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Aggressionen in der Familie

Lesedauer: 4 min

Aggressionen in der Familie

Aggressionen sind ein unerlässlicher Bestandteil menschlicher Beziehungen, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Familie. Sie sind kein Symptom dafür, dass eine Familie auseinanderbricht. Sondern ein Zeichen, dass sie lebt.
Text: Jesper Juul

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Früher suchte man die Erklärung für individuelle Probleme ausschliesslich innerhalb des Individuums – in Kindheitserlebnissen, chemischen Reaktionen im Gehirn oder anderen inneren Vorgängen.

Doch inzwischen richten auch die Experten unter uns ihre Aufmerksamkeit auf die innerfamiliären Beziehungen. Was allein noch kein Fortschritt ist, solange wir uns nicht von der althergebrachten Auffassung lösen, irgendwas sei verkehrt oder nicht in Ordnung, wenn es uns schlecht geht. Denn das hiesse, die Familie als Wurzel alles Bösen zu betrachten, als Ort, an dem all unsere Probleme ihren Ursprung haben – ein Gedanke, der ebenso nutzlos wie «antifamiliär» ist.

Kein Defekt, sondern ein Mangel

Kinder bringen Eltern ein Maximum an Loyalität entgegen. Deshalb treten innerfamiliäre Konflikte oft nicht zu Hause auf.

Loyalität ist bei Kindern besonders ausgeprägt. Kinder bringen ihren Eltern ein Maximum an Loyalität entgegen. Deshalb treten innerfamiliäre Konflikte oft nicht zu Hause, sondern in der Schule oder in anderen Betreuungseinrichtungen zutage.

Pädagogen, die von Problemen berichten, die Eltern gänzlich unbekannt sind, wird oft mit grosser Skepsis begegnet. Doch in der Regel bringen sie wichtige Themen zur Sprache, welche die Eltern nicht wahrnehmen, weil die Kinder einfach zu loyal sind, ihre Konflikte in den eigenen vier Wänden auszutragen. Das gilt insbesondere für Familien, deren Streit- und Konfliktkultur nicht sehr ausgeprägt ist.

Was es bedeutet, sich wertvoll für andere zu fühlen, kennen die meisten von uns durch das Verhältnis zu unseren Kindern, da es für uns von zentraler Bedeutung ist, sich als gute Eltern zu empfinden. Unser Bedürfnis, sich als gute Partner und Freunde zu sehen, ist jedoch nicht minder ausgeprägt.

Signale für Störungen

Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass. Das Gegenteil von Liebe ist Resignation.

Unterdrückte und reine Emotionen

Auch bei Erwachsenen äussert sich die erste Irritation oft indirekt. Viele Frauen haben beispielsweise gelernt, dass es nicht sehr feminin sei, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Also zeigen sie sich verletzt und bedrückt. Männer, die ihre wahren Gefühle unterdrücken, werden oft mürrisch, wortkarg und missmutig.

Dennoch treten unsere Emotionen am häufigsten in ihrer reinen Form zutage. Alle Familien kennen Phasen einer allgemeinen Gereiztheit. Man gerät schnell aneinander, streitet sich scheinbar ohne Grund, trägt immer wieder dieselben Konflikte aus.

Wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern von aggressiven Gefühlen beherrscht wird, sollte man sich klarmachen, dass 99,9 Prozent der Eltern ihre Kinder über alles in der Welt lieben. Und es gibt keine Kinder, die ihre Eltern nicht über alles lieben. Natürlich gibt es Familien, in denen dies schwer zu erkennen ist, weil sich alle so verhalten, als könnten sie sich nicht ausstehen. Oft ist das ein Zeichen dafür, dass ihr Bedürfnis, sich als wertvoll für die anderen zu empfinden, nicht befriedigt wird, was ein frustrierendes Erlebnis ist.