Gutes Benehmen lernen ohne Druck - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Gutes Benehmen lernen ohne Druck

Lesedauer: 6 Minuten

Für ein angenehmes Miteinander braucht es gute Manieren. Doch wie bringt man seinen ­Kindern Anstandsregeln bei? Und welche sollen das heute überhaupt noch sein?

Im Bus sind alle Sitze belegt. Da steigt eine ältere Dame hinzu. Mit breitem Lächeln springt ein Mädchen auf und bietet ihren Sitz an. Die ältere Dame lächelt hocherfreut zurück. Auch die anderen Gäste sind von den Manieren des Mädchens sichtlich begeistert. Gutes Benehmen ist gern gesehen. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach hätten es die meisten Befragten den Fahrgästen übelgenommen, wenn niemand aufgestanden wäre. Rücksicht auf die eigenen Mitmenschen zu nehmen, ist nach wie vor eine Tugend in unserer Gesellschaft.

Rücksichtsvoll zu sein bedeutet beispielweise nicht zu drängeln, nicht übertrieben laut aufzutreten, sein Gegenüber aussprechen zu lassen und zu einer Verabredung pünktlich zu erscheinen. Die grosse Mehrheit der Befragten legt gemäss der Umfrage Wert auf diese Verhaltensregeln. Und die anderen Befragten kommen nicht um sie herum. Denn, so die Kommunikationsexpertin Nandine Meyden: «Gute Umgangsformen sind grundlegende Spielregeln für das Miteinander in unserer Gesellschaft.» Eltern, die beim Stichwort «Manieren» an Strenge, Kindertränen und blanke Elternnerven denken, können aufatmen: Das Gespür für ein gutes soziales Miteinander bekommen wir quasi in die Wiege gelegt. «Bereits 19 Monate alte 

Kleinkinder zeigen soziale Emotionen wie Empathie und Rücksicht, Zweijährige ein Bewusstsein dafür, ob ein Verhalten richtig oder falsch ist», wie Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich, sagt. Und Dreijährige können ihren sozialen Gerechtigkeitssinn verbal ausdrücken: Sie kritisieren beispielsweise eine Puppe in einem Spiel, wenn diese eine Regel bricht.

Kleinkinder besitzen ein beachtliches Bewusstsein für andere Menschen. Für Eltern ist das eine wunderbare Grundlage, das soziale Gespür ihrer Kinder Tag für Tag zu fördern. Das führt langfristig zu guten Umgangsformen und anderem wünschenswertem Verhalten wie Zivilcourage. Das fängt schon im Kleinen an. Zum Beispiel indem der Vater das Kind im Bus darauf aufmerksam macht, wenn es zu laut ist. Dabei erklärt er, dass die anderen Fahrgäste womöglich müde sind oder schlicht ihre Ruhe wünschen. So laden Eltern ihr Kind dazu ein, seinen Mitmenschen Aufmerksamkeit und Empathie zu schenken.

Das soziale Gespür täglich fördern

Dabei sollte man möglichst konsequent sein: Lässt man das Kind im Bus einmal laut sein, dann wieder nicht, lernt es nicht. Bleiben die Eltern jedes Mal konsequent und entschlossen, festigt sich das frühkindliche Gespür für rücksichtsvolles Miteinander und kann mit der Zeit zu einer inneren Haltung werden – genau das ist das Ziel.
 
Einem sozial aufmerksamen und respektvollen Kind fallen Umgangsformen grundsätzlich leichter. Es drängelt sich nicht blind durch eine Menschenmenge, um als Erstes dranzukommen. Und es spürt, wann «Bitte» und «Danke» angemessen sind, die zwei elementarsten Formen eines respektvollen Miteinanders. 

Weshalb Eltern Vorbilder sind

Das wirkungsvollste Mittel, mit dem Eltern das soziale Bewusstsein und die Manieren ihres Nachwuchses fördern können, ist ihre Vorbildfunktion. Sie sollten ihren Kindern beispielsweise vorleben, einer Person die Tür aufzuhalten, wenn diese schwere Taschen trägt. Auch von Gesprächen der Eltern mit Fremden kann der Nachwuchs lernen, etwa den anderen nicht zu unterbrechen.
Das elterliche Vorbild beschränkt sich aber nicht auf den Umgang mit Personen ausserhalb der Familie – Mama und Papa müssen genauso rücksichts- und respektvoll mit ihrem Kind umgehen.

Auch der Dialog spielt eine entscheidende Rolle: «Eltern sollten das gewünschte Verhalten erklärend und instruierend kommunizieren», sagt Moritz Daum. «Zum einen gilt es dem Nachwuchs zu wiederholen, dass andere Menschen Gefühle und Bedürfnisse haben, die unseren nicht nachstehen», erklärt Nandine Meyden. Zum anderen sollten Eltern ihren Kindern deutlich machen: So wie ich mit anderen umgehe, so kommt es auch zu mir zurück. «Ich habe Einfluss darauf, ob mir Respekt und Wertschätzung gezeigt werden», erklärt Nandine Meyden, und: «Es ist lehrreich, die Kinder dahin zu bringen, dass sie spüren, wie das ist, wenn jemand sich beispielsweise nicht bedankt.»

