Schule
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Vornoten oder Test – was ist fairer? 

Ob es «die Richtigen» ins Gymnasium schaffen, ist eine heiss diskutierte Frage. Sie betrifft auch das Aufnahmeverfahren. Zehn Schweizer Kantone, darunter Zürich, Glarus oder St. Gallen, regeln die Zulassung mit einer Aufnahmeprüfung. Meist haben in diesem Fall auch die Vornoten Einfluss darauf, ob das Kind einen Platz be­kommt. 16 Kantone, darunter Bern, beide Basel, die lateinische und die Zentralschweiz, verzichten auf eine Aufnahmeprüfung. Hier ist ein bestimmter Notenschnitt ausschlaggebend, oft kombiniert mit der Empfehlung durch die Lehrperson.
«Die Aufnahmeprüfung ist als Zulassungskriterium unfair, ein regelrechtes Damoklesschwert», findet eine Mutter.
Notenschnitt oder Prüfung: Was ist fairer? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Die Aufnahmeprüfung sei lediglich eine Momentaufnahme, abhängig von der Tagesform des Kindes und daher wenig repräsentativ für dessen tatsächliches Potenzial – häufig kommt dieses Argument von Eltern wie einer Zürcher Mutter, die nicht mit Namen genannt werden will. «Die Aufnahmeprüfung ist als Zulassungskriterium schlicht unfair, ein regelrechtes Damoklesschwert», findet sie. «Kein Wunder, dass die Vorbereitung auf das Gymnasium damit auch zur Elternsache wird.»
Was es mit dieser Kritik auf sich hat, zeigt eine bereits länger zurückliegende Studie von Urs Moser, dem Leiter des Instituts für Bildungsevaluation an der Universität Zürich. Moser und sein Team untersuchten im Jahr 2009, ob der sogenannte AKF-Test, den Anwärter für Langzeitgymnasien in Zürich während einiger Jahre zusätzlich zur Aufnahmeprüfung absolvierten, die Chancengerechtigkeit beim Übertritt ins Gymnasium verbessern könnte. AKF steht für allgemeine kognitive Fähigkeiten, die mit dem Test ermittelt wurden.

Für das Prüfungsresultat selbst war sein Befund irrelevant. Die Untersuchung sollte klären, ob ­Kinder aus Migrantenfamilien, die eigentlich das Potenzial fürs Gymnasium hätten, an der Aufnahmeprüfung scheitern, bloss weil sie wenig Unterstützung haben. Entsprechend erwarteten die Forscher bei diesen Prüflingen eine Kluft zwischen hoher Punktzahl im AKF-Test und geringem Erfolg bei der Aufnahmeprüfung. «Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt», sagt Moser. «Schüler mit Deutsch als Zweitsprache schnitten sowohl im AKF-Test als auch in allen Prüfungsteilen deutlich schlechter ab als jene mit Deutsch als Erstsprache.» 
«Intelligenz ist keine fixe ­Grösse, sondern wird von ­Geburt an beeinflusst», sagt ­Bildungsforscher Urs Moser.
Für den Forscher ist die Folgerung naheliegend. «Intelligenz ist keine unveränderliche Grösse, sondern wird von Geburt an beeinflusst», sagt Moser. «Ob ein Kind sein angeborenes Potenzial ausschöpfen kann, hängt von der Umwelt ab.» 

So profitierten Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern von einer anregungsreicheren Umgebung: «Sie haben einen Vorsprung, der sich nicht nur auf den Prüfungserfolg, sondern auch auf ihre kognitiven Fähigkeiten auswirkt.»
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Eltern beeinflussen Lehrpersonen 

Die Untersuchung zeigt auch: Ganz generell deckt sich die Punktzahl aus den kognitiven Fähigkeiten in der Regel nicht nur mit dem Prüfungsresultat eines Kindes, sondern auch mit seinen Vornoten. «Das legt nahe, dass die Prüfung ihre Aufgabe relativ gut erfüllt und die passende Auswahl trifft», sagt Moser.

Auch da, wo ausschliesslich Vornoten zählten, stelle sich die Frage nach deren Aussagekraft, gibt der Forscher zu bedenken: Welche Noten ein Kind erziele, hänge von der Klassenzusammensetzung ab – und davon, wie stark der Einfluss der Eltern auf das Urteil der Lehrperson sei.
«Während die Zentralschweiz mit Lehrerempfehlungen gute Erfahrungen macht», sagt Moser, «muss man kein Hellseher sein, um die Probleme zu sehen, die mit der Abschaffung der Gymi-Prüfung auf Zürcher Lehrpersonen zukämen. Hier ist der Test ein wichtiger ausgleichender Faktor zum elterlichen Powerplay.» So argumentiert auch Bildungsforscher Wolter: «Fehlt die Aufnahmeprüfung als Hürde, profitieren vor allem Akademikerkinder. Sie schaffen den Sprung ans Gymnasium deutlich häufiger als dort, wo es Prüfungen zu bestehen gibt.»

