Autismus: Ein Hund als Begleiter im Alltag - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Autismus: Ein Hund als Begleiter im Alltag

Lesedauer: 3 Minuten

Autismusbegleithunde bieten autistischen Kindern Sicherheit und ihren Eltern Entlastung. Die grosse Nachfrage verlängert jedoch die Wartezeit. Thomas Gross ist Vorsitzender des Vereins Patronus-Assistenzhunde, dank dessen Unterstützung Familien schneller zu ihrem Hund kommen.

Interview: Sarah King
Bilder: zVg

Herr Gross, der Verein Patronus-Assistenzhunde will mit der Ausbildung von Assistenz­hunden Herzenswünsche erfüllen. Was unterscheidet Sie von anderen Anbietern?

Wir können auf einen grossen Pool von Hundezüchtern und -trainern zurückgreifen. Das macht uns unabhängig und hat Vorteile für Familien. Zum einen können wir individuell den besten Trainer für ihr Kind aussuchen. Darauf legen wir grossen Wert. Zum anderen erlaubt uns der Pool, mehr Hunde auszubilden – im Moment etwa 20 bis 25 pro Jahr, ab nächstem Jahr dank zusätzlichen Trainern gar 50. Das verringert die Wartezeit. Etwa neun Monate nach dem Erstkontakt kann die Familie den Hund in Empfang nehmen.

Wie sieht die Ausbildung eines Autismus­begleithundes aus?

Die Ausbildung beginnt mit der Welpenauswahl: Die Trainer erkennen schon nach einer Woche anhand der Rudelstellung das Poten­zial der Welpen. Nach neun Monaten Sozialisierung in einer Patenfamilie beginnt die einjährige Grundausbildung beim Assistenzhundetrainer. Die ist für alle Hunde dieselbe. Die anschliessende Spezialausbildung richtet sich nach den Bedürfnissen der künftigen Besitzer. Gemeinsam legen wir fest, welche speziellen Fähigkeiten dem Hund antrainiert werden sollen. Die Dauer dieser Ausbildung variiert je nach Hund zwischen zehn und zwölf Monaten.



<div><strong>Thomas Gross</strong> ist zweiter Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Patronus-<br />Assistenzhunde mit Sitz im deutschen Mönchhagen. Er ist verantwortlich für Marketing, Sponsoring und Fundraising und koordiniert den Prozess vom ersten Kennenlernen über die Hundeübergabe bis hin zur Nachbetreuung.</p>
<p><a href=
Thomas Gross ist zweiter Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Patronus-
Assistenzhunde mit Sitz im deutschen Mönchhagen. Er ist verantwortlich für Marketing, Sponsoring und Fundraising und koordiniert den Prozess vom ersten Kennenlernen über die Hundeübergabe bis hin zur Nachbetreuung.
(www.patronus-assistenzhunde.de)

Werden die Hunde «trocken» ausgebildet oder am Autisten selbst?

Während der Grundausbildung verbringen die Hunde drei Tage die Woche in Psychiatrien,
Altersheimen und Sonderschulen. Kommen die Hunde zur Familie, gibt es keine Krankheit, die sie noch nicht kennen. Am Ende der Grundausbildung kommt es zum ersten Kontakt mit dem autistischen Kind. Meist trifft der Hundetrainer anhand von zugeschickten Videos eine Vorauswahl und stellt dem Kind mögliche Hunde vor. Die Harmonie ist uns wichtig: Der Hund muss das Kind lieben und das Kind den Hund. Schliesslich gehen die beiden eine gut dreizehnjährige Beziehung ein.

Betreuen Sie die Familien nach der Über­gabe des Hundes weiter?

Die Betreuung setzen wir ein Hundeleben lang fort. In den ersten drei Monaten nach der Übergabe findet zwei Mal eine Woche Schulung vor Ort statt. Reicht das nicht aus, setzen wir die Schulung fort: Wir müssen die Eltern und die betroffenen Kinder befähigen, mit dem Hund zu leben und mit ihm zu arbeiten. Danach können die Familien einmal im Jahr eine Nachschulung bei uns machen.

Die Devise des Vereins Patronus-Assistenzhunde lautet: Der Hund muss das Kind lieben und das Kind den Hund.

Wie muss ein Autismusbegleithund beschaffen sein? Was für eine Rasse hat er? Was für einen Charakter?

Wir arbeiten in der Regel mit den Rassen La­brador und Golden Retriever. Wichtiger als die Rasse ist der Charakter des Hundes: Autismus­begleithunde sollten ruhig, ausgeglichen, wachsam, wendig und leicht führbar sein. Sie müssen aber auch die Kraft haben, sich einem Kind in den Weg zu stellen oder in der Lage sein, ein Kind zu suchen.

Wie geht eine Familie vor, die über den Verein Patronus-Assistenzhunde einen Hund erwerben möchte?

Die Familie bewirbt sich mit einem Bewerbungsschreiben und einem Anamnesebogen. Nach einem persönlichen Kennenlernen entscheiden wir, ob wir mit dieser Familie arbeiten wollen. Fotos und Videos des autistischen Kindes geben Aufschluss darüber, mit welchem Hundetrainer wir in Kontakt treten. Dieser trifft die Auswahl der Hunde.

Danach suchen wir gemeinsam nach Wegen der Finanzierung. Ein Autismusbegleithund kostet bis zu 30’000 Euro. Der Betrag umfasst neben der Anschaffung des Hundes die Tierarztkosten und 350 Stunden Ausbildung. Einberechnet sind weiter das Geschirr, die vierzehn Tage Zusammenschulung, Reise- und Übernachtungskosten sowie die Vor- und Nachbereitungszeit. Wir finanzieren uns durch Spenden und sind den Familien auch behilflich bei der Suche nach Stiftungen und Sponsoren.

