Desktop l autistmus mein kind ist ein autist
Psychologie

Mein Kind ist ein Autist

Der 9-jährige Emilio hat Autismus. Waschmaschinen, Pouletaufschnitt und stets  dieselben Wege sind für ihn unverzichtbar. Wie der Alltag mit einem autistischen Kind aussieht, beschreibt Emilios Mutter Bruna Rausa. 
Aufgezeichnet: Sarah King
Bilder: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo
Der Tag beginnt mit einem Kuss. Mal um 6 Uhr, mal mitten in der Nacht. Emilios Nächte sind kurz. Somit auch meine. Vor dem Frühstück folgt der Kontrollgang: Leuchten alle Lämpchen im Zimmer? Funktioniert der Kühlschrank? Das ist ein zeitaufwendiges Unterfangen. Auch das morgendliche Waschritual braucht viel Zeit. Alleine die Zahnpflege dauert je nach Stimmung 20 Minuten. Saubere Zähne sind wichtig, denn Emilio verweigert den Zahnarzt. Das Ankleiden geht nicht schneller. Hier zwitschert ein Vogel, da zieht eine Wolke vorbei. Manchmal wiederhole ich meine Anweisungen zehn Mal. Das erfordert eine Ruhepause, denn der Weg in die Schule ist die nächste Herausforderung: Ob ein Cola-Deckelchen am Boden oder zwei ungleiche Socken bei einem Passanten – Emilio will Ordnung schaffen. Ich mahne ihn jeweils: Egal, was du siehst, wir müssen weiter. 
«Emilio muss lernen, ohne mich zu sein»
Bruna Rausa, Mutter von Emilio
Emilio besucht die Blindenschule. Sie unterrichtet auch Autisten. Neben dem Einzelunterricht besucht er zur Förderung seiner sozialen Fähigkeiten die Oberstufenklasse. Dort ist er das Nesthäkchen und wird umsorgt. Das Mittagessen nimmt er in der Schule mit anderen Kindern ein und einmal pro Woche übernachtet er in einer Wohngruppe. Er muss lernen, ohne mich zu sein. Ich bin trotzdem stets auf Abruf bereit, falls seine Stimmung umschlägt. Das kann von einer Minute auf die andere geschehen. Das Abendessen nehmen wir immer bei meinen Eltern ein, in der Regel früh, damit genug Zeit bleibt für den allabendlichen Einkauf. Darauf besteht Emilio. Zum Glück hat der Laden um die Ecke bis 20 Uhr geöffnet. Notfalls weichen wir auf Geschäfte im Bahnhof aus. Auf Emilios Einkaufsliste stehen gluten- und laktosefreie Produkte. Und Pouletaufschnitt. Egal, ob er Hunger hat oder nicht. Fällt der Einkauf aus, bereitet das Emilio seelischen Schmerz. Dann schreit er. Im Laden folgt Emilio den Linien am Boden. Immer in derselben Reihenfolge, begonnen bei der Milch. Die Probleme beginnen, sobald Kunden Waren ins falsche Regal zurückstellen. Er räumt es um und fordert von den Kunden denselben Ordnungssinn, manchmal vehement. 
 «Immer wieder muss ich erklären, warum Emilio so ist, wie er ist.» 
Emilios Mutter
Bei den Selbstbedienungskassen fasziniert ihn der technische Aufbau, und zwar von jeder einzelnen Kasse. Das gibt jeweils Ärger. Die Leute sehen ihm den Autismus nicht an. Da ist einfach ein frecher 9-jähriger Bub mit einer Mutter, die in der Erziehung versagt. Immer wieder muss ich erklären, warum Emilio so ist, wie er ist. Autismus kann undankbar sein. Von Emilios Vater lebe ich getrennt. Manchmal verbringt Emilio das Wochenende bei ihm. Ich schaffe das alles nur dank familiärer Hilfe. Oft wünsche ich mir aber mehr Unterstützung für die Familie. Alles in meinem Leben dreht sich nur noch um das Kind. Manchmal bin ich verzweifelt. Das Abklären und Organisieren hört nie auf und stellt mich immer wieder vor neue Herausforderungen. Ich kam ja nicht als Mutter eines Autisten zur Welt. 
«Sind wir getrennt, vermisse ich ihn schon nach einer Stunde.»
Bruno Rausa, alleinerziehende Mutter von Emilio
Ich brauchte viel Zeit, bis ich Autismus als Lebenseinstellung akzeptierte. Das heisst eben auch, all die Rituale zu akzeptieren. Wenn wir abends nach Hause kommen, ist es das Waschmaschinenritual. Emilio prüft, ob die Lüftung funktioniert und der Tumbler gereinigt ist. Oft schaut er auch nur zu, wie die Waschtrommeln drehen. Hört er aus der Wohnung, dass sich in der Waschküche etwas regt, kann ich ihn manchmal nicht vor einem weiteren Kontrollgang abhalten. Seine Leidenschaft erfordert viel Verständnis von den Nachbarn. Mit dem Schlafritual endet der Tag. Hat er Angst, schläft er in meinem Bett. Ist seine Angst gross, legt er sich auf meinen Rücken. So verhindert er, dass ich plötzlich davongehe. Wie könnte ich nur? Er ist ein so liebes Kind. Sind wir getrennt, vermisse ich ihn schon nach einer Stunde.
Anzeige

Autismus – das Dossier im August

Weitere Porträts über Kinder und Jugendliche mit Autismus und wie sie sich in der Familie und im Alltag zurechtfinden, lesen Sie in der aktuellen August-Ausgabe des ElternMagazins Fritz+Fränzi. Erhältlich am Kiosk oder online. 

1 Kommentar

Diesen Artikel kommentieren

Von Reinhard am 05.09.2017 13:07

Zwei sehr wichtige Einblicke in die Welt autistischer Menschen, jener der Mutter und jener des Psychologen. Wie auch beim Thema Depression (mein Lebensthema) ist es wichtig, die Umwelt genügend zu informieren. Am besten auch durch Kontakte mit Beziehungspersonen und auch - soweit das möglich ist - mit Betroffenen. Und möglichst früh. Schon im Kindergarten - eben auf kindgemässe und nicht überfordernde Weise. Kurz gefasst: Erziehung zur Menschlichkeit!

> Auf diesen Kommentar antworten