«Sex ohne Orgasmus macht glücklicher» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Sex ohne Orgasmus macht glücklicher»

Lesedauer: 6 Minuten

Ist das Kind da, wird Sex zwischen Mama und Papa zur Mangelware. Das stresst Frauen wie Männer. Die Sexualberaterin Diana Richardson über ein funktionierendes Liebesleben im durchgetakteten Familienalltag und was für Sex ohne Orgasmus spricht.

Interview: Isabel Strassheim
Bild: ZvG

Frau Richardson, Sie unterscheiden zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Sex: den heissen und den kühlen. Was ist cooler Sex?

Mit coolem Sex meine ich buchstäblich kühl-entspannten Sex. Beim normalen Sex geht es ja im Wesentlichen darum, so heiss wie möglich zu werden, um zum Orgasmus zu kommen. Dafür ist aber eine Menge an Stimulation und Aufbau von Spannung nötig. Und einige nutzen auch sexuelle Fantasien, um die Temperatur zusätzlich zu erhöhen. Cooler Sex dagegen ist nicht auf den Orgasmus fixiert. Er hat kein festgelegtes Ziel, drängt den Körper nicht in eine bestimmte Richtung.

Das heisst dann auch, cooler Sex kennt keinen Orgasmus?

Auch cooler Sex kann mit einem Orgasmus enden, aber darauf liegt nicht der Fokus. Denn ein Orgasmus dauert nur ein paar Sekunden, die vielleicht sogar schön sind, deswegen wollen wir ja immer wieder einen Orgasmus. In dem kurzen Moment fühlt es sich unvergleichlich an, aber nachher ist es, als wäre ein Ballon zerplatzt: Plötzlich ist die Energie weg und ein Gefühl von Getrenntsein vom Partner kann auftauchen. Und nach dem Höhepunkt kann Traurigkeit, Verlassenheit, Energielosigkeit, Enttäuschung oder Wut auftauchen. Denn Sex, der Intensität aufbaut und im Höhepunkt abbaut, stellt nicht unbedingt Nähe her. Wir fühlen uns danach selten enger verbunden und liebevoller miteinander.

Aber wie kann Sex ekstatische Verbundenheit statt nur Ekstase schaffen?

Schauen wir erst mal, wie es beim heissen Sex läuft: Weil er sich um den Höhepunkt am Schluss dreht, dauert er durchschnittlich von der Penetration bis zur Ejakulation 2,5 Minuten. Auch wenn es länger sein mag, der Fokus liegt meist auf dem Orgasmus. Und wenn wir keinen haben, war es schlechter Sex. Aber das ist nichts als ein vorgeprägtes Muster: Wir sind in dieser Vorstellung von Höhepunkt und Entladung gefangen. Wenn wir beim Sex aufmerksam sind, merken wir, wie wir mit diesem Muster im Akt Spannung aufbauen, sie verdichten und verengen – und nach den paar Sekunden des so erzielten Orgasmus zusammenfallen.

Diana Richardson stammt aus Südafrika und studierte Rechtswissenschaften. Vor mehr als 20 Jahren wandte sie sich der ganzheitlichen Massage und der strukturellen Körperarbeit zu. Seit 1993 leitet sie Making-Love-Retreats für Paare mit ihrem Mann und Seminare für Frauen und hat mehrere Bücher geschrieben («Slow Sex», «Zeit für Weiblichkeit», «Zeit für Männlichkeit»). Sie lebt mit ihrem Mann im Emmental. Weiter Infos: www.livinglove.com

Streben wir in unserer Lust nicht automatisch nach einem Orgasmus?

Wenn wir voll Verlangen sind, hat das meistens mit Stress zu tun: Stress im Alltag, in der Familie, bei der Arbeit oder schlicht Überlebensstress. Der Orgasmus wird benutzt, um auf bequeme und angenehme Art Stress abzubauen. Vor allem Männer sagen, dass sie sich nach der Ejakulation entspannter fühlen. Das ist aber eine negative Art der Entspannung, weshalb Männer nach dem Orgasmus auch meistens schlafen möchten. Echte Entspannung dagegen macht wach, energievoll und ist erfrischend.