Der Verein Patronus-Assistenzhunde begleitet Familien ein Hundeleben lang.

Gibt es Studien, welche die Wirksamkeit eines Autismusbegleithundes nachweisen?

Studien wurden vor allem in den USA durchgeführt. In Deutschland gibt es zum Beispiel eine Studie, die zeigt, dass sich 76 Prozent der Kinder mehr zu einem Hund als zu einem Therapeuten oder einem Spielzeug hingezogen fühlen. Nach dem Spielen mit dem Hund senken sich die Vitalfunktionen wie Puls und Blutdruck. Die Kinder werden ruhiger, ausgeglichener und die Anzahl der Anfälle geht zurück. Das entspricht auch unserer Erfahrung.

Sarah King
ist Journalistin und betreibt Gesprächsforschung. Ihr Fokus: Sprachbilder, Körperbilder, alles im und rund um den Menschen. Ihre Leidenschaften: Schreiben und Musik.

Alle Artikel von Sarah King

Mehr zum Thema Autismus-Spektrum

Autismus-Spektrum
Familienleben
Wie erleben autistische Kinder die Welt?
Immer mehr Kinder sind vom Autismus-Spektrum betroffen. Wie Familien Hilfe finden und warum wir Autismus nicht als Störung behandeln sollten.
Blog
Wenn jedes Muss zur Zerreissprobe wird
Verweigert ein Kind sich extrem, könnte dahinter eine wenig bekannte Form von Autismus stecken: die Pathological Demand Avoidance.
Globi erobert nun endlich auch die Toniebox.
Advertorial
Globi, jetzt auch bei tonies®
Globi erobert nun endlich auch die Toniebox. Ab Juli erzählt er den Kindern Geschichten – natürlich auf Schwyzerdütsch.
Autismus
Entwicklung
«Jede Begegnung mit einem autistischen Kind ist eine Chance»
Es gibt keine typische Verhaltensauffälligkeit, die automatisch zu Autismus-Diagnose führt, sagt Autismus-Expertin Christina Schaefer.
Dossier Elternstress
Elternbildung
«Eine Stressquelle bleibt das gemeinsame Essen»
Unternehmerin Felizitas Fluri kennt stressige Momente mit ihrer sechsköpfigen Familie zur Genüge. Doch eine Strategie hilft fast immer: möglichst viel Struktur.
Mädchen mit Asperger-Syndrom
Entwicklung
Asperger-Syndrom: Die andere Art, die Welt zu sehen
Mimik oder Tonfall können Kinder mit Asperger-Syndrom nicht sofort lesen. Dadurch fällt es ihnen schwer, sich im Alltag zurechtzufinden.
Alain Di Gallo: «Kinder brauchen unsere Zuversicht»
Entwicklung
«Kinder brauchen unsere Zuversicht»
Wie geht es Kindern und Jugendlichen heute? Sind sie anfälliger für psychische Probleme? Antworten hat Kinder- und Jugendpsychiater Alain Di Gallo.
Cola ist Joels Autismus Begleithund
Familienleben
Joels Autismus-Begleithund heisst Cola
Joel hat Asperger. Dank einer Spendenaktion erhielt der Achtjährige einen Begleithund. Seine Mutter erzählt von der ersten Begegnung mit Cola.
Autismusbegleithund für Kind mit Asperger-Syndrom
Gesundheit
Ein Autismus-Begleithund für Joel
Joel ist 7 Jahre alt. Er hat das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus. Sein grösster Wunsch ist es, einen Hund zu bekommen, der ihm Sicherheit gibt.
Autismus – Eltern wichtigste Ressourcen des Kindes
Entwicklung
Frühintervention bei Autismus – die Eltern sind Experten
Mifne, eine spezielle Frühintervention, unterstützt bei autistischen Kindern eine normale Entwicklung.
Autismus-die-wichtigsten-Begriffe-who
Gesundheit
Autismus – die wichtigsten Begriffe
Die WHO unterteilt Autismus in verschiedene Subtypen. Wir haben die geläufigsten zusammengestellt.
Leben mit Autismus
Gesundheit
Wie sieht der Alltag mit einem Kind im Autismus-Spektrum aus?
Eine Störung für die einen, eine Wesensart für die anderen und eine Herausforderung für alle. Das ist Autismus.
«Ich wurde als Kind gemobbt»
Entwicklung
«Für autistische Kinder sind offene Fragen stressig»
Matthias Huber arbeitet an einer Autismus-Fachstelle. Der Psychologe ist selbst Asperger und weiss, wie autistische Kinder die Welt wahrnehmen.
Meine Kind ist autistisch. Ein Mutter erzählt aus ihrem Alltag mit ihrem Sohn.
Gesundheit
Mein Kind ist autistisch
Der 9-jährige Emilio hat Autismus. Wie der Alltag mit einem autistischen Kind aussieht, beschreibt Emilios Mutter Bruna Rausa.
Herr Rüttimann
Lernen
«Im Alltag tragen die Mitschüler viel zur Inklusion bei»
Der erfahrene Pädagoge und Gründer einer Zürcher Gesamtschule, Christian Rüttimann, weiss, dass ein inklusiver Unterricht eine Bereicherung ist.
Mit Autismus-Hund Finn meistert der 11-jährige autistische Junge Tom den Alltag meistern
Gesundheit
Hunde begleiten Kinder mit Autismus – sowie Labrador Finn
Finn ist ein Autismusbegleithund. Seit einem Jahr ist er mit dem 11-jährigen Tom unterwegs. Wir haben ihn besucht.