Helikopter-Eltern: Woher kommt der schlechte Ruf?
Psychologie
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Was ist so schlimm an Helikopter-Eltern?

Insgesamt würden hierzulande rund 10 bis 15 Prozent der Mütter und Väter als Helikopter-Eltern bezeichnet werden können. Damit sind sie etwa gleich häufig vertreten wie die sogenannten «Null-Bock-Eltern», die ihre Kinder vernachlässigen. Das schätzt Josef Kraus, ehemaliger Präsident des deutschen Lehrerverbandes und Buchautor zum Thema. Die restlichen 70 bis 80 Prozent würden einen unproblematischen Erziehungsstil pflegen.
Angie Nock, ehemalige Flight Attendant, sagt: «Für mich war immer klar, dass ich zu Hause bleibe, wenn ich Kinder habe.» 
Angie Nock, ehemalige Flight Attendant, sagt: «Für mich war immer klar, dass ich zu Hause bleibe, wenn ich Kinder habe.» 
Eine noch genauere Zahl präsentierten Ökonomen der Universität Zürich vor zwei Jahren. In der Schweiz würden 19 Prozent aller Eltern den Helikopter-Erziehungsstil pflegen. Allerdings basiert dieser Wert nicht auf tatsächlichen Umfragewerten, sondern auf ökonomischen Analysen. Interessant ist auch der internationale Vergleich, den die Ökonomen anstellten: So konnten sie zeigen, dass Helikopter-Eltern in Ländern mit höherer Lohnungleichheit wie etwa den USA deutlich häufiger sind als in der Schweiz. Die Erklärung dafür: Eltern drängen ihre Kinder eher zu höheren Leistungen, wenn gering Qualifizierte im jeweiligen Land einen schweren Stand haben.

Ein Erziehungsstil mit Folgen

Helikopter-Eltern scheinen also tatsächlich ein neueres und immer weiter verbreitetes Phänomen zu sein. Nun kann man sich fragen, was so schlimm daran ist, das eigene Kind besonders fürsorglich und behutsam zu erziehen.
10 bis 20 Prozent der 
Eltern in der Schweiz sind 
Helikopter-Eltern. Sie erziehen ihre Kinder zur Unfähigkeit.
Experten zufolge hat dieser Erziehungsstil viele negative Folgen. Mit «Helikoptern» als Eltern würden unselbstständige, unangepasste, psychisch sowie motorisch schwer geschädigte Kinder herangezogen, so das Fazit. «Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse richten gar weniger Schäden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben», sagt der angesehene dänische Familientherapeut Jesper Juul in einem Beitrag des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel». Kurz: Helikopter-Eltern erziehen ihre Kinder zur Unfähigkeit.
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Fakt ist, dass viele Kinder und Jugendliche heute vermehrt unter psychischen und sozialen Problemen leiden. Gemäss einer Studie der Stiftung Juvenir aus dem Jahr 2015 empfindet rund die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen in der Schweiz häufig oder sehr häufig Stress oder Überforderung im Alltag. Dies und die Tatsache, dass immer mehr Kinder wegen schwerwiegender psychischer Probleme bei der Notfallnummer 147 anriefen, veranlasste Pro Juventute kürzlich dazu, eine nationale Kampagne zum Thema «Weniger Druck, mehr Kind» zu lancieren. Angesprochen werden soll das Umfeld der Kinder – allen voran die Eltern. 
Zu Schulpsychologin Sara ­Fischer kommen immer mehr Kinder mit wenig ­Ausdauer: «Sie versagen, ­obwohl sie ­intelligent sind.» 
Sichtbar werden die Probleme häufig in der Schule, wo erstmals neben dem Elternhaus klare Erwartungen an die Kinder formuliert werden. Lehrpersonen erleben Tag für Tag, wie immer mehr Buben und Mädchen Mühe haben, sich in den Schulalltag zu integrieren. So zeigen viele von ihnen ein auffälliges Verhalten oder leiden unter komplexen Lernproblemen. Solche Schüler gelangen dann zur Abklärung an den Schulpsychologischen Dienst. Gemäss Sara Fischer, Schulpsychologin aus Meilen, hätten diese Kinder oft wenig Ausdauer und eine geringe Frustrationstoleranz. «Obwohl sie intelligent sind, versagen sie in der Schule», sagt sie.

Zu fokussiert, um die Bedürfnisse der Kinder zu erkennen 

Der Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung und der Erziehung durch die Eltern ist relativ schlecht erforscht. Doch es gibt einige Untersuchungen. So präsentierte die finnische Psychologin Pirkko Niemelä in den 80er-Jahren eine wegweisende Studie. Sie zeigte auf, dass der Anspruch, alles perfekt zu wollen, keine gute Voraussetzung für eine positive kindliche Entwicklung ist. 

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