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Elternbildung

«Väter sollten nicht klein beigeben» 

Wenn sich getrennte Eltern nicht einigen können: Fabian Voegtlin, Anwalt für Familienrecht in Zürich, empfiehlt Vätern nur als ultima ratio den Gang vor die KESB.
Interview: Adrian Hoffmann

Herr Voegtlin, was können Väter tun, wenn sie nach einer Trennung oder Scheidung mehr Kontakt zu ihrem Kind möchten?

Sind die Eltern geschieden, lässt sich in der Scheidungskonvention oder im Scheidungsurteil zwingend eine Betreuungsregelung finden. Diese soll gelten, wenn sich die Eltern nicht einigen können. Dasselbe gilt für die gerichtliche Trennung im Eheschutzverfahren. Möchte der nicht obhutsinhabende Elternteil ein grosszügigeres Besuchsrecht bekommen, sollte in einem ersten Schritt stets eine einvernehmliche Absprache mit dem anderen Elternteil das Ziel sein. Führt das nicht weiter, bleibt neben einer Mediation nur noch der Weg zur Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Sind die Eltern nicht miteinander verheiratet, legt im Streitfall ebenfalls die KESB auf Antrag eines Elternteils eine Besuchsregelung fest. Der Vollständigkeit halber: Die KESB ist in der letztgenannten Situation nur zuständig, wenn ausschliesslich die Betreuungsregelung umstritten ist. 

Welche rechtlichen Voraussetzungen gibt es? 

Entscheidender Faktor – sowohl bei der Festlegung als auch bei Abänderung einer Regelung – ist das Kindeswohl. Die beantragte Erhöhung der Besuchsregelung muss zwingend mit dem Kindeswohl im Einklang stehen. Je nach Alter des Kindes wird das Gericht oder die KESB das Kind selbst anhören. Ob eine Anhörung stattfindet, wird aufgrund der Umstände und des Gesprächs mit den Eltern entschieden. Laut Bundesgericht ist eine Anhörung ab dem sechsten Altersjahr eines Kindes grundsätzlich möglich. Eine funktionierende Kommunikation ist – anders wie bei der gemeinsamen elterlichen Sorge – nicht Voraussetzung für mehr Betreuung. Denn sollten die Eltern nicht mehr im Stande sein miteinander zu kommunizieren, wird eine Besuchsrechtsbeistandschaft bestellt, die den Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen soll. So zumindest die Theorie. 
Fabian Voegtlin ist Anwalt für Familienrecht bei Giger & Partner in Zürich. 
Fabian Voegtlin ist Anwalt für Familienrecht bei Giger & Partner in Zürich. 

Und der Unterschied zwischen Theorie und Praxis? Was kann ein Vater auf juristischem Wege tatsächlich erreichen, wenn die Mutter den Umgang so weit wie möglich einschränken möchte? 

Dazu ein Beispiel aus meiner Praxis als Anwalt. Die Eltern haben im Jahr 2007 geheiratet, knapp ein Jahr später kam die Tochter zur Welt. Nach drei Jahren Ehe beantragte die Mutter im Eheschutzverfahren ein begleitetes Besuchsrecht, was sowohl erst-als auch zweitinstanzlich abgewiesen. Dem Vater wurde stattdessen ein unbegleitetes Besuchsrecht eingeräumt. Die Mutter hielt sich nicht an die im Eheschutzentscheid festgehaltene Regelung, weshalb der Vater ein Vollstreckungsbegehren stellte, was die Mutter wiederum erfolglos angefochten hat. Im Scheidungsverfahren 2013 konnten sich die Eltern dann auf eine Besuchsrechtsregelung einigen. Ein Jahr später stellte die Mutter ein Änderungsbegehren, eventuell die Anordnung eines begleiteten Besuchsrechts. Die KESB setzte einstweilen das Besuchsrecht aus, ordnete im Endentscheid aber ein begleitetes Besuchsrecht an. Auch dieser Entscheid wurde von der Mutter einmal mehr erfolglos angefochten. Trotz dieser nun seit Ende 2015 bestehenden Regelung fanden bis anhin keinerlei Besuche statt. Die KESB prüft momentan, ob die Mutter das Kind instrumentalisiert hat oder ob es auch dem tatsächlichen Willen des Kindes entspricht, den Vater nicht zu sehen. 

Der juristische Weg kann also ganz schön lang sein.

