Medienerziehung

Gute Medien, schlechte Medien?

Es gibt gute Gründe, die Nutzung vieler Medien durch Kinder zu reglementieren. Unser Kolumnist, Thomas Feibel, siehtbei Hörmedien selten Grund zu Beschränkungen im Vergleich zu anderen ...
Text: Thomas Feibel
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Smartphones, Tablets und PCs dominieren heute so stark die Erziehungsdebatten, dass dabei der Umgang mit klassischen Medien wie Fernsehen oder Hörmedien fast vergessen geht. Ist es überhaupt notwendig, den Hörspielkonsum einzuschränken?

Vererbtes Schwarz-Weiss-Denken?

Zeitliche Reglementierungen zu treffen, ist ohnehin viel schwieriger geworden, denn die Medien funktionieren nicht mehr separat, sondern haben sich zu einem Ensemble vermischt. Kinder können im Internet Fernsehen, mit dem Smartphone Musik hören oder mit der Spielkonsole Filme streamen. Zudem machen es mobile Geräte Kindern und Jugendlichen möglich, sich zeitlichen Festlegungen zu entziehen. Kontrollen vereinbarter Zeiten sind also für uns viel schwieriger geworden. Nur eins hat sich nicht geändert: Wenn es beim Medienkonsum von Kindern um zeitliche Reglementierungen geht, herrscht oft noch das klassische Schwarz-Weiss-Denken unserer eigenen Eltern.

Grob zusammengefasst sieht das so aus: Das Buch ist gut, Fernsehen dagegen schlecht. Videospiele sind schädlich, Hörspiele wiederum ganz okay. Auffallend dabei ist, dass Eltern immer dann ein besonders kritisches Auge auf den Medienkonsum ihrer Kinder richten, wenn ein Bildschirm mit im Spiel ist. Diese Haltung könnte auf allgemein kursierende Warnungen von Kinderärzten und Hirnforschern vor Bildschirmmedien zurückgehen. Viel wahrscheinlicher hat es aber mit der eigenen Sozialisierung zu tun. Schon unsere eigenen Eltern zeigten sich beim Thema Fernsehkonsum eher ungehalten, während es mit leiernden Hörkassetten in klapprigen Rekordern kein Problem gab. Bekanntermassen erziehen wir in manchen Belangen unsere Kinder unbewusst so, wie wir selbst erzogen worden sind.

Profitable bildschirmfreie Medien

Hörspiele und Hörbücher bieten Kindern oft die erste Möglichkeit, technische Medien autonom zu bedienen und nach Interesse und Stimmung selbst eine Auswahl zu treffen – besonders, wenn sie des Lesens noch nicht mächtig sind. Früher spielten noch Audio-CDs eine Rolle, doch inzwischen hat sich aus bildschirmfreien Hörmedien ein profitabler Markt entwickelt. Sprechende Hörstifte verkaufen sich millionenfach. Bei den erfolgreichen, würfelförmigen Tonieboxen wird der Protagonist eines Kinderbuchs zur haptischen Spielfigur, mit der das Abspielmedium bedient wird. Auch Sprachassistenten wie Alexa sind bereits für junge Kinder auf Zuruf leicht handhabbar. Hörspiele bieten ausserdem einen angenehmen Nebeneffekt: Die Kinder bleiben damit in ihrem Zimmer, obwohl sie sich dort nicht gerne alleine aufhalten. Sie sind ja auch nicht alleine. Geschichten leisten ihnen Gesellschaft.

Die Bilder entstehen im Kopf

Wir alle lieben Geschichten, die witzig, spannend oder ein wenig unheimlich sind, und ihnen zu lauschen, löst ein Wohlgefühl aus. Bei Hörspielserien etwa bleibt das Setting stets gleich: Die angenehmen Stimmen sind bekannt, und Geräusche, Musik und Dramaturgie sorgen für einen starken atmosphärischen Mantel. Im Gegensatz zu Bildschirmmedien entstehen dabei eigene Bilder im Kopf, die die Fantasie fördern. Kinder tauchen in Traumwelten ein, identifizieren sich mit den Protagonisten, entwickeln Empathie, lassen im Rollenspiel Legofiguren Varianten der Geschichte erleben oder malen die entsprechenden Figuren.

Erstaunlich ist auch, dass Kinder ein bestimmtes Hörspiel immer wieder und wieder hören können. Denn das ist für sie besonders schön: Es gibt keine bösen Überraschungen, das Ende ist bekannt. Dies gibt ihnen Sicherheit und Heimat. Die Kunst des Zuhörens ist zudem eine sehr wichtige Fähigkeit, vielleicht haben wir auch deshalb kaum Einwände gegen Hörmedien.
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