Kindergarten

So klappt es auch nachts ohne Windeln

Manche Kindergartenkinder sind nachts noch nicht trocken. Müssen sich Eltern deswegen sorgen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Text: Nele Langosch
Bild: Pexels

Dieser Text erschien erstmals in der Zeitschrift «Gehirn und Geist».
Leon weint. Wieder ist die Matratze nass. Seine Mama schimpft: «Jetzt bist du schon fünf Jahre alt und machst immer noch ins Bett!» Ein Donnerwetter folgt auf das nächste, Nacht für Nacht. Doch das Kind wird einfach nicht trocken.

Wie Leon nässen etwa 15 Prozent aller fünfjährigen Kinder nachts noch regelmässig ein. Bei den Siebenjährigen sind es zehn Prozent, Jungen sind doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Das Bettnässen gilt als das zweithäufigste Kinderleiden nach Allergien. Und die Dunkelziffer ist noch höher: Denn viele Eltern und Kinder scheuen aus Scham den Gang zum Arzt.

Nur der Experte jedoch kann feststellen, ob das Bettnässen behandlungsbedürftig ist. Er stellt die Diagnose «Enuresis», wie das Bettnässen medizinisch genannt wird, wenn Fünf- oder Sechsjährige in mindestens zwei Nächten im Monat einnässen, Siebenjährige oder ältere Kinder in einer Nacht pro Monat. Doch was steckt hinter der unkontrollierbaren Blase, und wie kann man seinem Kind helfen?

Warum genau nachts?

«Bettnässen kann viele Ursachen haben», sagt Urologin Daniela Schultz-Lampel, Leiterin des Kontinenzzentrums am Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen.

Entscheidend ist zunächst die Entwicklung der Blasenkontrolle. Alle Babys kommen mit einer sogenannten überaktiven Blase zur Welt, die sich automatisch leert, sobald sie gefüllt ist. Mit der Zeit lernt das Kind aber, die Blasenentleerung selbst zu steuern. «Ab dem Alter von ein bis zwei Jahren reifen dafür hemmende, kontrollierende Nervenbahnen heran, die die Blase beruhigen», so Schultz-Lampel. Mit fünf Jahren sind solche Reifungsprozesse meist abgeschlossen. Dann werden die Kinder sogar im Schlaf von ihrer vollen Blase geweckt.
Betroffene Kinder können die reflexartige Blasenentleerung  noch nicht richtig steuern. 
Bei einigen Kindern entwickeln sich die Nervenbahnen für diesen Weckreiz jedoch erst relativ spät und sie können die reflexartige Blasenentleerung auch im Alter von fünf Jahren noch nicht richtig steuern. Entwicklungsverzögerungen können auch dazu führen, dass die Kapazität der Blase noch zu klein ist, um den Urin nachts zu halten.

«Bei diesen Kindern fällt auf, dass sie auch tagsüber häufig auf die Toilette müssen, dann aber immer nur kleine Mengen Urin verlieren, oder sich beim konzentrierten Spielen in die Hose machen», sagt die Urologin. Weitere sogenannte Tagsymptome können ein starker Harndrang, aber auch Brennen beim Wasserlassen oder ein Hinauszögern des Toilettengangs sein. «Um das Wasserlassen zu verhindern, setzen sich Mädchen zum Beispiel in die Hocke oder überkreuzen die Beine», erklärt Schultz-Lampel.
Möglich ist auch, dass das Kind das Hormon Vasopressin nachts nicht ausreichend produziert. Vasopressin (auch antidiuretisches Hormon, kurz: ADH, genannt) schüttet jeder Mensch nachts in grösserer Menge aus der Hypophyse aus als tagsüber. «Vasopressin hemmt die Urinproduktion, damit wir ruhig schlafen können», erklärt Daniela Schultz-Lampel. Bei einigen Kindern ist dieser Mechanismus noch nicht ausgereift.

In seltenen Fällen stecken hinter dem Einnässen zudem medizinische Gründe wie eine anatomische Fehlbildung der Harnröhre oder chronische Harnwegsinfekte. Wenn diese Erkrankungen behandelt werden, verschwindet auch das Einnässen.
Anzeige

Was ist mit psychischen Problemen?

Früher wurden psychische Ursachen des Bettnässens von Ärzten und Familien drastisch überbewertet. «Und noch heute versuchen viele Eltern, psychische Probleme als Auslöser für die Enuresis zu finden», sagt Schultz-Lampel. «Doch inzwischen wissen wir: Wenn ein Kind noch nie in seinem Leben trocken war, stecken fast nie psychische Ursachen dahinter.»

Wenn ein Kind allerdings mehr als sechs Monate in seinem Leben nachts bereits nicht mehr ins Bett gemacht hat und das Einnässen dann neu beginnt, kann durchaus psychischer Stress der Auslöser sein. Typischerweise tritt das Bettnässen dann nach belastenden Lebensereignissen wie Trennung der Eltern, Streit, Umzug, Schuleintritt, Mobbing oder Geburt eines Geschwisterchens neu auf.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.