Eine Trennung verändert die kindliche Welt fundamental - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Eine Trennung verändert die kindliche Welt fundamental

Lesedauer: 4 Minuten

Für Eltern ist es in Trennungssituationen oft schwierig, zu jeder Zeit auch noch die Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen. Was bedeutet das für Kinder und Jugendliche und wie können die Eltern ihnen die Trennungssituation trotzdem erleichtern?

Text: Sonya Gassmann
Bild: iStock

Das Wichtigste zum Thema

Die gute Nachricht vorweg: Es gibt glückliche Scheidungskinder. Doch viele Kinder erleben eine Trennung als negative Erfahrung. Bereits in der Phase der Ambivalenz, das heisst, wenn ein oder beide Elternteile sich nicht mehr sicher sind, ob sie an der Beziehung festhalten wollen, befinden sich die Kinder in einer Situation der Verunsicherung. Die Belastung kann sich in einer schmerzhaften Angstreaktion vor dem Verlassenwerden zeigen. 

Kinder reagieren mit depressiven Verstimmungen

Manche Kinder zeigen während der elterlichen Trennung psychische Reaktionen wie:

  • Schlafstörungen, Bauch- und Kopfschmerzen 
  • Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten
  • mangelndes Selbstwertgefühl und Unsicherheit
  • Schuldgefühle
  • Essstörungen
  • sozialer Rückzug

Wie können Eltern auf die Angst ihrer Kinder vor dem Verlassenwerden reagieren? Was hilft dem Kind, gut durch die Trennungsphase der Eltern zu kommen? Und: Was macht ein glückliches Scheidungskind aus? Antworten auf diese Fragen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Eltern lesen Sie im gesamten Artikel.

Eine Trennung ist für Kinder ein anderes Erlebnis als für Erwachsene. Kinder erleben eine Trennung selten als Chance für einen Neubeginn. Erwachsene hingegen versprechen sich positive Veränderungen und Erleichterung, wenn die Familienstabilität wiederhergestellt ist. Von mindestens einem Elternteil ist die Trennung eine freiwillige Entscheidung.

Bereits in der Phase der Ambivalenz, das heisst, wenn ein Elternteil oder beide sich nicht mehr sicher sind, ob sie an der Beziehung noch festhalten wollen, befinden sich die Kinder in einer Situation der Verunsicherung.

Zeigen Sie viel Geduld gegenüber den Reaktionen des Kindes.

Es ist deshalb wichtig, den Reaktionen von Kindern und Jugendlichen bereits vor dem eigentlichen Trennungsverfahren Beachtung zu schenken. Da viele Eltern in dieser Phase in eheliche Auseinandersetzungen verstrickt sind, können sie ihre Kinder trotz guter Absichten oft nicht genügend in deren Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz wahrnehmen. Die daraus resultierende Belastung kann sich in einer schmerzhaften Angstreaktion vor dem Verlassenwerden zeigen. 

Die wichtigsten Stressfaktoren, die eine Trennung auslöst, können folgendermassen beschrieben werden: Die Trennung kommt normalerweise unerwartet, hat eine grosse Intensität und verändert die kindliche Welt fundamental. Die Trennung ist ein Verlusterlebnis und wird von Verlassenheitsängsten begleitet. 

Die grundlegende Angst vor dem Verlassenwerden entwickelt sich, wenn das Kind genügend häufig und genügend intensiv Erfahrungen macht, die seine Bedürfnisse missachten und verletzen. Vor allem bei Verletzungen seines Nähebedürfnisses entsteht das Gefühl von Verlassenheit. Als Reaktion darauf entwickelt das Kind eine Grundangst vor dem Verlassenwerden.

 Kinder reagieren mit depressiven Verstimmungen

Kinder zeigen besonders vor und während der elterlichen Trennung psychische Reaktionen. Sie reagieren in erster Linie mit nach aussen gerichteten Auffälligkeiten wie antisozialem und aggressivem Verhalten und mit nach innen gerichteten Auffälligkeiten wie depressiver Verstimmung. Weitere mögliche Reaktionen in der kindlichen Trennungskrise sind:

  • Schlafstörungen Bauch- und Kopfschmerzen Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten
  • Mangelndes Selbstwertgefühl und Unsicherheit
  • Schuldgefühle
  • Essstörungen
  • Sozialer Rückzug

Hinter diesen Reaktionen steht die Angst vor dem Verlassenwerden. Dies zeigt sich primär in der konkreten Angst, einen Elternteil zu verlieren. Dabei droht gleichzeitig ein Identitätsverlust. Denn mit dem vermeintlichen Verlust des geliebten Menschen droht dem Kind eine Erschütterung seines Selbstwertes.

Wie können die Eltern auf die Angst ihrer Kinder vor dem Verlassenwerden reagieren?

