Trotz Internet: Das Kinderlexikon ist nicht totzukriegen - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Trotz Internet: Das Kinderlexikon ist nicht totzukriegen

Lesedauer: 4 Minuten

Früher waren sie Statussymbole gutsituierter Haushalte, dann machte das Internet den Enzyklopädien den Garaus. Umso erstaunlicher ist die Renaissance, die Kinderlexika derzeit erleben. Dabei gibt es gleich mehrere Gründe, die für die dicken Schmöker sprechen.

Vielleicht habe ich einen grossen Fehler begangen: Vor ein paar Jahren packte ich meinen 24-bändigen Brockhaus und das ebenfalls sehr umfangreiche Kindlers Literatur-Lexikon in Kisten und brachte sie in den Keller. Um ehrlich zu sein, hatte ich in beide Werke schon länger nicht mehr hineingesehen, zudem benötigte ich den Platz im Regal für andere Bücher. 

Vom Niedergang zur Auferstehung 

Möchte ich etwas Bestimmtes nachschlagen, finde ich die meisten Informationen im Internet: schnell, aktuell, weltweit und kostenlos. Den Gedanken, dass es einen immensen Unterschied zwischen Wissen und Informationen gibt und deren Verifizierung länger dauern kann, ­verdränge ich zuweilen zugunsten der Bequemlichkeit – so wie viele andere Menschen auch. Selbst Kinder und Jugendliche nutzen heute ganz selbstverständlich das Web und besonders eifrig Wikipedia, wenn es für die Schule etwas zu recherchieren gilt.

Gerade darum verblüffte mich vor Kurzem eine Nachricht aus der Buchbranche umso mehr: Demnach hat sich der Absatz konventioneller Kinderlexika seit 2016 nahezu verdoppelt. Über 600 000 Mal wanderten sie in der Schweiz, in Österreich und Deutschland im vergangenen Jahr über den Ladentisch. Und das in einem Markt, in dem sich Sachbücher aktuell eher schwertun. Hat das Lexikon am Ende doch nicht ausgedient? Zeit, sich ein paar Gedanken über die Bedeutung der Nachschlagewerke zu machen.

Nicht nur für Kinder sind die Tausenden von Fundstellen der Suchmaschinen eine Zumutung. Das Lexikon dagegen ist ihrem Entwicklungsstand angepasst.

Lange bevor das Internet in unser Leben trat, stand das klassische Lexikon für Bildung und hatte damit den Charakter eines Statussymbols. Der Besitz eines vielbändigen Nachschlagewerkes gehörte zum guten Ton und durfte in keinem gut situierten Haushalt fehlen. Dabei waren Lexika nicht nur von kulturell hohem Wert, sie kosteten auch ein kleines Vermögen. Oft musste die Anschaffung über Jahre abgestottert werden.

In den 1990er-Jahren folgte dann der erste grosse Einbruch für den Markt der Enzyklopädien. Damals brachte der Softwaregigant Microsoft ein Lexikon auf CD-ROM heraus. Die jährlich erscheinende Encarta bot 50 000 Artikel und reichlich Bilder, Tonmaterial, Karten und Animationen. Und das für knapp 130 Franken. Kurz danach traten das Internet und die Such­maschinen auf den Plan.

Das mehrsprachige Internetlexikon Wiki­pedia bereitete dann nicht nur Microsofts Scheibenlexikon ein schnelles Ende, sondern versetzte auch dem gedruckten Lexikon den Todesstoss. Redaktionen, die jahrzehntelang penibel um jeden Fachbegriff gerungen hatten, erlebten ihre jähe Auflösung.

Wikipedia hingegen kuratiert Wissensinhalte bis heute mithilfe einer weltweiten und ehrenamtlich aktiven Community – und prosperiert munter weiter. Mit dem Klexikon (www.klexikon.zum.de) ist obendrein eine Kinderversion von Wikipedia im Netz vorhanden. Warum bloss erfährt dann das gedruckte Kinderlexikon so ein starkes Revival?

