Jesper Juul: So fördern Eltern die Eigenverantwortung ihrer Kinder
Elternbildung

So fördern Eltern die Eigenverantwortung ihres Kindes

Eltern sollten ihren Kindern ermöglichen, persönliche Verantwortung zu übernehmen. Sie dürfen sie damit aber nicht allein lassen.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren

Originaltitel «Ondt i familien», aus dem Dänischen übersetzt von Knut Krüger
Der erste Teil dieses Textes heisst «Aggressionen in der Familie».
Es ist gar nicht so lange her, dass wir die Fähigkeit der Kinder entdeckt haben, persönliche Verantwortung zu übernehmen – auf bestimmten Gebieten für sich selbst Sorge zu tragen. In den letzten Jahren haben wir mehr und mehr darüber erfahren und lernen immer noch täglich dazu. Wir können zwar keine exakte, unveränderliche Liste dieser Gebiete erstellen, doch ein paar wichtige Prinzipien der Eigenverantwortung zeichnen sich immer deutlicher ab.

Freilich haben wir auch gelernt, dass sich viele Eltern von diesem Thema provoziert fühlen – und das aus gutem Grund. Denn es erschüttert die jahrhundertealte Vorstellung davon, was elterliche Verantwortung ausmacht. Ausserdem bedeutet es, dass wir ein wenig von der Macht abgeben müssen, die stets von den Eltern wahrgenommen wurde. Bei manchen Eltern stellt sich dadurch das Gefühl ein, ihrer elterlichen Verantwortung nicht mehr im vollen Umfang gerecht zu werden und ihren Kindern nicht mehr die notwendige Fürsorge zukommen zu lassen. 

Doch sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass sich das Selbstgefühl unserer Kinder am besten entwickelt, wenn wir ihnen helfen, frühzeitig Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Solange unsere Kinder noch Säuglinge sind, lassen wir ihnen auf selbstverständlichste Weise unsere Fürsorge zukommen. Aber auch Säuglinge machen uns mithilfe ihrer Mimik, ihrer Bewegungen und Geräusche schon auf ihre Bedürfnisse aufmerksam, teilen uns ihre Wünsche, ihren Widerwillen und ihren Schmerz mit und machen ihre Grenzen deutlich. Sie merken beispielsweise, wenn sie hungrig sind, und übernehmen die Verantwortung, uns dies mitzuteilen. Sie spüren, dass sie frieren, und versuchen ebenfalls, uns dies verständlich zu machen. Wenn wir mehrere Minuten lang intensiven Kontakt zu ihnen hatten, wenden sie erst den Blick ab und drehen dann ihren Kopf weg, um uns zu sagen, dass sie fürs Erste genug haben und eine Pause brauchen. Sie übernehmen die Verantwortung für ihre Bedürfnisse und sind darauf angewiesen, dass wir ihre Signale verstehen und respek­tieren. 
Es ist an den Eltern, sich
allmählich an die Rolle des aktiven Sparringpartners
zu gewöhnen. 
In diesem Alter besteht noch kein Konflikt zwischen kindlicher Selbstverantwortung und elterlicher Fürsorge. Wir sind vielmehr verzweifelt, wenn wir nicht verstehen, was unser Kind uns sagen will, ob es Schmerzen oder Hunger hat, ob es friert oder ob ihm zu warm ist. Wenn es doch nur schon sprechen und uns sagen könnte, was los ist, denken wir dann. Wenn unser Kind allmählich zu sprechen beginnt, werden wir uns seiner Bedürfnisse und Grenzen umso mehr bewusst.
Ungefähr zwischen dem sechsten und dreizehnten Lebensjahr wird die Frage der persönlichen Verantwortung immer dringlicher. Ganz gleich, wie die Eltern sich bisher verhalten haben, sehen sie sich nun mit neuen Herausforderungen konfrontiert:

  • Kinder in diesem Alter insistieren zunehmend darauf, selbst zu entscheiden, und wollen von uns wissen, warum wir uns ständig einmischen. 
  • Die Schule stellt hohe Anforderungen an ihre Schüler, und die Eltern müssen für sich klären, wie es in dieser Hinsicht mit der Aufteilung der Verantwortung zwischen ihnen und ihren Kindern bestellt ist. 
  • Die Kinder befinden sich auf halbem Weg in die Pubertät hinein und müssen zunehmend eigene Entscheidungen treffen, die ihre gesamte Jugendzeit beeinflussen werden. 
  • Die Wahl der Freunde spielt eine immer wichtigere Rolle, bis diese etwa um das neunte Lebensjahr herum zu den zentralen Rollenmodellen werden. 
  • Die Kinder verbringen mehr Zeit ausser Haus, wodurch die Kon­trollmöglichkeiten der Eltern abnehmen.

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