Die Kinder können ihre Angst vor dem Verlassenwerden reduzieren und gleichzeitig ihr Gleichgewicht wiederherstellen, wenn sie einerseits eine möglichst intensive Beziehung zu beiden Elternteilen aufbauen können. Andererseits spielt die Kooperation der Eltern eine wichtige Rolle. Damit vermitteln die Eltern, dass sich seine Welt nicht in den Grundfesten verändern wird. 

Konkrete Handlungsmöglichkeiten für Eltern sind folgende:

  • Zeigen Sie viel Geduld und grosse Toleranz gegenüber den Reaktionen des Kindes.
  • Geben Sie Ihrem Kind Anerkennung und Geborgenheit.
  • Stellen Sie keine zu hohen Erwartungen an das Kind, was nicht heisst, ihm keine Grenzen mehr zu setzen. Nur auf Erziehung sollte vorübergehend verzichtet werden.
  • Führen Sie viele Gespräche, auch wenn sie immer wieder um das gleiche Thema kreisen.
  • Suchen Sie das Gespräch, vor allem immer dann, wenn die Gefühlslage des Kindes in Richtung Angst zeigt.
  • Verurteilen Sie den anderen Elternteil nicht.

Eltern sollen die Kinder von Anfang an miteinbeziehen, denn sie brauchen altersgerechte Informationen.

Zusätzliche Handlungsmöglichkeiten für denjenigen Elternteil, der ausgezogen ist:

  •  Stellen Sie Verlässlichkeit und Stabilität in ihrer Beziehung zum Kind her. 
  • Lassen Sie ihr Kind den Alltag erleben: Eigene Alltagsgegenstände wie Zahnbürste, Kleider, Spielsachen, Bücher haben einen festen Platz in der neuen Wohnung.
  • Vermitteln Sie Sicherheit, indem das Kind beide Eltern weiterhin lieben darf.

Für die Eltern in der Tren­nungssituation ist es oft schwierig, die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen. Umso wichtiger ist es, dass die Kinder mit einer psychologischen Fachperson sprechen können. Es ist Ausdruck einer Wertschätzung, dass die Kin­der zur Trennung eine eigene Mei­nung bilden können und ihren Anliegen Raum und Zeit gegeben wird.

Eltern sollen die Kinder von Anfang an miteinbeziehen, denn die Kinder brauchen regelmässige und altersgerechte Informationen über die familiären Veränderungen. Schliesslich sind sie zum Beispiel von den verschiedenen Wohnorten der Eltern am stärksten betroffen.  Beim Erstellen des Planes für die Aufteilung der Betreuung können vor allem ältere Kinder bereits mit­ wirken. Dies bestätigt ihnen, dass sie mit ihren Wünschen und Bedürfnissen ernst genommen werden.Beim Mitgestalten des Alltags können auch schon jüngere Kinder mitreden, so fühlen sie sich selbst­ bestimmter. Jedoch sollen sie keine Entscheidungen treffen müssen.

Kinder brauchen die Gewissheit, dass Sie trotz einer Trennung geliebt werden?

Gibt es auch glückliche Scheidungs­kinder? Ja, es gibt sie! Kinder im Trennungskonflikt können eine ebenso glückliche Kindheit und Jugend erleben wie Kinder, deren Eltern sich nicht scheiden lassen. Wir Erwachsene haben es in der Hand, dass die Kinder als ganz nor­male Kinder aufwachsen können. Hierfür brauchen sie Liebe und Unterstützung sowie die Gewissheit, dass sie trotz der Trennung weiterhin geliebt werden und beide Elternteile immer für sie da sind. Darüber hin­ aus müssen die Kinder aufgeklärt werden, dass sie nicht der Grund für die Scheidung sind. Auch eine gute und warme Beziehung zwischen den Kindern und ihren Eltern kann negative Folgen vermindern.

Kinder in Trennungskonflikten können eine ebenso glückliche Kindheit erleben wie andere Kinder.

«Trennungs-­ und Scheidungskin­der brauchen eine soziale Umge­bung, die ihnen Sicherheit vermit­telt, in der sie dem Loyalitätskonflikt gegenüber den Eltern enthoben sind, in der sie ihre Ängste und Hoffnungen ausdrücken und ausleben können und in der sie eine Stärkung des Selbst erfahren, die ihnen bei der Überwindung der Trennungserfahrung hilft» (Moch,1994).

Sonya Gassmann
ist Psychologin lic.phil., Mediatorin und Dozentin. In der eigenen Praxis in der Stadt Bern berät sie Einzelpersonen, Paare und Familien. Gassmann war als Berufsschullehrerin und Schulleiterin tätig sowie als Expertin für Konfliktsituationen und Gesprächsführung beim Bundesamt für Sport.

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