Kindergarten

«Herr Daum, warum ist Bindung so wichtig?»

Der Zürcher Entwicklungspsychologe Moritz Daum erklärt, warum eine gute Beziehung zu den Eltern so wichtig ist für die kindliche Entwicklung. Und er klärt auf über Selbstregulation, Frühförderung und warum Eltern ihr Kindergartenkind nicht unterschätzen sollten.
Interview: Claudia Landolt
Bilder: Maike und Florian Frisch

Herr Daum, was beschäftigt ein sechsjähriges Kind aus entwicklungspsychologischer Sicht?

Sein Denken ist nicht mehr auf ein­ fache persönliche Vorlieben ausge­richtet, sondern komplexer gewor­den. Seine Welt hat sich geöffnet. Das Kind weiss nun, dass es verschiede­ne Perspektiven und Realitäten gibt und kann sich in andere Menschen hineinversetzen. Es verfügt über die sogenannte «Theory of mind», eine anspruchsvolle kognitive Leistung.

Was ist daran so besonders?

Sie bedeutet die Fähigkeit, Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen bei anderen zu vermuten und zu verste­hen. Zu wissen, dass es zusätzlich zum eigenen Repräsentations­konzept andere Wirklichkeiten gibt. 
Zur Person:   Moritz Daum, 45, ist Professor für Entwicklungs­psychologie an der Universität Zürich und Mitwirkender der «Vox TV»­Serie «Die wunderbare Welt der Kinder». Er lebt mit seiner Familie im Kanton Zürich.
Zur Person: 
Moritz Daum, 45, ist Professor für Entwicklungs­psychologie an der Universität Zürich und Mitwirkender der «Vox TV»­Serie «Die wunderbare Welt der Kinder». Er lebt mit seiner Familie im Kanton Zürich.

Wann verfügt ein Kind über diese Fähigkeit?

Auf einer expliziten Ebene im Alter von vier bis fünf Jahren. Vorläufer gibt es schon früher, mit eineinhalb oder zwei Jahren.

Wie wichtig ist diese Fähigkeit für die spätere Entwicklung?

Studien zeigen, dass Kinder, die sich gut in andere hineinversetzen kön­nen, in der Sprachentwicklung und in Bezug auf andere innere Zustände wie Emotionen, Gefühle und Absich­ten etwas schneller unterwegs sind. 
Anzeige

Welche Faktoren beeinflussen diese Entwicklung?

Das ist eine ganze Reihe von ver­schiedenen Aspekten. Zum Beispiel, dass Kinder sich immer wieder auch in andere Personen hineinversetzen müssen. Eine weitere wichtige Grundlage ist die Beziehungserfah­rung, die Beziehung zu den Eltern oder zur Bezugsperson.

Inwiefern?

Kleine Kinder haben noch keine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstregulation, sondern brauchen sogenannte Co-­Regulatoren, zum Bei­spiel die Eltern. Wenn ich als einjähriges Kind Angst habe oder mir etwas wehtut, ist es wichtig, dass jemand da ist, der auf meine Bedürfnisse und Ängste konsistent, adäquat und prompt reagiert. Ist das dauer­haft der Fall, führt das zu einem Gefühl der Sicherheit. Mit steigen­ dem Alter werden die Lösungs­strategien dann mehr und mehr verinnerlicht, sodass ich mir zuneh­mend selbst helfen kann.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.