Corona und Schulstress macht depressiv
Psychologie
Seite 2

In Krisenzeiten wachsen Menschen über sich hinaus. Auf Jugendliche bezogen könnte dies bedeuten, dass viele von ihnen beginnen, Dinge selber anzupacken. Sehen Sie diese Chance? 

Ja, diese Chance gibt es. Beispielsweise wenn Kinder und Jugendliche ein neues Hobby entdecken, mehr Sport treiben oder eigene Pläne schmieden. Krisen schütteln durch, sie können aber aktivierend wirken, das weiss man aus anderen Studien. Wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder darin begleiten – auch im Sinne, zusammen neue Aktivitäten auszuprobieren. 
 «Wie Stress definiert wird, ist subjektiv»

Wie können Eltern ihre Kinder in diesen Zeiten generell unterstützen? 

Wichtig ist es, mit den Kindern und Teenagern zu reden, sie zu fragen, wie sie all dies emotional erleben. Man sollte den Kindern die Wahrheit sagen und die Dinge altersentsprechend erklären. Unsicherheiten, die wir alle im Umgang mit der Coronakrise erleben, sollten Eltern ruhig ansprechen. Aus medizinischer Sicht ist es wichtig, nichts zu verpassen. Das heisst ein Kind auffangen, bevor es wegen seelischer Überbelastung in eine Depression oder Angststörung abgleitet. 

Bei welchen Anzeichen sollten Mütter und Väter aufmerksam werden? 

Dauernde Niedergeschlagenheit, Hausaufgaben ständig vor sich herschieben, Schlafprobleme, sozialer Rückzug, aggressives Verhalten, Zwänge oder auch andauernde Lustlosigkeit können Hinweise sein. Psychische Belastung kann sich aber auch indirekt durch wiederkehrende Bauch- oder Kopfschmerzen bemerkbar machen. Ganz wichtig: Eltern sollten nicht lange zuwarten, bis sie ihr Kind ansprechen, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt. Wenn die Eltern nicht weiterkommen, sollen sie unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. 

Statt darüber zu lamentieren, was alles derzeit nicht geht, schlagen Sie vor, den Fokus auf die Dinge zu setzen, die möglich sind. 

Für viele Menschen in der Schweiz ist immer noch vieles möglich. Man kann rausgehen, spielen, spazieren gehen, schlitteln oder Velo fahren. Psychologisch ist es sehr hilfreich, sich auf das zu fokussieren, was gerade geht und was Spass macht. 
Anzeige

Wie könnte die Post-Corona-Gesellschaft aussehen? 

Die Krise wird im gesellschaftlichen Gedächtnis bleiben. Wenn das Gröbste vorbei ist, wird eine Aufarbeitungszeit auf verschiedenen Ebenen beginnen. Beispielsweise muss analysiert und diskutiert werden, was in der Pandemiebekämpfung gut lief und was nicht. Auf der familiären Ebene wird es davon abhängen, wie stark eine Familie von Corona betroffen war. Also, ob beispielsweise Eltern den Job verloren haben oder ob ein nahestehender Mensch an Corona gestorben ist. Aus psychologischer Sicht könnte auch die Schuldfrage eine grosse Rolle spielen, im Sinne: «Hätte ich die Grosseltern nicht ohne Maske zum Abendessen eingeladen, wären sie noch am Leben». 

Auch wenn es angesichts der aktuellen Geschehnisse provokant erscheinen mag, Sie dies zu fragen: Was finden Sie persönlich positiv an der jetzigen Phase, die wir als Kollektiv erleben? 

In der jetzigen Phase stehen uns Impfstoffe zur Verfügung und die ersten Resultate aus verschiedenen Ländern zeigen, dass sie sowohl sicher als auch wirksam sind. Das finde ich äusserst positiv. Ansonsten ist Ihre Frage etwas schwierig zu beantworten, gerade wenn man jemanden vor Augen hat, der wegen der Coronakrise eine Depression entwickelt hat. Dass die paradiesische Schweiz, die bislang von globalen Krisen verschont geblieben ist, nun diese Pandemie erlebt, ist eine einschneidende Erfahrung. Ob das auch positive Aspekte hat, wird die Zukunft zeigen. Aber zumindest gibt es eine Sensibilisierung dafür, dass Gesundheit und Wohlstand fragil sind und wir ihnen Sorge tragen müssen. 

