So kommt Ihr Kindergartenkind zu genügend Schlaf - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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So kommt Ihr Kindergartenkind zu genügend Schlaf

Lesedauer: 5 Minuten

Der Kindergarteneintritt bedeutet viele Eindrücke. Diese zu verarbeiten, macht sogar die muntersten Kinder müde. Wir haben fünf Tipps, wie Ihr Kind zu einem erholsamen Schlaf kommt.

Text: Virginia Nolan
Bilder: Carla Kogelman
Dieser Artikel wurde im August 2023 aktualisiert.

Seit sie den Kindergarten besucht, geht Solaine am Abend freiwillig ins Bett. «Sie scheint richtig dankbar zu sein, dass sie endlich schlafen darf», sagt ihre Mutter Natalie. Ihre Sechsjährige freue sich jeden Morgen auf den Kindergarten, sei aber entsprechend erschöpft, wenn sie nach Hause komme. Am Nachmittag möge sie oft nichts unternehmen, sei zu müde für Ausflüge: «Dann will sie einfach zu Hause sein und spielen.»

Ähnliches berichtet die Mutter von David, der im ersten Kindergartenjahr ist. Ihr Sohn trete morgens fröhlich den Schulweg an, sei in der zweiten Tageshälfte aber oft unausgeglichen. «Früher hatten wir am Nachmittag meist Pläne», sagt Davids Mutter, «jetzt entscheiden wir spontan, ob wir etwas unternehmen mögen.»

Lernen im Schlaf?

Mit dem Eintritt in den Kindergarten kommt viel Neues auf ein Kind zu: die Lehrperson, zu der es eine Beziehung aufbauen muss, soziale Erfahrungen in der Gruppe, ein veränderter Rhythmus, die neue Umgebung. All diese Eindrücke wollen verarbeitet werden – das macht müde. Darum ist erholsamer Schlaf besonders wichtig. Schlaf ist nämlich langfristig die Voraussetzung dafür, dass wir tagsüber mit unserer Umwelt in Verbindung treten können.

«Durch Informationen, die wir aufnehmen, gehen die Synapsen, das sind Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen in unserem Gehirn, Verbindungen miteinander ein. Dadurch werden sie grösser und schwerer», sagt Reto Huber, Schlafforscher am Kinderspital Zürich sowie an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich. «So funktioniert Lernen.» Liefe dieser Prozess ununterbrochen, wären Energie- und Platzreserven, aber auch unser Gehirn selbst bald erschöpft. Das wird durch Schlaf verhindert – indem er Reize minimiert, welche die Synapsen veranlassen, neue Verbindungen einzugehen. Auch werden laut Huber im Tiefschlaf gewisse Hirnareale gleichgeschaltet, was dazu führt, dass die Synapsen sich wieder verkleinern.

Schlaf setzt die Festplatte im Hirn neu auf.

Schlaf setzt, vereinfacht gesagt, die «Fest­platte» des Gehirns neu auf, löscht Unwichtiges und sorgt dafür, dass sie am nächsten Tag wieder be­schrieben werden kann. Zugleich trägt er zur Verfestigung von Ge­lerntem bei. Tiefschlaf sei gekenn­zeichnet durch langsame Wellen, sogenannte Slow­Wave­Ströme, sagt Huber. Und: «Slow Waves sind jeweils in der Hirnregion besonders aktiv, wo gerade ein Reifungspro­zess stattfindet.»

Schlafforscher am Kinderspital lies­sen Kinder, Jugendliche und Erwach­sene verschiedene visuomotorische Tätigkeiten ausführen. Das sind Aufgaben, welche die Hand­-Au­ge­-Koordination beanspruchen, wie etwa Schreiben oder Zeichnen. Nach den Experimenten analysierten die Forscher den Schlaf der Probanden – und stellten fest, dass der Tiefschlaf im parietalen Kortex, der für die visuell-­motorische Kontrolle von Bewegung zuständig ist, erhöht war, und zwar bei allen Teilnehmenden.

Wie vorgehen bei Schlafproblemen?

Jedes dritte Kind zeigt im Verlauf seiner Entwicklung eine Störung des Schlafes. Die biologische Reifung des Gehirns und die soziale Entwicklung führen zu altersspezifischen Schlafproblemen, die unterschiedliche Therapieansätze erfordern. Im Säuglings- und Vorschulalter treten oft Einschlaf- oder Durchschlafstörungen auf, während Adoleszente ihren Tag-Nacht-Rhythmus umkehren. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Fehleinschätzungen des Schlafverhaltens oder um ungünstige Schlaf­gewohnheiten. Diese Verhaltensstörungen können meist durch eine kinderärztliche Beratung behandelt werden. Je komplexer die Problematik, desto wichtiger ist ein schrittweises Vorgehen über Rhythmisierung von Tagesstrukturen, Anpassen der individuellen Bettzeiten an den persönlichen Schlafbedarf bis zum Erlernen des selbständigen Einschlafens. Davon abzugrenzen sind organische Störungen des Schlafes wie etwa eine ­nächtliche Atemstörung oder Anfallsereignisse.

Eltern, deren Kinder in irgendeiner Form Schwierigkeiten mit dem Schlafen haben, sollten sich zunächst an ihre Kinderärztin oder ihren Kinderarzt wenden. Reicht dies nicht aus, können sich die Eltern auch an Fachstellen wenden, beispielsweise an das Interdisziplinäre Zentrum für Schlafmedizin des Kinderspitals Zürich.

