Mediennutzung

Das Smartphone achtsam nutzen

Jeden Tag gibt es neue Apps, Games, Funktionen und Geräte. Die Ratschläge zur Medienerziehung hinken oft der technischen Entwicklung hinterher. Gerade deshalb sind sich Experten in ­einem Punkt einig: Eltern sollten Vorbild sein. Wie aber sieht ein bewusster Gebrauch von Smartphone und anderen Medien aus? Wie integrieren wir die Geräte in unseren Familienalltag, ohne von ihnen beherrscht zu werden?  
Text: Bianca Fritz
Bilder: Kostas Maros / 13 Photo
Wie viel Zeit darf mein Kind mit Medien verbringen? Die Frage erscheint simpel. Die Antwort ist es nicht. «Es ist heute unmöglich, Bildschirmzeiten festzulegen, die für alle Familien und Umstände gelten», sagt der französische Psychoanalytiker Serge Tisseron. Noch vor wenigen Jahren hatte ebendieser mit der 3-6-9-12- Regel klare Begrenzungen vorgegeben. Demnach sollten Kinder unter drei Jahren keine Bildschirmmedien konsumieren, Kinder mit zwölf Jahren maximal zehn Stunden die Woche. Damals allerdings hiess Bildschirm noch hauptsächlich Fernsehen.

Heute taugt die Regel von 2008 in dieser Starrheit nicht einmal mehr als Orientierung, denn sie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Sollten Eltern etwa ihren Kleinkindern Smartphone-Fotos wirklich nicht zeigen, nur weil diese auf einem Bildschirm zu sehen sind? Und müssen Schüler die Zeiten, die sie mit Lernapps verbringen, von ihrer zugestandenen Bildschirmzeit abziehen?

Feste Vorgaben sind nicht mehr sinnvoll, darin sind sich viele Experten einig. Doch woran merken Eltern dann, dass ihre Kinder zu viel vor dem Bildschirm sitzen, und woran sollen sie sich beim Aufstellen individueller Regeln orientieren? Welche Rolle spielt ihr eigenes Nutzungsverhalten dabei? 

Medienregeln müssen individueller werden

Serge Tisseron hat eine Kehrtwende gemacht, was seine Mediennutzungsregel angeht – weg von den konkreten Vorgaben, hin zu eher generelleren Empfehlungen für diverse Altersstufen. Zum Beispiel: Bei Kleinkindern Geräte in der Hand behalten und ihnen diese nicht überlassen. Oder: Mit Kindern ab sechs Jahren die Diskussion darüber suchen, was ins Internet gestellt werden soll und was nicht. «Wir müssen das enorme kreative und interaktive Potenzial berücksichtigen, das die digitalen Medien heute haben», sagt Tisseron. (Die Zusammenfassung seiner neuen Empfehlungen lesen Sie in diesem Artikel.)

Auch Isabel Willemse, Medienpsychologin und Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Onlinesucht an der ZHAW Zürich, will sich nicht auf Zeitvorgaben festlegen (siehe Interview). Welche Nutzungsdauer schädlich für Kinder ist, hänge vom Charakter des einzelnen Kindes ab und müsse von den Eltern selbst eingeschätzt und immer wieder überprüft und angepasst werden. Das ist anstrengend, sorgt aber dafür, dass Eltern und Kinder im Gespräch über Medien bleiben.
Wie finden Familien einen achtsamen Umgang mit Smartphone & Co., so dass sie dessen Vorteile geniessen können, ohne sich von ihnen abhängig zu machen? Diese Frage steht im Zentrum unseres 25-seitigen Dossiers «Generation Smartphone» in der Ausgabe 10/19. Sie können das Magazin jetzt bestellen.
Wie finden Familien einen achtsamen Umgang mit Smartphone & Co., so dass sie dessen Vorteile geniessen können, ohne sich von ihnen abhängig zu machen? Diese Frage steht im Zentrum unseres 25-seitigen Dossiers «Generation Smartphone» in der Ausgabe 10/19. Sie können das Magazin jetzt bestellen.
Selbst eine einheitliche Definition einer problematischen Mediennutzung gibt es derzeit nicht. Die Erhebungen werden dadurch erschwert, dass die modernen digitalen Geräte so viele potenziell abhängig machende Mechanismen in sich vereinen. Lediglich die Computerspielsucht ist eine von der WHO anerkannte ­Verhaltenssucht. Wer viele Mails schreibt, via Whatsapp kommuniziert oder sich in sozialen Netzwerken vergleicht, denkt daher selten an eine Sucht. 

Im Schweizer Fachforum Jugend und Medien im Mai 2019 haben Suchtberatungsstellen berichtet, dass Eltern fast immer nur mit ihren gamenden Söhnen Hilfe suchen. Das Verhalten der Töchter, die ähnlich viel Zeit am Handy mit sozialen Medien, Videos und Chats verbringen, wird hingegen seltener hinterfragt. Larissa Hauser von der Suchtpräventionsstelle der Stadt Winterthur sagt: «Wir sind auf Ursachensuche. Ein Grund könnte sein, dass Mütter – und es sind fast immer Mütter, die ihr Kind zur Suchtberatungsstelle bringen – dem Gamen besonders kritisch gegenüberstehen, weil sie es aus dem eigenen Mediengebrauch nicht kennen.»
Jedes dritte Primarschulkind sagt, dass es das Handy heimlich abends nutzt. Aber auch Erwachsene gehen wegen des Gerätes später schlafen.
Aber wie viel sind unsere Jugendlichen denn nun wirklich am Handy? Gemäss ihrer Selbsteinschätzung in der JAMES-Mediennutzungsstudie 2018 sind Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren durchschnittlich zweieinhalb Stunden pro Wochentag online – und das meist am Smartphone oder Tablet. Am Wochenende sind es vier Stunden pro Tag. Insgesamt sind das zwei Stunden mehr pro Woche als noch 2016.

In einer Zusatzauswertung der Studie wurde untersucht, bei wie vielen Jugendlichen das Onlineverhalten problematisch ist. Ergebnis: Rund 20 Prozent zeigen eine risikobehaftete oder gar problematische Verhaltensweise. Sie geben beispielsweise an, dass sie ihren Internetkonsum verbergen, ihre schulische Leistung und die Zeit mit Freunden darunter leiden und es ihnen schwerfällt, offline zu gehen. Diese Risikogruppen verhalten sich online auch anders als der Durchschnittsjugendliche. Sie geben eher Daten in sozialen Netzwerken preis, verbreiten häufiger mediale Gewalt und haben in mehr Fällen Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht.
 
Auch bei den Jüngeren nimmt die Mediennutzung zu: Fast die Hälfte der Primarschulkinder hat laut Mediennutzungsstudie MIKE 2017 ein eigenes Handy – fast immer ein Smartphone. Etwas mehr als ein Drittel gibt an, das Handy heimlich abends zu nutzen, wenn die Kinder eigentlich schlafen sollten – und das mindestens einmal pro Woche.
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