Die Kinder sind bald flügge – ein Sommerdrama

In ihrem Haus am See denkt Michèle Binswanger darüber nach, wie ihr Leben sein wird, wenn die Kinder ausgeflogen sind.
Alle sind abgereist und ich bleibe allein zurück im Haus am See. Die Situation kam unerwartet, eigentlich wollte ich eine Woche mit Freunden, Familie oder meinem Freund verbringen. Aber sich unglücklich verquickende Corona-Umstände machten aus meinen Ferien am See einsame Tage.

Auf einem Balken am Haus liegt ein kleines Nest. Es gehört einem Paar Hausrotschwänze, den ganzen Tag fliegen sie hin und weg und füttern den Nachwuchs. Die beiden Eltern keckern jeweils laut und aufgeregt, wenn ich auf der Terrasse sitze und sie störe. Aufgeregt hüpfen sie dann im angrenzenden Wäldchen von einem Ast zum anderen, bevor sie all ihren Mut zusammen nehmen und das Nest anfliegen. Manchmal drehen sie mitten im Flug um und wagen sich erst nach mehreren Anläufen zum laut fiepsenden Vögelchen.

Ich fürchtete mich ein wenig davor, hier allein zu sein. Und es dauerte eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte. So wie wenn man im ersten Morgenlicht aus einem Nachtclub stolpert und die Ohren für einen Moment taub sind, bis die durchdringenden Geräusche nach und nach das Bild eines ganz normalen Tages zeichnen. So ähnlich ist es, unerwartet allein zu sein.

Zuerst das Gefühl, dass die eigenen Handlungen nur Bedeutung haben in Bezug auf andere und es vollkommen bedeutungslos ist, ob ich das Geschirr stehen lasse oder nicht. Natürlich steht dahinter die Frage, ob man irgendeine intrinsische Persönlichkeit hat, die auch ohne Bezug zu den Mitmenschen existiert. Und wer ich überhaupt bin, losgelöst vom Alltag, der Familie, den Freunden. Ich frage mich, wer meine Kinder heute sind. Nicht mehr die süssen Babys, die kleinen Nervensägen, die hilflosen Wesen, die ich stark zu machen versuchte, um sie zu befähigen, der Welt gegenüberzutreten. Sie sind fast erwachsen und leben bald ihr eigenes Leben. Trotzdem werde ich immer ihre Mutter bleiben. Und sie meine Kinder.

Nach ein paar Tagen kam es zum Drama bei den Hausrotschwänzen. Das Vögelchen verliess das Nest und hüpfte auf dem Balken hin und her. Dabei spreizte es seine Flügel und flatterte aufgeregt. Ich fragte mich, ob die Eltern sich wohl freuen, dass der Nahrungsbeschaffungsstress bald vorbei ist oder was das Ereignis für sie bedeutet. Und wie würde das kleine Vögelchen nun fliegen lernen? Ich wunderte mich auch, dass dieses Vögelchen gar nicht so klein, sondern ziemlich gross schien im Vergleich zu den Eltern, und zudem anders aussah. Aber von unten konnte ich nicht allzu viel erkennen und von Vogelkunde habe ich wenig Ahnung. Das Vögelchen hüpfte wild herum, als plötzlich etwas vom ­Balken herunterfiel. Es näher inspizierend, fand ich zwei hauchdünne Stücke von etwas, das wie eine ­Schale aussah und glibberige, weiss und gelbe Substanz, die sich auf die Terrasse entleert hatte. Ein Ei war aus dem Nest gefallen.

Sein Geist scheint förmlich zu explodieren

Meine Kinder sind schon fast erwachsen. Wenn ich mit meinem Sechzehnjährigen telefoniere, stelle ich fest, dass er mehr Mann als Kind ist. Er scheint sich so schnell zu verändern, wie das seit den Babyjahren nicht mehr der Fall war. Und damit meine ich nicht den Bartflaum, der spriesst, oder die Muskeln, die seinen Körper formen. Es ist sein Geist, der förmlich zu explodieren scheint. Manchmal, wenn wir zusammen essen, entspannt sich eine Diskus­sion und ich staune ob der Überlegungen, die er macht. Wie klug er ist, wie selbständig im Denken. So lange habe ich jeden seiner Schritte in die Welt begleitet – nun gibt er mir Einblicke in die völlig neue Welt seines Geistes. Er spricht schon davon, auszuziehen.

Den Schock spüre ich bis heute

So bin ich hier allein. So lange hatte ich mir das erträumt. Meinen eigenen Gedanken zu lauschen. Und wie sehr ich es jeweils genoss, wenn sich im Alltag ein paar einsame Stunden auftaten, wie ein Wolkenloch, durch das plötzlich die Sonne strahlt. Doch jetzt, da es sich nicht mehr um ein paar Stunden handelt, sondern um meine Zukunft, fühlt es sich anders an. Jetzt droht die Erkenntnis, dass dieses alte Ich, das mir so sehr ­fehlte, wenn ich mit meinem neuen Leben als Mutter haderte und auf das ich mich freute, wenn meine Kinder mich einmal nicht mehr so sehr in Anspruch nehmen würden, dass dieses Ich so nicht mehr existiert.

