Familienleben

Serie: Wie Familie gelingt – Teil 2

Eltern sein – Paar bleiben

Wer eine Familie hat, dem bleibt weniger Zeit für sich und für die Beziehung – vor allem, wenn die Kinder noch klein sind. Was Eltern beachten müssen, damit sie trotz Nachwuchs auch Paar bleiben.
Text: Annette Cina
Bilder: Taylor Hernandez / unsplash, Lisa Krechting / Plainpicture
Damit sich jeder in der Familie wohlfühlen kann, braucht es gute Beziehungen zwi­schen allen Familienmitgliedern. Insbesondere der Beziehung zwischen den Eltern kommt eine spezielle Bedeutung zu. Einerseits ist es für das Wohlbefin­den beider Eltern wichtig, sich als Paar zu spüren und die Beziehung zwischen Mann und Frau leben zu können. Dies gibt Ruhe, Kraft und Zufriedenheit.

Andererseits ist eine intakte elterliche Beziehung auch für Kinder wichtig: Eltern, die es gut miteinander haben, tragen weniger Konflikte aus, streiten seltener und sind in der Erziehung ruhiger. Niemand mag es, wenn zu Hause ständig Ärger und Missmut herrschen, Kinder ebenso­ wenig wie Eltern. Ruhe und Stabilität sind Grundbedürfnisse, die die meis­ten Menschen haben. Daher ist es wichtig, dass Eltern nicht nur Eltern sind, sondern auch Paar bleiben.
Wie Familie gelingt Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina.
Wie Familie gelingt
Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina.

Die Partnerschaft verändert sich

Es ist nicht immer einfach, dem Leit­satz «Eltern sein – Paar bleiben» zu folgen. Mit Kindern verändern sich die Prioritäten im Leben: Das junge Menschenleben verlangt enorm viel Aufmerksamkeit. Ein Kind ist von seinen erwachsenen Bezugsperso­nen abhängig und braucht während Jahren Liebe, Zuwendung, Beglei­tung und Zeit.
Schlafrhythmen und einge­spielte Zeitabläufe verändern sich, Freizeit wird zu einem kost­baren Gut. 
Ein Kind stellt die gewohnten Abläufe eines Paares gewaltig auf den Kopf. Elternsein wirkt sich auf viele Bereiche der Lebensführung aus: Schlafrhythmen und einge­spielte Zeitabläufe verändern sich, Karriere und Beruf müssen den Bedürfnissen der Familie angepasst werden. Freizeit wird zu einem kost­baren Gut. Neue Rollen müssen definiert und ausprobiert werden, was einen die eigenen Grenzen deutlich spüren lässt.

Während der Entwicklung der Kinder verändern und entwi­ckeln sich auch die Eltern, und damit die Beziehung als Paar. Immer wieder müssen neue Muster und Rituale gefunden werden. Diese Veränderungen zu bewältigen, zu ver­innerlichen und sich anzupassen, erfordert Kraft und Energie. Beides scheint für die Beziehung manchmal zu fehlen.

Werden Mann und Frau Eltern, nimmt bei den meisten die Qualität der Partnerschaft und die Zufrieden­heit ab. Andererseits sind Eltern oftmals glücklicher in ihrem Leben, verglichen mit Paaren ohne Kinder. Ein Kind aufwachsen zu sehen, bereitet in den meisten Fällen Freude und Befriedigung. Kinder werden als Bereicherung erlebt, als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und über allem: Liebe geben und Liebe bekommen sind Gefühle, die Eltern nicht missen möchten. Die Entwicklungsaufgabe «Eltern werden» beinhaltet Veränderungen, positive wie negative.

Für jeden beinhaltet eine Part­nerschaftsqualität etwas anderes. In der Regel verbinden wir damit ein hohes Mass an gegenseitigem Res­pekt, Liebe, Vertrauen, Verlässlich­keit, Stabilität, Gemeinsamkeit, Ausdruck von Gefühlen und Zärt­lichkeit.
Der Austausch von gemeinsamen positiven Erfahrungen ist von hoher Bedeutung.
Eine Paarbeziehung und damit auch die Beziehungsqualität sind keine fixen Grössen. Beides verändert sich ständig, mit oder ohne Kinder. Die Beziehung und damit die Qualität der Beziehung verän­dern sich, weil sich die Partner und auch das Umfeld im Lebenslauf ständig neu justieren. Damit die Beziehung lebendig bleibt und die Partner einander nahe bleiben, ist der Austausch von gemeinsamen positiven Erfahrungen von hoher Bedeutung.
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Wie Partnerschaft gepflegt werden kann – 7 Tipps

