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Elternbildung

«Frau Stern, was bestimmt unsere Intelligenz?»

Wem verdanken wir unsere geistigen Fähigkeiten? Intelligenzforscherin Elsbeth Stern über Sinn und Unsinn von IQ-Tests und den Einfluss der Umwelt auf unsere Intelligenz.
Interview: Virginia Nolan
Bild:  Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo

Frau Stern, was verstehen Sie unter Intelligenz?

Die Fähigkeit zum präzisen und schlussfol­gernden Denken. Intelligenz befähigt uns zum Verständnis komplexer Ideen und zum Problemlösen, zum Lernen durch Instruktion und zum Lernen aus Erfahrung. Sie ist eine stabile Eigenschaft, die wir uns in der Regel von der Jugend bis ins Alter bewahren. 
Psychologin Elsbeth Stern (1957) ist ordentliche Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung und Vorsteherin des Instituts für Verhaltensforschung an der ETH Zürich.
Psychologin Elsbeth Stern (1957) ist ordentliche Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung und Vorsteherin des Instituts für Verhaltensforschung an der ETH Zürich.

Wie stark bestimmen Gene unsere Intelligenz?

Sie spielen eine grosse Rolle. Es gibt nicht das Intelligenzgen per se, vielmehr bestimmt ein ganzes Orchester von Genvariationen unsere geistigen Fähigkei­ten. Alle Menschen bringen solche Gene mit, praktisch jeder kann schlussfolgernd denken – wie gut, hängt von den Genvaria­tionen ab. Wir gehen davon aus, dass Intelligenzunterschiede zu 50 bis 80 Prozent erblich bedingt sind. Diese Aussage wird allerdings oft falsch verstanden. 

Inwiefern?

Erzielt ein Kind im IQ­-Test 100 Punkte, würde eine Erblichkeit von 50 Prozent dann heissen, dass es die Hälfte dieser Punkte seinen Genen zu verdanken hat? Eben nicht. Das Missverständnis entsteht, wenn wir diesen Erblichkeitskoeffizienten auf ein Individuum anwenden.

Was sagt er stattdessen aus?

Nicht die Intelligenz eines Individuums ist zu 50 bis 80 Prozent erblich bedingt, es sind Intelligenzunterschiede innerhalb einer Gruppe, welche in diesem Ausmass auf Genvariationen zurückgehen – diese haben dort den höchsten Einfluss, wo viele Menschen von gleich guten Entwicklungs­möglichkeiten profitieren. 
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«Grössenunterschiede sind auf Genvariationen zurückzuführen.»
Intelligenzforscherin Elsbeth Stern 
So ist es auch mit der Körpergrösse: Bei Erwachsenen, die in der Schweiz aufgewachsen sind, gehen Grössenunterschiede zu fast 100 Prozent auf Genvariationen zurück, weil diese Personen in der Wachstumsphase genügend zu essen hatten. In Entwicklungsländern ist der erbliche Faktor da erheblich kleiner, weil manche Menschen im Kindes­ und Jugendalter nicht ausreichend ernährt wurden.

Die Gene legen also unser Intelligenz­potenzial fest. Welche Rolle spielt die Umwelt?

Sie muss stimmen, damit besagtes Potenzial zum Tragen kommt. Dafür braucht es Eltern, die dem Kind emotional zugetan sind, auf seine Interessen eingehen und ihm von Anfang an viel sprachliche Zuwendung geben. Dabei sollten Eltern selbst eine korrekte Sprache pflegen, darauf sind Kinder angewiesen.

2 Kommentare

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Von Katharina am 16.08.2018 22:22

Und warum gibt es nun mehr hochbegabte Buben als Mädchen? Ich habe die Antwort in diesem Artikel nicht gefunden.

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 17.08.2018 01:53

Tatsächlich finden wir die Antwort darauf auch nicht mehr im Text - evtl. ist dieser Halbsatz aus einer früheren Version stehen geblieben. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den betreffenden Teil gelöscht.

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