Ganz praktisch: Wie geht cooler Sex?

Wir achten dabei mehr auf jede einzelne Bewegung, statt uns mechanisch hin- und herzubewegen. Weniger Bewegung und Stimulation sind nötig, wir bleiben zentriert und kühl. Und wir vermeiden es, Spannung und Erregung aufzubauen. Ein wenig ist okay, aber keine Spannung, die zum Orgasmus führt. Es geht um Bewusstheit und dadurch Verlangsamung, durch die wir erst wirklich ins Spüren kommen.

Also entschleunigter Sex?

Ja, das Langsamerwerden ist wichtig, aber nicht nur. Wesentlich ist auch, mehr bei sich zu bleiben: Statt uns auf den Partner zu konzentrieren, sollten wir probieren, mehr im eigenen Körper zu bleiben. Generell sind wir beim Sex selten im eigenen Körper verankert. Dabei liegt genau dort die Intelligenz. Es geht nicht darum, den Penis möglichst schnell in die Vagina einzuführen respektive einzulassen. Es braucht Zeit, bis die Frau wirklich für den Penis offen ist. Wenn die Frau auf sich hört und das «Ja» dafür da ist, bringt das eine ganz neue Erfahrung – und zwar für den Mann wie für die Frau.

Es ist interessant, zu schauen, wie man sich beim Sex ohne Orgasmus fühlt. Die Energie bleibt dann ja im Körper.

Dennoch betonen Sie, dass die Erektion beim coolen Sex genauso unwichtig ist wie der Orgasmus.

Im konventionellen, heissen Sex ist die Erektion beim Mann unbedingt notwendig. Im coolen Sex jedoch geht die Penetration auch ohne Erektion, mit einem entspannten Penis. Männer haben schreckliche Angst vor der Erschlaffung. Das ist auch der Grund, warum sie auf eine möglichst schnelle Penetration aus sind. Und wieso Frauen es zulassen, obwohl sie noch nicht bereit dazu sind. Das ist die eigentliche Ursache für den heissen, schnellen Sex. Es reicht schon, wenn wir das verstehen – und wenn wir wissen, dass eine Penetration auch ohne Erektion möglich ist.

Wie?

Einerseits gibt es die softe Penetration, wie ich sie in meinen Büchern beschreibe. Andererseits können wir auch einfach so zärtlich miteinander sein, uns in die Augen schauen und entspannen. Dabei öffnet sich der Körper der Frau. Und die Erektion kommt dann meist auch von selbst zurück. Und zwar auf bessere Weise, nämlich ohne zu viel Erregung.

Beim coolen Sex lassen wir uns also nicht nur für jede Bewegung Zeit, sondern auch fürs Vorspiel?

Genau. Denn beim Mann steigt die sexuelle Temperatur sehr schnell, bei der Frau braucht es mehr Zeit. Beide sind da energetisch sehr verschieden. Wenn das nicht verstanden wird, verlieren Frauen leicht die Lust am Sex. Denn Männer geben ihnen nicht die nötige Zeit, und Frauen sind oft zu unsicher, darum zu bitten. Aber jede Frau weiss, dass sie lieber noch ein bisschen warten würde, bevor sie den Mann in sich empfängt. Aber wir folgen einfach der Konvention. Die Folge ist, dass es leicht passieren kann, dass der Körper der Frau nach der Flitterwochenphase die Lust am Sex verliert.

Der Wechsel vom heissen Sex auf den coolen Sex ohne Orgasmus ist aber
nicht ganz einfach.

