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Arztbesuch

Akupunktur für Kinder ohne Nadeln

Bei Akupunktur werden viele Menschen skeptisch. Nadeln im Körper? Bitte nicht! Und schon gar nicht für Kinder. Doch es gibt eine sanfte Alternative: Shōnishin. Die Heilmethode kommt ganz ohne Piekser aus, ist aber nicht weniger wirksam als die Behandlung mit Nadeln.
Text: Claudia Landolt 
Bilder: zVg
Gehören Sie zu den Menschen, die bei einer Blutentnahme beim Arzt die Augen schliessen, sobald sich die Nadel nähert? Dann sind Sie nicht allein. Ich bin mindestens so ängstlich wie Sie. Oder noch ängstlicher. Deshalb kam Akupunktur für mich nie in Frage – bis ich Christina Aubert traf. Die Therapeutin in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) aus Zürich war buchstäblich meine letzte Rettung, als meine Schwangerschaftsübelkeit (im Fachjargon «Hyperemesis gravidarum» genannt) so heftig war, dass ich nachts deswegen aufwachte.

Meine allererste Begegnung mit Akupunktur habe ich nie vergessen. Nach der Anamnese und der Pulsmessung musste ich Christina Aubert meine Zunge herausstrecken – was in unserer westlichen Welt schon Kleinkindern untersagt ist, ist in der chinesischen Medizin ein Muss für die Diagnose. TCM-Therapeuten sehen in der Zunge das Spiegelbild des Körpers, eine Art Gegenstück zu den bildgebenden westlichen medizinischen Mitteln. Störungen im körperlichen Mechanismus manifestieren sich in der Zunge in den fünf Aspekten Farbe, Form, Belag, Feuchtigkeit sowie Geist. Eine gesunde Zunge, so heisst es, ist frei beweglich, zittert nicht, ist leicht feucht und glänzend, sie hat einen dünnen, weissen, gleichmässigen Belag, weist keine Flecken auf und der Zungenkörper hat eine schöne, leicht rötliche Farbe. Meine Zunge sah, man kann es sich vorstellen, ganz anders aus: weisslich, schlaff und rissig, kurz: aus dem Lot. Die TCM-Fachfrau hatte diesen berühmten Blick, von dem man ahnt, dass er nichts Gutes verheisst. Ihr Urteil: «Oje.» Mein Körper war nicht im Gleichgewicht. In der TCM-Fachsprache heisst das: Yin und Yang in Disharmonie.
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Wenn die Wärme fehlt

Yin und Yang sind Bezeichnungen für universelle Ordnungsprinzipien. Beide müssen im Gleichgewicht sein. Sind sie es nicht, manifestieren sich Beschwerden und Krankheiten. Yin besteht nicht ohne Yang, alles, was existiert und sich verändert, so die Philosophie dahinter, entsteht im Zusammenspiel von Yin und Yang. In der chinesischen Lautschrift stellt Yin einen Hügel mit Schattenseite dar, das Yang einen Hügel mit Sonnenseite. Obwohl Yin und Yang Gegensätze charakterisieren (Schatten / Licht, Kälte / Hitze, Wasser / Feuer), schliessen sie sich nicht aus, sondern ergänzen sich.

Störungen von Yin und Yang bilden das Fundament der TCM. Hat der oder die Betroffene zu wenig Yang, friert die Person und braucht als Ausgleich viel Wärme – auch und vor allem in Form von warmen statt kalten Mahlzeiten. Da ich genau darunter litt, musste ich meine Ernährung umstellen. Also Suppe statt Salat zum Lunch und Porridge statt Birchermüesli zum Frühstück, dazu ein spezieller Kräutertee. Sport auch nur sehr dosiert.
Eine Besserung trat schon nach der ersten Behandlung auf.
Die verschiedenen Nadeln – fünf bis sieben feine Einwegnadeln aus Edelstahl an bestimmten Punkten – blieben 20 Minuten in meinem Körper. Eine Besserung trat schon nach der ersten Behandlung auf, nach vier Wochen war ich so weit, dass ich mit einer wöchentlichen Sitzung auskam. An das Pieksen der Nadeln hatte ich mich längst gewöhnt. Unangenehm war nur der Einstichschmerz. Die nachfolgende Ruhephase empfand ich dann als sehr angenehm.

Stifte statt Nadeln?

Als Erwachsene wöchentlich mit Nadeln behandelt zu werden, ist das eine. Kinder nadeln zu lassen, das andere. Für Kinder ab Neugeborenen- bis Jugendalter (und auch für nadelängstliche Erwachsene) gibt es eine sanfte Alternative: die japanische Kinderakupunktur Shōnishin. Shōnishin leitet sich aus den zwei japanischen Wörtern shōni = Kind und shin = Nadel / Nadelung ab. 
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Shōnishin wird auch in der Schweiz von TCM-Therapeuten mit entsprechender Aus- und Weiterbildung praktiziert – zum Beispiel von der Bernerin Beatrice Barmettler. Sie sagt: «Shōnishin ist eine Form der Kinderakupunktur, wie sie in Japan seit Jahrhunderten praktiziert wird.» Dort habe sie eine lange Tradition. Shōnishin werde dort als Immunisierung, Selbststärkung und Gesundheitsprophylaxe gleich nach der Geburt angewendet oder als Geschenk frischgebackenen Eltern überreicht, erklärt Beatrice Barmettler. «Dahinter steht der Gedanke, dass das Kind erst auf der Welt ankommen und seinen Platz ausserhalb des Mutterleibs finden muss. Shōnishin ist ein Mittel dazu.»

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