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Elternbildung

Frau Kammerer, wie erleben Kinder eine Scheidung?

Irina Kammerer leitet Gruppenkurse für Kinder, die von einer Scheidung ihrer Eltern betroffen sind. Sie weiss, worunter die Mädchen und Buben leiden, wie ihnen geholfen wird und was Mütter und Väter in einer Trennung für ihre Kinder tun können.
Interview: Eveline von Arx
Bilder
: Rita Palanikumar / 13 Photo
Das Büro von Irina Kammerer am Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen Instituts der Universität Zürich ist zugleich ihr Praxiszimmer, wo sie Familien und Kinder berät. Auf dem Tisch liegt Fachliteratur, im Regal stehen Spielsachen und Plüschtiere. Vor dem Gespräch bindet die Psychologin ihr Haar zusammen – eine Geste, die wirkt, als würde sie sich auf diese Weise noch besser auf den Inhalt des Gesprächs fokussieren können. Sie spricht konzentriert und mit angenehmer Zurückhaltung.

Seit 2009 leiten Sie am Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen Instituts der Universität Zürich Gruppenkurse für Kinder von getrennt lebenden Eltern. Warum braucht es dieses Angebot?

Eine Scheidung ist sehr belastend und gilt als kritisches Lebensereignis im Leben eines Menschen – zu vergleichen etwa mit dem Verlust eines Angehörigen. Eine Trennung oder Scheidung ist eine grosse emotionale Verunsicherung. Deshalb erachteten wir es als sehr sinnvoll, eine Gruppentherapie für betroffene Kinder anzubieten.

Diese Kinder können ja auch einzeln eine Psychotherapie in Anspruch nehmen; welches sind denn die Vorteile des Gruppenangebotes?

Die Kinder erfahren da unmittelbar, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind und es anderen Kindern ähnlich geht wie ihnen. Das ist sehr entlastend und verbindend. So erleben sie zum Beispiel, dass andere auch darunter leiden, wenn die Übergabe zwischen Vater und Mutter am Sonntagabend schwierig verläuft, weil Mama und Papa sich dabei jedes Mal streiten. Die Kinder können sich in den Kursen nicht nur gegenseitig trösten, sie sprechen sich auch Mut zu. Sie lernen in der Gruppe, ihre Bedürfnisse zu äussern und ihre Situation zu verstehen und einzuordnen.
«In den Kursen sprechen sich die Kinder gegenseitig Mut zu.»
Irina Kammerer

Wie läuft ein Kurs denn ab?

Insgesamt finden zehn Sitzungen à anderthalb Stunden statt. Zudem gibt es ein Vor- und ein Nachgespräch, im Idealfall mit Mutter und Vater zusammen, jedoch mit mindestens einem Elternteil. In den Sitzungen selber spielen etwa Befindlichkeitsrunden, in denen die Kinder äussern können, wie es ihnen geht, was sie beschäftigt und belastet, eine zentrale Rolle. Vor allem behandeln wir aber mit den Kindern Themen wie den Umgang mit Gefühlen, mit schwierigen Situationen, die Zerrissenheit zwischen Mutter und Vater und die damit einhergehenden Loyalitätskonflikte. Wichtig ist zudem, mit den Mädchen und Buben darüber zu reden, dass es verschiedene Familienformen gibt: Patchworkfamilien, alleinerziehende Eltern oder gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern. Insgesamt werden die Stärken und Ressourcen der Kinder gefördert, damit sie mit einer positiven Selbstwahrnehmung aus der Gruppe gehen können. Und es besteht immer auch die Möglichkeit, auf individuelle Anliegen und Probleme der Kinder einzugehen.
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Welche sind das?

Viele Kinder fühlen sich für die Trennung ihrer Eltern verantwortlich und werden von Schuldgefühlen geplagt. Besonders Eltern, die viel streiten, haben oft auch Meinungsverschiedenheiten, wenn es um die Erziehung geht. Sie tragen ihre Konflikte über die Kinder aus. Für die betroffenen Mädchen und Buben bedeutet dies, dass sich Mama und Papa ihretwegen nicht mehr verstehen, und sie fühlen sich schuldig.
Die Therapeutin Irina Kammerer hilft Familien in Trennungssituationen.
Die Therapeutin Irina Kammerer hilft Familien in Trennungssituationen.