Einfluss von Covid-19 auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Eine BAG-Studie und eine Untersuchung der Uni Basel zur psychischen Gesundheit zeigen, dass Kinder und Jugendliche im besonderen Mass von der Coronakrise betroffen sind. Zu schaffen mache Jugendlichen unter anderem der fehlende Kontakt zu Gleichaltrigen. Zudem befürchten Experten langfristige negative Folgen für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. 

BAG-Studie zur psychischen Gesundheit der Schweizer Bevölkerung

Die BAG-Studie zur psychischen Gesundheit der Schweizer Bevölkerung stuft in ihrem Teilbericht vom November 2020 Kinder und Jugendliche als Risikogruppe für psychische Auswirkungen der Covid-19-Pandemie ein. Jüngere Menschen weisen demnach im Vergleich zu den älteren Generationen eine höhere psychische Belastung auf. Entwicklungspsychologisch befinden sich Kinder und Jugendliche in einer besonders sensiblen und prägenden Lebensphase.

Risiken und Stressfaktoren für Kinder und Jugendliche
Angst, Frustration oder Stress können bei dieser Altersgruppe mittel- und längerfristige Folgen auslösen. Denn fehlende oder reduzierte soziale Interaktionen und Kontaktbeschränkungen wirkten sich, so die Studie, stärker auf das Beziehungs- und Bindungsverhalten junger Menschen aus als auf Erwachsene, deren Verhaltensmuster schon gefestigt sind. Belastungen und Risiken während der Coronakrise sind zudem eingeschränkte körperliche Aktivitäten, schlechtere Ernährung oder häusliche Konflikte und Gewalt. Emotionale Schwierigkeiten können sich durch Stress, Isolation oder Unsicherheit über die eigene Zukunft zeigen.

Quelle: BAG, November 2020

Link zur Gesamtstudie des BAG

Umfrage Uni Basel: starker Anstieg an psychischer Belastung in der zweiten Covid-19-Welle

Auch eine aktuelle Erhebung der Uni Basel zur psychischen Belastung in der zweiten Covid-19-Welle kommt zum Schluss, dass der psychische Stress im Vergleich zum Frühjahr klar zugenommen hat. Besonders stark betroffen sind auch hier junge Menschen. Demnach beträgt die Häufigkeit schwerer depressiver Symptomen bei der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen knapp 30 Prozent.

Zum Vergleich: Bei den 35- bis 44-Jährigen betrug sie 17 Prozent, bei den 45- bis 54-Jährigen 14 Prozent, bei den 55- bis 64-Jährigen 13 Prozent und bei den über 65-Jährigen vergleichsweise nur noch 6 Prozent.

Link zur Umfrage: www.coronastress.ch

Hilfe bei persönlichen Krisen

www.duureschnuufe.ch
Plattform für psychische Gesundheit rund um das Coronavirus

Beratung rund um die Uhr:

Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche):
Telefon 147,
www.147.ch

Die Dargebotene Hand. Beratungstelefon für Erwachsene:
Telefon 143,
www.143.ch

Mehr zum Thema Corona



  • Wie viel Corona können Eltern ihren Kindern zumuten?
    Die zweite Corona-Welle ist hier und täglich sind wir mit Nachrichten über Neu-Infektionen und neuen Vorgaben konfrontiert. Wieviel davon sollen Eltern ihren Kindern zumuten? Und wie reagiert man, wenn das Viruswirklich nah ist; Freunde, Verwandte oder das Kind selbst betrifft? 

  • Soll ich mein Kind impfen?
    Kaum ein Thema wird unter Eltern so kontrovers diskutiert wie das Impfen. Warum stehen manche Mütter und Väter einer Immunisierung gegen diverse Krankheiten so kritisch gegenüber? Der Infektiologe Philip Tarr kennt die Gründe und rät dringend zu mehr Aufklärung. 

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.