Schule

Sek oder Gymi: Was ist besser für mein Kind?

Eltern wünschen ihren Kindern Erfolg – viele betrachten die ­Matura als Garant dafür. Dabei geht vergessen, dass der vermeintliche Königsweg nicht für jeden der ­richtige ist. Wer gehört ans Gymnasium? Wer sollte lieber eine andere schulische Bahn einschlagen? Und welche Folgen hat es, wenn die Matura für immer mehr Kinder zum Ziel wird? Eine Bestandsaufnahme.  
Text: Virginia Nolan 
Bilder: Gabi Vogt / 13 Photo 
Für viele Schweizer Schülerinnen und Schüler galt es nach den Sommerferien ernst. Für die einen fiel der Startschuss zur Berufswahl, für die anderen stand der Wechsel in die Sekundarstufe an – oder aber der Übertritt ins Gymnasium. Die gymnasiale Matura ist der höchste Abschluss, den Jugendliche auf der Sekundarstufe II erzielen können.

Das Schweizer Gymnasium sei ein Sonderfall, sagt Franz Eberle, Professor für Gymnasialpädagogik an der Universität Zürich: «Mit 13 bis 14 obligatorischen Fächern im Grundlagenbereich plus einem Schwerpunkt- und einem Ergänzungsfach sowie einer Maturaarbeit haben Schweizer Gymnasiasten im internationalen Vergleich das um­fassendste Pflichtprogramm.» Dafür belohne die Matura sie mit dem Eintrittsticket zu allen Universitäten im Land, ermögliche ihnen den prüfungsfreien Zugang zu sämtlichen Studienfächern mit Ausnahme von Medizin. «Das ist im internationalen Vergleich ebenfalls aussergewöhnlich.»

Was die Schweizer Matura zudem besonders macht, ist die Tatsache, dass vergleichsweise wenige eine haben. «Die Schweizer Maturitätsquote gehört mit 20 Prozent zu den tiefsten innerhalb der OECD-Staaten», sagt Eberle.

Bildung als hart umkämpftes Gut

Gut möglich, dass der Ruf des Gymnasiums als Königsweg einer Schul­laufbahn von all diesen Besonderheiten herrührt: Was rar ist, hat Strahlkraft. Offensichtlich scheint diejenige des Gymnasiums den einen oder anderen zu  blenden. Mit zuverlässiger Regelmässigkeit berichten Medien über Eltern, die Anwälte einschalten, um ihr Kind durch die Probezeit zu boxen, oder Lehrpersonen so lange bestürmen, bis der Notendurchschnitt fürs Gymi reicht. Eine arge Zuspitzung? Vielleicht.

«Sicher ist, dass viele Eltern Bildung nicht mehr als ein selbstverständliches, öffentliches, sondern als hart umkämpftes privates Gut betrachten», sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. (Lesen Sie hier das ganze Interview zum Thema: Frau Stamm, wer gehört aufs Gymnasium und wer nicht?) «Nur im Gymnasium, so ihr Kalkül, liegt die Zukunft ihrer Kinder.»
Regelmässig berichten Medien über Eltern, die Lehrpersonen bestürmen, bis die Noten fürs Gymi reichen.
Worin liegt diese Haltung be­gründet? Was macht sie mit der Schule und dem Ideal von Chancengleichheit, was mit den Kindern? Was hilft Kindern und Jugendlichen, ihren Platz zu finden, und für wen ist der Weg ans Gymnasium der richtige?

Diesen Fragen geht dieses Dossier nach – und will Eltern ermuntern, ihren Blick nicht nur auf die Matura zu richten. Mitunter geht vergessen, dass das Schweizer Bildungssystem einen weiteren «Sonderfall» zu bieten hat, der für viele Länder ein Vorbild ist: die duale Berufsbildung.
Gemäss Bildungszielartikel im Schweizerischen Maturitätsreglement hat das Gymnasium zwei Hauptziele: Es soll Absolventen mit der «allgemeinen Studierfähigkeit» ausstatten und sie «auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereiten». Mit allgemeiner Studierfähigkeit ist gemeint, dass Maturanden in der Lage sein sollten, nicht nur ein bestimmtes, sondern jedwedes Studium erfolgreich aufzunehmen. 
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Für Bildungsforscher Stefan Wolter ergibt sich daraus, dass das Gymnasium die zielgerichtete Vorbereitung auf die Universität darstellt. Als Beispiel führt er das gymnasiale Schwerpunktfach Psychologie und Pädagogik an: «Es soll nicht so sein, dass man einfach angeregt über Freud diskutiert. Wenn die Schüler erst an der Universität begreifen, dass zur Psychologie Statistik gehört, hat das Gymnasium seine Aufgabe nicht erfüllt.» 
Für Ivana kam eigentlich nie etwas anderes als das Gymnasium in Frage. Warum? Das erzählt die 14-Jährige hier.
Für Ivana kam eigentlich nie etwas anderes als das Gymnasium in Frage. Warum? Das erzählt die 14-Jährige hier.
Wolter ist Titularprofessor für Bildungsökonomie an der Universität Bern und Leiter der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. Aus seiner Feder stammt der 2018 veröffentlichte dritte Schweizer Bildungsbericht, eine umfangreiche Datenanalyse aus Statistik, Forschung und Verwaltung zum Schweizer Bildungswesen.

Dem Bildungsbericht zufolge treten 95 Prozent der Schweizer Maturanden im ersten Jahr nach dem Abschluss ein Studium an, 80 Prozent an einer Universität, 15 Prozent verteilen sich auf Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen. Ein Viertel derjenigen, die sich für ein Uni-Studium entscheiden, schliesst dieses nicht ab – der meistgewählte Weg bleibt es trotzdem. «In der Schweiz macht man die Matura, um zu studieren», resümiert Wolter. 

1 Kommentar

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Von Sepp am 15.11.2019 16:20

Leider hat die Schweiz noch nicht begriffen, dass die meisten heutigen KV Stellen nur noch mit Leuten mit Studium besetzt werden, eben weil die globlisierte Welt die Schweizer Eigenheit nicht versteht. Und alle internationale Konzerne sowie auch alle Firmen mit internationalem Management (wo ein Franzose, Deutscher, Amerikanischer, etc. HR Manager arbeitet), verlangen Studium. Super das wir das eine Quote von 20% Gimmi haben, dann hat es ja genug Platz für ausländische Arbeitnehmer für die guten Stellen ;-)

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