1. Probleme auseinanderhalten

Nicht für alle Probleme ist der Part­ner oder die Partnerin verantwort­lich. Oft ist der Grund für Streitigkeiten die herausfordernde Situation. Es hilft, die verschiedenen Ebenen auseinanderhalten: Die Ebene der Eltern (Erziehung, Freizeit der Kinder, Schule), die Ebene als Paar (Beziehung, Unterstützung, Verständnis und Gemeinsamkeit) und die Ebene als Individuum (Beruf, Hobbys, Entspannung, Aktivitäten alleine). Keine dieser Ebenen darf ganz vernachlässigt werden.

Jeder Mensch braucht für seine Zufriedenheit und Energie Zeit für sich selbst, um sich als Individuum wahrzunehmen und sich weiterentwickeln zu können. Wenn eine Ebene zu lange zu kurz kommt, entsteht in der Regel Unzufriedenheit. Die Gefahr droht, den Partner oder die Partnerin dafür verantwortlich zu machen, dass man beispielsweise zu wenig Zeit für sich hat, im Beruf zurückstecken musste oder die geplante Weiterbildung nicht absolvieren konnte.
Freie, unverplante Zeit, bedeutet Entspannung und fördert die Beziehung zu Ihrem Partner/ Ihrer Partnerin.
Freie, unverplante Zeit, bedeutet Entspannung und fördert die Beziehung zu Ihrem Partner/ Ihrer Partnerin.

2. Auf sich achten

Damit wir uns auf jemand anderes einlassen können, müssen wir uns selber spüren, müssen wir wissen, wie es uns geht, was uns beschäftigt und was wir uns wünschen. Das gelingt nicht, wenn im Kopf noch tausend unerledigte Dinge herumgeistern und wir im Stress sind. Unter Stress sind wir sehr viel weniger ruhig und offen. Freie, unverplante Zeit, in der wir das tun, was uns gut tut, ist Entspannung und öffnet den Blick.

Gönnen Sie sich regelmässig Pausen. An jedem Tag sollte es Momente geben, die nur Ihnen gehören: Pausen, in denen Sie das tun, was Sie mögen. In denen Sie keiner Verpflichtung nachgehen, keine Leistung erbringen müssen. Oft reicht ein kurzer Moment. Gönnen Sie sich eine Tasse Kaffee, eine Dusche, ein Entspannungsbad. Auch Sport hilft, den Kopf frei zu bekommen. Oder ein Treffen mit guten Freunden.
Bei Schlafentzug gelangt man rasch in die Abwärtsspirale.
Achten Sie auf genügend Schlaf. Schlafmangel ist einer der Gründe,­ warum man sich manchmal nicht mehr an die guten Seiten des Partners erinnert und alles nur noch grau erscheint. Bei Schlafentzug gelangt man rasch in die Abwärtsspirale Müdigkeit – Gereiztheit – Vorwürfe – Gegenvorwürfe.

Anhaltender Stress kann eine Beziehung zerstören. Er nimmt die zur Versöhnung nötige Kraft weg und vernichtet die Zeit, die für Paargespräche nötig wäre. Eltern sollten sich stets vor Augen halten: Besonders die ersten Jahre mit Kindern sind maximal anstrengend. Aber die Phase geht vorbei.

3. Realistische Erwartungen

Oftmals haben wir zu hohe Erwartungen an uns selbst, an unseren Partner oder unsere Partnerin. Auf zu hohe Erwartungen folgt stets Frust. Der Drang nach Perfektion verhindert, dass wir mit uns im Reinen sind. Passen Sie Ihre Erwartungen an. An das, was machbar und realistisch ist. Lassen Sie Unwichtiges beiseite und konzentrieren Sie sich auf das, was Ihnen wichtig ist. Bedenken Sie, dass Ihr Partner oder Ihre Partnerin eventuell ebenfalls die eigenen Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht hat und Sie nicht in dem Masse unterstützen kann, wie Sie es sich wünschen.