Wie gehen Sie auf diese Schwierigkeiten ein, wie wird den Kindern im Kurs geholfen?

Es ist sehr wichtig, die Schuldgefühle einzuordnen. Wir vermitteln den Kindern, dass der Streit in erster Linie mit den Problemen zwischen Mutter und Vater zu tun hat und nichts mit den Kindern. Es ist hilfreich, wenn ihnen das gesagt wird. Wir unterscheiden zwischen der Paar-Ebene und der Eltern-Ebene – das ist zentral. Selbst wenn die Paarbeziehung zwischen den Eltern nicht mehr funktioniert, bleiben sie Mutter und Vater. Auch andere Gefühle wie Angst und Wut werden in der Gruppe thematisiert. Viele Kinder leiden unter Ohnmachtsgefühlen, weil oft über sie hinweg entschieden wird.

Inwiefern?

Etwa, wenn die Mutter oder der Vater oder beide gleichzeitig wieder eine neue Partnerschaft eingehen. Die Kinder wählen den neuen Freund oder die neue Freundin der Mutter oder des Vaters ja nicht selber, dennoch müssen sie sich in der Situation wieder zurechtfinden und sich anpassen. Ihr Platz in dieser veränderten Konstellation muss erst gefunden werden. Wir hören nicht selten, wie sich Kinder darüber beklagen, dass sie den Papa nur noch selten sähen – und wenn sie ihn sähen, dann nie alleine, sondern immer zusammen mit der neuen Partnerin. Als weiteres Beispiel: Ein Kind erzählte von der Übergabe am Montagmorgen, wie es vom Vater zum Zebrastreifen vor der Schule begleitet wurde, um auf der anderen Strassenseite von der Mutter in Empfang genommen zu werden. Die Eltern redeten nicht mehr miteinander. Es war der erste Schultag des Mädchens.
«Viele Eltern sind selbst verunsichert und haben Angst vor der Zukunft.»
Irina Kammerer

Wie helfen Sie da?

Auch da geht es darum, dem Kind zu erklären, dass die elterlichen Kommunikationsprobleme nichts mit ihm zu tun haben. Das ist das Problem der Eltern. Gleichzeitig versuchen wir mit dem betroffenen Kind herauszufinden, wie es mit seinen Gefühlen, die es in solchen Situationen empfindet, umgehen kann. Mit wem könnte es darüber sprechen, wie es ihm geht? Gibt es vielleicht eine Gotte, eine Grossmutter, von der es sich verstanden fühlt? Wir schauen mit den Kindern, was sie tun können, wenn sie traurig sind, wie es ihnen möglich wird, sich zu schützen und wenn nötig auch abzugrenzen.

1 Kommentar

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Von Sonja am 30.05.2017 21:02

Vielleicht muessen Kinder lernen, dass Beziehungen nicht ein Leben lang gluecklich bleiben.
Vielleicht ist es wichtig, dass sie lernen, dass man als ERwachsner seine Probleme erwachsen loest. Vielleicht sollte man in Zukunft beide fuer die Kinder da sein. So dass sie nicht Vater oder Mutter verlieren. Zozusagen eine Familie mit anderem Zusammensein. Vielleicht sollte man grundsaetzlich keine neue Beziehung eingehen sondern bei Scheitern mit seinen Kindern zusammenleben und ihnen nicht einfach eine neue Person aufzwingen, die eigentlich nichts mit ihnen zu tun hat. Vielleicht wuerden wir mit diesem Umgang dann als Erwachsenen auch nicht mehr so einen Schmerz erleben wenn wieder einmal etwas nicht fuer ewig haelt. Kinder haben Angst vor der Hilflosigkeit, dem Verlust ob bei Trennung oder ungliuecklicher Beziehung.

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