Übersichtlicher und verlässlicher: Wo das Lexikon das Netz toppt

Kinder und Jugendliche mögen zwar die Zielgruppe dieser Nachschlagewerke sein, jedoch nicht ihre Käufer. Vielmehr bekommen sie das Lexikon meist ungefragt von ihren Eltern oder Grosseltern geschenkt. Vielleicht, weil diese selbst mit Kinderlexika aufgewachsen sind und diese Tradition fortsetzen wollen. Möglicherweise aber auch, weil dieser Wissensschatz gänzlich ohne die Hektik flirrender Bildschirme auskommt, dafür eher Rückzug und Kontemplation verspricht. 

Und während Wikipedia und Suchmaschinen hauptsächlich dann ihren Einsatz finden, wenn es um eine bestimmte Fragestellung geht, lässt sich in einem Kinderlexikon einfach so herumstöbern. So folgen Kinder und Jugendliche entweder ihren Neigungen, oder ihr Interesse für bestimmte Themen wird durch den explorativen Charakter geweckt.

Zudem können sie in den allgemeinen, aber auch sehr themenspezifischen Nachschlagewerken in ihrem eigenen Tempo vorgehen. Es gibt jedoch noch weitere gute Gründe, die für die Anschaffung eines Kinderlexikons sprechen.

Der Wahrheitsgehalt der Inhalte im Internet ist fraglich – demgegenüber sind Kinderlexika eine verlässliche Quelle.

Der Sprachduktus von Wikipedia überfordert viele Kinder, und nicht nur für die jungen Nutzer stellen die Tausenden von Fundstellen der Suchmaschinen eine Zumutung dar. Ein Kinderlexikon hingegen ist an den kindlichen Entwicklungsstand angepasst. Mehr noch: Diese Werke sind klar strukturiert, verständlich verfasst und plastisch in ihren Beschreibungen.

Kinderlexika werden von Autorinnen und Autoren geschrieben und vom Lektorat redaktionell betreut. Gerade das macht sie so solide und profund. Kommt dazu, dass der Wahrheitsgehalt der Inhalte im Internet fraglich ist – demgegenüber sind Kinderlexika eine verlässliche ­Quelle.

Darüber hinaus lernen Kinder mit den Nachschlagewerken, wie die Suche im alphabetischen Kontext funktioniert. Selbst Lehrkräfte und Erziehende dürften aus den vielfältigen Werken den durchaus erstaunlichen Gewinn ziehen, dass Bildung Spass machen kann. 

Das Lexikon als politisches Instrument

Das Lexikon hat sogar etwas mit unserer Freiheit zu tun, wie ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt. Seinen Anfang nahm das erste allgemeine Nachschlagewerk 1747 in Frankreich. Einer seiner Hauptinitianten war der Schriftsteller Denis Diderot, dessen kritische Schriften verboten und verbrannt wurden. Er selbst landete deshalb im Gefängnis. In der Enzyklopädie sah er ein politisches Instrument und schrieb gegen Scheinheiligkeit und Aberglauben an.

Denis Diderot (1713  784) über die Enzyklopädie

«Tatsächlich zielt eine Enzyklopädie darauf ab, die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammenleben, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei; damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden […]»

Es gelang ihm sogar, unter anderem den Genfer Gelehrten Jean-Jacques Rosseau und den französischen Philosophen Voltaire als Autoren zu gewinnen. Doch der Weg zu den insgesamt 17 Bänden der «Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers» war steinig und hart.

Weil Bildung für Freiheit und Macht steht, ist jedes Lexikon untrennbar mit unserem bürgerlichen Selbstbewusstsein verbunden.

Der Obrigkeit, besonders dem Klerus, war dieses Geisteswerk ein Dorn im Auge. Immer wieder wurde es verboten und zensiert. Sogar der Verleger entfernte heimlich unliebsame Passagen. Bis heute bleibt dieses Nachschlagewerk eines der wichtigsten Instrumente der Aufklärung.

Weil Bildung für Freiheit und Macht steht, ist jedes Lexikon untrennbar mit unserem bürgerlichen Selbstbewusstsein verbunden – und dafür scheint mir der Keller der falsche Ort zu sein. Vielleicht sollte ich die Kisten wieder raufholen.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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