Kinderspital Zürich:

Schlafsprechstunde: 044 266 77 75

Weitere Informationen unter: www.kispi.uzh.ch

«Bei den Kindern», sagt Huber, «war er im Vergleich zu den Erwachsenen aber noch viel ausgeprägter.» Das hänge mit der hohen Plastizität des kindlichen Gehirns zusammen – der Fähigkeit von Synapsen, Nervenzel­len und ganzen Hirnarealen, sich in ihrer Ausprägung und Funktion zu verändern. Diese Eigenschaft, der Kinder ihre ausserordentliche Lern­fähigkeit verdanken, bedingt wohl auch ihren erhöhten Schlafbedarf gegenüber Erwachsenen.

Daraus eine allgemeingültige Formel abzuleiten, ist nicht möglich, denn der Schlafbedarf variiert von Kind zu Kind, wie Studien des Kin­derspitals zeigen. Demnach brau­chen Fünfjährige durchschnittlich 11,5 Stunden Schlaf, um leistungs­fähig zu sein – einige kommen auch mit 9,5 Stunden aus, andere benöti­gen dafür 13 Stunden. «Dieser Unterschiede sind sich Eltern zu  wenig bewusst», sagt Schlafforscher Huber. So betrachteten viele Eltern den kindlichen Schlafbedarf als fixe Grösse – und beharrten folglich auf einer bestimmten Schlafdauer. Das sei nicht hilfreich, sondern könne Schlafstörungen sogar begünstigen: «Es geht vielmehr darum, ein Gefühl zu entwickeln für die individuellen Schlafbedürfnisse des Kindes und dafür passende Rahmenbedingungen zu schaffen.»

Die innere Uhr

Die sogenannte innere Uhr, die im Zwischenhirn lokalisiert ist, steuert unsere Wach- und Schlafphasen. Sie wird täglich mit regelmässig wiederkehrenden Umgebungsfaktoren synchronisiert. «Der wichtigste ist das Tageslicht», sagt Huber. Wer kennt nicht das abendliche Klagelied der Kinder, dass es draussen «noch Tag» sei?

So fruchteten die Bemühungen von Davids Eltern, den Kindergärtler um sieben Uhr abends ins Bett zu verabschieden, zwar im Winter – aber als die Tage länger wurden, war daran nicht zu denken. «Er war um sieben im Bett und um neun noch hellwach», sagt seine Mutter.  Das Warten auf den Schlaf habe den Bub unruhig werden lassen. So geht David im Sommer eben eine Stunde später ins Bett. Trotzdem hält seine Mutter an der Regel fest, dass um sechs Uhr gegessen und um sieben Uhr mit Zähneputzen begonnen wird, damit das Zubettgehen stressfrei abläuft.

Je konstanter die Schlaf-Wach-Zeiten eingehalten werden, desto besser.

Schlafforscher Reto Huber

Fixe Tagesstrukturen seien für einen guten Schlaf wichtig, sagt Reto Huber: «Sie sind ein weiterer Zeitgeber, auf den unsere innere Uhr sich einstellt.» Je konstanter die Schlaf-Wach-Zeiten eingehalten würden, desto besser. Das gelte idealerweise auch für das Wochenende.

Den Ansatz der zu Beginn des Textes vorgestellten Mütter, ihre Kinder nicht mit Aktivitäten zu überfrachten, findet der Schlafforscher sinnvoll. «Für das kindliche Gehirn bedeuten Aktivitäten nichts anderes als Lernen», sagt er, «und Lernen steigert die Erregbarkeit.» Wer nun fürchtet, das süsse Nichtstun verwehre seinem Kind Lernerfahrungen, tröste sich mit der Tatsache, dass unser Gehirn keinem Krug gleicht, der behält, was man hineingiesst – eher einem Sieb, an dem nichts mehr hängen bleibt, wenn es im Turbomodus hindurchschiesst.

Fünf Schlaftipps für das Kindergartenkind:

  1. Feste Tagesstrukturen wie gemeinsame Mahl­zeiten, ein Einschlafritual und insbesondere geregelte Bettzeiten helfen dem Kind, leichter in den Schlaf zu finden. Halten Sie die Schlaf­-Wach-­Zeiten des Kindes so oft wie möglich ein.
  2. Eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, ist wichtig vor dem Zubettgehen. Vermei­den Sie abends Raufspiele sowie andere Aktivitäten, die den Puls hochjagen und für Aufregung sorgen.
  3. Das Bett soll Erholungs­zone sein. Es ist kein Ort zum Gamen, Spielen oder Hausaufgabenmachen.
  4. Ein normales Schlafverhalten gibt es nicht. Jedes Kind ist anders. Versuchen Sie, ein Gefühl für sein individuelles Schlaf­bedürfnis zu entwickeln: Schläft Ihr Kind schnell ein und ist am Morgen kaum aus dem Bett zu kriegen? Dann sind vermutlich frühere Schlafenszeiten nötig. Umgekehrt bringt es nichts, Ihr Kind aus Prinzip früh ins Bett zu schicken, wenn der Schlaf dadurch lange auf sich warten lässt.
  5. Keine Strafe! Setzen Sie verfrühte Bettzeiten nicht als Strafe ein. Kinder sollten Schlaf mit etwas Gutem verbinden.

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer Tochter im Primarschulalter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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