Sex wird stark von unseren Vorstellungen geprägt. Wenn wir nun sofort in eine neue Vorstellung wie coolen Sex umsteigen wollen, ist das wieder nur eine Idee. Dabei geht es darum, zu verstehen, dass wir bisher beim Sex einem Muster gefolgt sind und dass wir das ablegen können. Es ist nur wichtig, zu wissen, dass es auch anderen Sex gibt – das genügt, um nach und nach mehr Bewusstsein hineinzubringen. Wir beginnen dann vielleicht zu bemerken, in welchem Moment das Drängen nach einem Orgasmus aufkommt. Und stattdessen wählen wir den Weg in die Entspannung. Auf diese Weise können wir den Sex auf zwei bis drei Stunden ausdehnen. Ein Orgasmus am Ende ist auch in Ordnung, aber es ist auch interessant, zu schauen, wie man sich ohne Orgasmus fühlt. Die Energie bleibt dann ja im Körper.

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Aber dann fehlt doch der Abschluss.

Wir sollten darauf achten, wie wir uns Stunden und Tage danach fühlen. Ohne Orgasmus kann das entspannter, liebevoller und innerlich zufriedener sein. Dies fliesst auch in unseren Alltag über. Wir sollten unsere Vorstellung hinterfragen, dass es beim Sex nur darum geht, zum Höhepunkt zu kommen. Das ist eine Option, wenn wir ein Baby wollen. Aber es gibt nicht jedes Mal ein Muss für einen Orgasmus.

Und wie ist es, wenn die sexuelle Anziehung nach einer jahrelangen Beziehung verfliegt?

Das ist das Problem bei heissem Sex – weil man mit der Zeit einfach an Hitze verliert, genauso
wie man nicht ewig Leistungssport machen kann. Einige wollen dann den Partner wechseln, um zurück zur Erregung zur kommen, doch auch diese Hitze verbrennt. Eigentlich ist nicht die Anziehung vorbei, sondern der heisse Sex. Viele meinen, dass Sex über das ganze Leben hinweg gleich bleiben soll. Dabei verändert er sich genauso, wie auch Arbeit oder Wohnung wechseln.

Auch durch Kinder verändert sich unser Sex, allein dadurch, dass uns weniger Zeit und Energie bleiben.

Genau dann ist cooler Sex eine gute Alternative – vor allem, weil wir nicht viel Energie und auch keine Lust haben müssen. Wir können uns dafür verabreden und auch einen Babysitter organisieren. Es geht darum, miteinander körperlich zu entspannen und uns zu erfrischen. Und Kinder sind sehr empfänglich für die Liebesbeziehung ihrer Eltern. Wenn die fliesst, fühlen sie sich sicherer und selbstbewusster.

Auf einer tieferen Ebene ist cooler Sex Liebe. Wir alle sehnen uns nach mehr Liebe und Verbundenheit.

Warum ist es für uns peinlich, wenn uns die Kinder beim Sex erwischen?

Weil wir beim heissen Sex nicht unbedingt wir selbst sind. Er ist häufig eher unbewusst, lieblos und mit Scham verknüpft.

Wollen Männer nicht eher heissen Sex?

Zunächst scheint es, dass Frauen nach einer anderen Art von Sex suchen. Eben weil sie mehr Zeit für die Penetration brauchen und mehr Mühe haben, in wenigen Minuten zum Orgasmus zu kommen. Aber auch Männer sind erleichtert, wenn der Leistungsdruck beim Sex entfallen kann: Die Frau zum Orgasmus zu bringen, ist kein Muss mehr, genauso wenig wie eine lang anhaltende Erektion. Wenn die sexuelle Temperatur sinken darf, gibt es auch keine Schwierigkeiten mit vorzeitiger Ejakulation. Bewusstsein verändert die Qualität beim Sex komplett – und viele Männer merken, dass auch sie das gesucht haben, ohne es zu wissen. Schliesslich reden wir über Liebe. Auf einer tieferen Ebene ist cooler Sex Liebe. Und wir alle sehnen uns nach mehr Liebe und Verbundenheit in unserem Leben.

Isabel Strassheim
ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie im Kanton Solothurn.

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