen bereit – mit denen Lehrpersonen oft allein klarkommen müssen.

Ja, früher konnten sie verhaltensauffällige oder schulisch schwache Kinder wie auch solche, die der Sprache nicht mächtig waren, in Kleinklassen schicken. Es gibt nur noch wenige Regelschulen, die solche Klassen führen.

Dafür hat man die Regelklassen mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet, also personeller Unterstützung in Form von Heilpädagogen, Logopädinnen, Klassenassistenzen und so weiter. Noch mehr Mittel zur Verfügung zu stellen bringt nicht viel, es wäre unter Umständen gar kontraproduktiv.

Kontraproduktiv inwiefern?

Erstens würden mit mehr Fachpersonal vor Ort Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf vermehrt separat unterrichtet und dann fehlte die positive Stimulation durch die Gleichaltrigen. Zweitens: Wenn ich Kinder, die pädagogisch herausfordernd sind, vorschnell an Experten delegiere, verliere ich als Lehrperson Übung und Kompetenz, mit solchen Herausforderungen umzugehen.

Kaum hörbares Lispeln, eine etwas ungelenke Stiftführung, schon ist ein Therapeut da. Ja, ich habe Zweifel, ob Ressourcen am richtigen Ort zum Einsatz kommen.

Die Schweizer Schulen sind gut dotiert. Fraglich ist, ob Ressourcen richtig eingesetzt werden, also die Kinder integrative Förderung erhalten, die sie auch nötig haben.

Haben Sie da Zweifel?

Ich frage mich, ob wir die Norm richtig setzen. Kindliche Entwicklung verläuft nicht linear, sondern wellenförmig und unterschiedlich schnell. Das Spektrum des Normalen ist sehr gross. Statt dies zu akzeptieren, geht man von einem Idealbild aus, dem Kinder entsprechen sollen. Die Toleranz gegenüber Abweichungen wird kleiner. Das führt zu immer mehr Massnahmen, auch wo kein Leidensdruck besteht.

Kaum hörbares Lispeln, eine etwas ungelenke Stiftführung, schon ist ein Therapeut da. Ja, ich habe Zweifel, ob Ressourcen am richtigen Ort zum Einsatz kommen. Wir haben das gesunde Mass verloren. Manche Schwierigkeiten gehören dazu, die lassen sich nicht pädagogisch beheben.

20 Prozent der Primarschulkinder gelten als so stark verhaltensauffällig, dass Beratungsbedarf besteht.

Die Verhaltensauffälligen will niemand, auch in den Sonderschulen nicht. Die Forschung zeigt, dass es keine gute Idee ist, sie mit ihresgleichen zu separieren. Dann fehlen positive Vorbilder, von denen sie lernen können, und Verhaltensprobleme verschärfen sich. Wenn wir sie aussondern, verschwinden diese Kinder aus den Regelklassen, nicht aber aus der Gesellschaft – der droht später ein Bumerangeffekt, der uns teuer zu stehen kommt.

Wie ist dem Problem dann beizukommen?

Die Schule allein kann es nicht lösen, da spielen so viele Faktoren mit hinein. Städtebauliche etwa im Hinblick auf eine Ghettoisierung, bei der in manchen Quartieren neun von zehn Kindern in sozial unterprivilegierten Familien aufwachsen. Bessere Prävention, wenn es um frühkindliche Förderung von solchen Kindern geht.

Auch gesellschaftliche Einflüsse fallen ins Gewicht: die Beschleunigung des Lebens, die unentwegte Konfrontation mit Reizen, die auf Kinder und Eltern durchschlägt, hohe berufliche Anforderungen und knapp bemessene Familienzeit, unter denen die Erziehung leidet, weil Eltern Konflikte scheuen. Ja, Lehrpersonen haben einen herausfordernden Job. Aber die Situation ist nicht so katastrophal, wie sie mitunter dargestellt wird.

Jede zweite Lehrperson steigt nach fünf Jahren im Beruf wieder aus.

Das sind oft junge Berufsleute. Sie haben nicht die Erfahrung älterer Kollegen, die sich nicht so rasch unter Druck setzen lassen. Vom Lehrplan 21 zum Beispiel, der den Arbeitsaufwand stark erhöht hat. Da ist ein völlig überfrachteter Stoffplan, der zu wenig Freiräume gewährt, um auf Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Man streift zig Themen, statt ein paar zu vertiefen.

Viele Kinder bräuchten mehr Zeit, aber es gilt den Stoff durchzubringen. Es braucht Mut zur Lücke – den haben Neulinge, die alles richtig machen wollen, weniger. Dann die ganze Administration, die anfällt, weil Schulen heute «gemanagt» werden. Wir täten gut daran, Konzepte zu entrümpeln, den Experten im Schulzimmer zu vertrauen und sie ihren Job machen zu lassen.

Die 11 wichtigsten Begriffe zu Inklusion:

Was bedeutet ein besonderer Bildungsbedarf genau und was versteht man unter integrativer Förderung? Wir haben für Sie ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen der sonderpädagogischen Massnahmen der Volksschule zusammengestellt. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer Tochter im Primarschulalter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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