In der Tat, besonders, wenn sich die Mutter immer und immer wieder gegen die beantragte Ausweitung des Besuchsrechts stellt. Festzuhalten ist aber, dass die Mutter durch Querstellen das Besuchsrecht des Vaters nicht erfolgreich verhindern kann – sofern nicht kindeswohlgefährdende Umstände vorliegen, die dem Vater angelastet werden. Die Mutter wird in der Regel auch die Besuchsregelung durch haltlose Beschuldigungen nicht boykottieren können. 
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«Das Kind hat ein Recht darauf, den Vater zu sehen»

Welchen Wert hat Ihrer Einschätzung nach das gemeinsame Sorgerecht? 

Seit dem 1. Juli 2014 sieht das Zivilgesetzbuch die gemeinsame elterliche Sorge als Standard vor. Die Voraussetzungen für ein Abwenden von diesem Grundsatz bzw. die nachträgliche Änderung auf die alleinige elterliche Sorge ist an hohe Hürden geknüpft. So sieht das Gesetz vor, dass die elterliche Sorge nur in bestimmten Fällen entzogen werden kann, wenn andere Kindesschutzmassnahmen erfolglos geblieben sind oder von vornherein als ungenügend erscheinen. Daran lässt sich erkennen, dass der Gesetzgeber den Wert der gemeinsamen elterlichen Sorge als sehr hoch erachtet. 

Spiegelt sich das auch in der Praxis wieder? 

Die meisten Väter und Mütter wollen in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden, wenn es um medizinische Eingriffe, Berufswahl oder dergleichen des Kindes geht. In der Realität ist es so, dass wenn der obhutsinhabende Elternteil den anderen Elternteil nicht vorgängig mit einbezieht, die Entscheidung oftmals bereits getroffen und nicht oder nur sehr schwer rückgängig zu machen ist. Das gemeinsame Sorgerecht verkommt in solchen Situation zu einer inhaltslosen Hülle. Für zukünftige Entscheidungen kann eine Beistandschaft Abhilfe leisten, wobei in eine solche nicht zu viel Hoffnung gesteckt werden sollte. 

Was können Sie Vätern grundsätzlich raten, die bei Ihnen vorstellig werden?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Väter nicht einfach klein beigeben, sondern sich wehren sollten. Das Besuchsrecht ist – wie das Wort bereits vermuten lässt – ein Recht, das dem Vater zusteht. Zugleich hat auch das Kind ein Recht darauf, den Vater zu sehen. Je nach Ausgangssituation schlage ich folgendes Vorgehen vor: 

  1. Versuch einer bilateralen Lösung 
  2. Mediationsversuch bei einer qualifizierten öffentlichen Beratungsstelle oder durch einen geschulten Mediator 
  3. Einleitung eines KESB-Verfahrens als ultima ratio 

Wo können Väter Hilfe finden, wenn Juristen ihnen nicht weiterhelfen können? 

Ein Mediationsversuch durch einen ausgebildeten Mediator kann je nach Situation die Wogen glätten und zielführend sein. 

Lesen Sie mehr zum Thema:

  • Seit der Trennung von seiner Frau ist seine Tochter praktisch aus seinem Leben verschwunden. Ein Vater erzählt. 

3 Kommentare

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Von Adrian am 25.02.2017 10:31

Wie wird denn im Falle eines Schichtarbeiters entschieden? Wird unmöglich sein, zwei Wochenende die Kinder zu sehen. Unter der Woche wäre jedoch möglich, Distanz zum Wohnort ca. 15 min. Also in die Schule bringen zBsp. wär möglich. Wie sehen Sie das?

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Von Franz Josef am 24.01.2017 17:04

Beim Streit/Kampf um das Kind befinden sich die Eltern immer in KONFRONTATION.
Das ist immer für das Kind eine Belastung, auch wenn die Eltern nicht physisch anwesend sind.
Das Erste und die Basis für alles Weitere, was das Kind braucht, ist da doch, dass die Eltern ein Minimum an Miteinander lernen, in dem man zu dritt wenigstens ein, zwei Stunden aushalten kann.
Regelmäßig angeordneter Frontwechsel des Kindes kann ja wohl nicht ernsthaft als förderlich für auch nur einen der Beteiligten angesehen werden.
Müssten wir da für das Kind nicht erst einmal genug für die beteiligten Erwachsenen tun - denen manchmal zum Erwachsensein eine ganze Menge fehlt?
Franz Josef Neffe

Von Karikaturist Leonardo am 13.12.2018 23:12

Den Nagel auf den Kopf getroffen, aber wenn die Frau oder der Mann keine gemeinsame treffen einmal im Monat nicht will, dann man genauer hinschauen welche Gründe es gibt. Gibt es nur den Grund der Verletzluchkeit und Stuhrheit, der andere aber offen und friedfertig, dann sollte man diese Friedfertigkeit belohnen mit 3 Tage zusätzlichen Tagen mit dem Kind im Monat.

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