In dem Moment, da ich meiner neugeborenen Tochter in die Augen schaute, als neugeborene Mutter, war dieses Ich verloren. Aber das erkenne ich erst jetzt. Weil dieses alte Ich einen langen Schatten auf die Gegenwart warf. Jetzt, nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten, ist dieser Schatten verblasst. Und ich frage mich, ob das aktuelle Ich, die Mutter, die ihre Kinder gross zog, auch verschwinden wird. Verloren ist, nun, da meine Kinder langsam flügge werden.

Wenn ich in dem Haus am See im Bett liege, denke ich an meinen Vater. In diesem Bett schlief ich in einer Nacht im August, damals 26 Jahre alt, meine jüngere Schwester schlief neben mir. Da sprang der Hund, den wir für unsere Eltern hüteten, mitten in der Nacht plötzlich auf und rannte laut jaulend davon. Das hatte er nie zuvor getan. Wir dachten uns nichts dabei und schliefen weiter. Der frühe Morgen am See war erwartungsvoll, windstill, die Seeoberfläche spiegelglatt, ich lag im Bett, lauschte dem Vogelgezwitscher und sah zu, wie sich das Sonnenlicht in den Ästen spielte. Da zerriss das Klingeln meines Telefons die Idylle. Es war meine ältere Schwester. «Halt dich fest», sagte sie. «Papa ist gestorben.» 

Mein Vater starb einen unerwarteten Tod, in einem weit entfernten Land. Den Schock spüre ich bis ­heute, die Hitze der Tränen verbrannte mich. Der Weg ins Zimmer, wo meine Schwester noch schlief, ist nur drei Meter lang. Aber an diesem Morgen war er endlos. Einen Fuss vor den anderen setzte ich, bis ich im Zimmer stand. Ich betrachtete ­meine schlafende Schwester ein paar Sekunden, bevor ich sie weckte und ihr die Nachricht überbrachte. Kein anderer Moment hat mein Leben mehr definiert, als der Moment ­dieser Nachricht. Mit Ausnahme des Blicks in die Augen meiner neugeborenen Tochter.

Da mein Vater in einem entle­genen Hochtal im indisch-chinesischen Grenzgebiet gestorben war, wurde er in einer Feuerzeremonie bestattet. Es gibt kein Grab dort, nur einen Fluss, in den wir seine Asche ein Jahr später verstreuten. Und wir pflanzten beim Haus am See auch einen Baum für ihn. Damals war er so gross wie ein Mann. Heute, nach 22 Jahren, ist es eine stattliche Trauerweide. Wenn ich auf der Terrasse sitze, kann ich ihre langen Zweige sich im Wind wiegen sehen, wie das Haar einer Frau. 

Meine Kinder leben ­­ihr eigenes Leben. Trotzdem werde ich ­immer ihre Mutter bleiben. Und sie meine Kinder.
Doch nun schaue ich zum Nest auf dem Balken, wo das Vögelchen aufgeregt hin und her hüpft. Plötzlich hüpft es vom Balken und landet flatternd vor meinen Füssen. Ich gucke es mir genau an und glaube nach einer Google-Recherche, dass es ein junger Kuckuck ist. Da ich nicht weiss, was ich tun soll, ob es ein Unfall war oder der Beginn eines selbständigen Vogellebens, nehme ich eine Leiter und einen Besen und setze den kleinen Kuckuck vorsichtig, ohne ihn zu berühren, wieder auf den Balken. Er wird, wenn er erwachsen ist, sein Ei wieder in ein fremdes Nest setzen. Und die anderen Eier aus dem Nest werfen und ihnen die Zukunft rauben. Aber es ist nicht an mir zu entscheiden, welches Leben lebenswerter ist.

«Hast du einen Fünfliber im Sack?»

Mittlerweile geniesse ich es, hier alleine zu sein. Ich räume den Garten auf, mähe den Rasen, jäte Unkraut. Oder sitze auf der Terrasse, höre den Vögeln zu, den Bäumen, meinen eigenen Gedanken. Der Kuckuck auf dem Balken tschwipt und hüpft und springt nach einer Weile erneut vom Balken. Heftig flatternd landet er diesmal ein paar Meter weiter. Nicht mehr vor meinen Füssen, sondern irgendwo im angrenzenden Wäldchen. Das muss gefährlich sein für so einen kleinen Vogel. Aber diesmal bleibe ich sitzen. 

Ich wünsche dem kleinen Kuckuck Glück. Vielleicht werde ich ihn im nächsten Frühling rufen hören. Dann werde ich daran denken, wie mein Vater beim Ruf des Kuckucks immer sagte: «Hast du einen Fünfliber im Sack? Wenn du dann den Kuckuck hörst, wirst du das ganze Jahr Geld haben.»

Im nächsten Frühling werden meine Kinder wohl noch bei mir sein, noch nicht ganz flügge. Lange dauert es jedoch nicht mehr und wenn, werde ich immer für sie da sein.


Zur Autorin: 

Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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