Der Bildungsbericht zeige auch, dass Akademikerkinder unter den Gymnasiasten mit schlechten Schulleistungen überdurchschnittlich häufig vertreten seien. «Sie müssen typischerweise der elterlichen Erwartungshaltung entsprechen, obwohl sie nicht an diese Schule gehören», sagt Wolter. «Das ist schlecht für die Jugendlichen – und sozial ungerecht.»

Jugendliche, die das Gymnasium besuchen, obwohl sie nicht über das kognitive Rüstzeug dafür verfügen, sind keine Seltenheit. Das legt die Arbeit der Intelligenzforscherin Elsbeth Stern nahe. Stern ist ordentliche Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung und Vorsteherin des Instituts für Verhaltensforschung an der ETH Zürich. Zusammen mit ihrem Team erhob sie den Intelligenzquotienten (IQ) von Schweizer Gymnasiasten. «Fast die Hälfte der Schüler, die wir testeten, verfügten nicht über die dafür nötige Intelligenz», sagt Stern. 
30 Prozent der Jugendlichen, die das Gymi ­besuchen, ­verfügen nicht über das ­kognitive Rüstzeug dafür.
Was ist darunter zu verstehen? «Die Schweizer Maturitätsquote sieht vor, dass nicht mehr als 20 Prozent aller Jugendlichen das Gymnasium besuchen. Sinnvollerweise wären das die intelligentesten 20 Prozent ihrer Altersgruppe. Orientieren wir uns an ihnen, müsste der Mindest-IQ fürs Gymnasium bei 112 Punkten liegen», sagt Elsbeth Stern. 46 Prozent aller getesteten Gymnasiasten erreichten diesen Wert nicht. «IQ-Tests sind nicht perfekt», so die Forscherin, «zum Beispiel kann jemand einen schlechten Tag haben.» Unter Berücksichtigung solcher Messfehler hat Stern die Quote nach unten korrigiert – auf 30 Prozent. «Das ist eine konservative Schätzung», betont sie, «und betrifft auch so jeden dritten Gymnasiasten.»

Überfordert auch später im Beruf

Warum ist das problematisch? «Weil zu viele ungeeignete Leute die Universität besuchen, dort das Niveau drücken oder scheitern», sagt Stern. «Oder sie kommen mit Ach und Krach durch und später in berufliche Positionen, denen sie intellektuell nicht gewachsen sind.»

Für viele Akademiker sei die Vorstellung, dass es das eigene Kind nicht aufs Gymnasium schafft, schwer erträglich. Um ihrem Kind einen Platz zu sichern, investierten gut situierte Eltern Unsummen in Nachhilfe. 
So auch Maximilians Eltern, ein Akademikerpaar aus einer Zürcher Seegemeinde. Der 12-jährige Sechstklässler tritt im kommenden März zur Gymi-Prüfung an – wöchentlichen Stützunterricht bei einem privaten Nachhilfeinstitut nimmt er seit zwei Jahren. «Nicht, weil wir überehrgeizig sind», sagt seine Mutter, «sondern weil unser Sohn genügend Zeit haben soll, sich mit neuen Aufgabenstellungen, die im Hinblick auf die Prüfung wichtig sind, vertraut machen zu können. In der öffentlichen Schule bleibt dafür gar keine Zeit.» Es sei ein offenes Geheimnis, findet der Vater, dass der Test ohne Zusatzunterstützung nicht machbar sei. «Alle setzen auf Nachhilfe», glaubt er, «aber keiner gibt es zu.»

Ein Stadtzürcher Paar, diesmal keine Akademiker, begründet seine Entscheidung für private Gymi-Vorbereitung anders: «Wir sind sicher, dass sich unsere Tochter da mehr engagiert als im Kurs, den die Klassenlehrerin anbietet. Da sind ihr Umgebung und Gruppenzusammensetzung zu vertraut, um sie zu Höchstleistungen anzuspornen.»

Zweifel äussert das Paar auch an der Qualität der kostenlosen Vorbereitung, wie sie die öffentliche Schule anbietet: «Die Lehrer sind ja verpflichtet, diese Kurse zu geben – zusätzlich zum normalen Unterricht. Der Verdacht, dass sie diesem Extraaufwand nicht wahnsinnig viel Engagement entgegenbringen, liegt doch nah.» 

1 Kommentar

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Von Sepp am 15.11.2019 16:20

Leider hat die Schweiz noch nicht begriffen, dass die meisten heutigen KV Stellen nur noch mit Leuten mit Studium besetzt werden, eben weil die globlisierte Welt die Schweizer Eigenheit nicht versteht. Und alle internationale Konzerne sowie auch alle Firmen mit internationalem Management (wo ein Franzose, Deutscher, Amerikanischer, etc. HR Manager arbeitet), verlangen Studium. Super das wir das eine Quote von 20% Gimmi haben, dann hat es ja genug Platz für ausländische Arbeitnehmer für die guten Stellen ;-)

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