4. Genaue Absprachen

Sprechen Sie sich ab, wer im Fami­lienalltag welche Aufgaben über­ nimmt. Sind die Aufgaben verteilt, lassen Sie los. Vertrauen Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin. Über­ prüfen Sie von Zeit zu Zeit, ob die Aufgaben fair verteilt sind. Sprechen Sie eine mögliche Unzufriedenheit offen an.

5. Reden, reden, reden

Viele Paare verkommen zu Mana­gern des Alltags; die Gefühle bleiben auf der Strecke. Beziehung kann aber nicht gelingen, wenn die Partner­schaft nur darauf reduziert wird, den Familienalltag zu organisieren und zu bewältigen. Probleme gemeinsam zu meistern, trägt zwar zur Zufrie­denheit in einer Beziehung bei. Das allein genügt aber nicht, um sich als Paar zu fühlen.

Es ist wichtig, dass Sie als Paar miteinander im Gespräch bleiben. Miteinander reden heisst sich öffnen. Von den eigenen Wünschen, Hoffnungen und Sorgen erzählen. Den Partner oder die Partnerin teil­haben lassen am eigenen Leben.

Dabei sollten Sie auch Unange­nehmes ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Ungelöste Probleme gären und vergiften die Partnerschaft.

6. Gemeinsame Auszeit gönnen

Nehmen Sie sich Zeit füreinander. Entdecken Sie sich als Paar neu. Oft ist es sinnvoll, eine Auszeit nicht in den eigenen vier Wänden zu verbrin­gen. Übergeben Sie Ihre Kinder einer vertrauenswürdigen Person und erfahren Sie als Paar, dass Sie mehr sind als nur Eltern.

7. Veränderungen annehmen

Es braucht Zeit, sich an eine neue Situation zu gewöhnen. Geben Sie ihrem Partner oder Ihrer Partnerin Zeit, sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen und sich wieder zu finden. Trauern Sie nicht Dingen nach, die nicht mehr sind. Nehmen Sie eine neue Situation mutig an und finden für sich heraus, was das für Sie als Paar, als Eltern und für Ihren Familienalltag bedeutet.

Wie sehr wir uns auch eine Sache vornehmen: Manchmal klappt es einfach nicht. Und es bleibt beim Vorsatz.
Seien Sie nicht zu streng mit sich selbst und Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin. 
Bleiben Sie in solchen Momenten gelassen. Seien Sie nicht zu streng mit sich selbst und Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin. Sprechen Sie Probleme offen an und suchen Sie gemeinsam nach Lösungen. Eine Prise Humor und soziale Kontakte helfen, in Krisenzeiten den Kopf über Wasser zu halten.

Bis sich nach rund 20 Jahren Ihr Familienalltag wie von Zauberhand selbst beruhigt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Stress ist einer der grössten Zerstörer von Beziehungen.

  • Gönnen Sie sich Auszeiten: alleine, als Paar, als Familie oder mit Freunden.

  • Austausch, Absprachen,Unterstützung und Akzeptanz sowie gemeinsame Erlebnisse halten eine Beziehung lebendig.

  • Reden Sie regelmässig und offen miteinander.

  • Setzen Sie sich zum Ziel, den Partner oder die Partnerin zu verstehen. Das schafft Nähe und Vertrautheit.

  • Fairness ist in einer Beziehung von grosser Bedeutung. Gefühlte Ungerechtigkeit führt zu Vorwürfen und Distanz.

Zur Autorin:

Annette Cina ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie arbeitet am Institut für Familienforschung und -beratung als Koordinatorin und Oberassistentin. Zudem ist sie in eigener Praxis als Psychotherapeutin tätig. Die 48-Jährige ist verheiratet und Mutter eines Sohnes und zweier Töchter. Sie lebt mit ihrer Familie in Fribourg.

Die Serie in der Übersicht:

TEIL 1 Beziehung Eltern – Kind
TEIL 2 Eltern sein – Paar bleiben
TEIL 3 Vater, Mutter, Eltern sein 
TEIL 4 Sorgerecht der Eltern
TEIL 5 Geschwister – die längste Beziehung des Lebens
TEIL 6 Adoption
TEIL 7 Staat und Familie 
TEIL 8 Familienmodelle 
TEIL 9 Wurzeln und Flügel 
TEIL 10 Kontaktrecht

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