Wenn das Kind einem Klassenkameraden ein Geburtstagsgeschenk macht, können Eltern nachfragen: «Wie hättest du dich gefühlt, wenn dein Freund oder deine Freundin sich nicht bei dir bedankt hätte?»
 
Auch ein tägliches Gespräch stärkt das Bewusstsein des Kindes für seine Mitmenschen. Es muss nicht lange sein, bereits ein paar Minuten reichen. Bei diesem Austausch sollten Mama und Papa charakterbildende Fragen stellen wie: «Wie hast du heute jemandem geholfen?» Oder: «Was meinst du, wie Marc sich dabei gefühlt hat?»

Eltern können von ihrem Tag berichten und ihre Vorbildfunktion in erzählerischer Form umsetzen. Etwa: «Heute Morgen habe ich einem Herrn die Tür des Trams offengehalten, sonst hätte er es verpasst und für sein Zuspätkommen wahrscheinlich Ärger bekommen.»

Druck und Zwang sind schlechte Lehrer

«Benimm dich!» oder «Wie sagt man?». Meistens meinen Eltern es nur gut: Sie möchten zeigen, dass ihr Nachwuchs ein braves, gut erzogenes und im Grunde bezauberndes Kind ist. «Aber mit solchen Bemerkungen üben Eltern starken Druck auf den Heranwachsenden aus», sagt Annamaria Fisler, Pädagogin und Erziehungsberaterin aus Freiburg.

Druck und Zwang sind schlechte Lehrer. Im schlimmsten Fall führen sie zu Ungehorsam, Angst und Unsicherheit des Kindes. «Wenn Regeln zu restriktiv sind und das Kind in seiner natürlichen Neugier, seinem natürlichen Bewegungsdrang einschränken, ohne dass dies notwendig wäre, kann das negativ für seine Entwicklung sein», erklärt Moritz Daum.

Bereits Kleinkinder im Alter von 19 Monaten zeigen soziale Emotionen.

Eltern haben viele Möglichkeiten, um selbst einem scheinbar floskelhaften «Danke» den Zwang zu nehmen, beispielsweise mithilfe kleiner Alltagsrituale. Annamaria Fisler berichtet aus eigener Erfahrung: «Als unser Sohn klein war, haben wir uns vor dem Essen die Hände gereicht, zusammen das ‹En-Guete-Lied› gesungen und uns immer bei der Person bedankt, die gekocht hat.» Ihr Sohn, heute 27 Jahre alt, bedankt sich noch immer, wenn er zum Essen kommt. «Er hat als Kleinkind dank des kleinen Rituals auf spielerische Art gelernt, ‹Danke› zu sagen», so die Pädagogin. Das Tolle an solchen Familienritualen? Kinder erleben das «Danke» nicht als lästige, einstudierte Pflicht – sondern als einen wertvollen, vielleicht sogar glücklichen Moment mit der Familie.

Die «jungen Wilden» sind kein Zeichen von elterlichem Versagen

Auch bei Jugendlichen ist die Geduld der Eltern gefragt. Besonders wenn Teenager beleidigend und laut werden. Schnell legen Mütter und Väter das Verhalten der «jungen Wilden» als elterliches Versagen aus, als das vermeintliche Scheitern ihrer Erziehung. Diese Gedanken seien unnötig, sagt Caroline Märki, Familienberaterin und Leiterin des Familylab Schweiz. «Eltern tun sich selbst und den Heranwachsenden den grössten Gefallen, wenn sie gelassen bleiben», so die Pädagogin.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Als Familienberaterin stellt Caroline Märki fest, dass Eltern mit den Widerworten von Jugendlichen nicht umgehen können – und ihnen gegenüber vorwurfsvoll werden. Dabei übersehen die Erwachsenen etwas Wichtiges: «Jugendliche werden im Grunde dann aufmüpfig, wenn sie sich nicht respektiert fühlen», so die Expertin.

Aufgeben und einfach machen lassen ist keine Option 

Dass der Nachwuchs dann unschön reagiert, sei kaum verwunderlich. Dabei haben Eltern guten Grund, gelassen zu bleiben: «Sie haben dem Teenager über Jahre hinweg den guten Benimm vorgelebt und mitgegeben – und das wird sich in Zukunft zeigen», betont Caroline Märki. Allerdings sollten Mütter und Väter nicht jede Form der jugendlichen Aufmüpfigkeit akzeptieren. Besonders wenn ein Teenager nicht nur ab und zu respektlos und ausfallend reagiert, sondern das schlechte Verhalten konstant ist. «In diesem Fall sollten Eltern gemeinsam mit dem Kind zur Familienberatung gehen», rät Caroline Märki.

Eltern können einem «Danke» den Zwang nehmen, indem sie es in Alltagsrituale einbauen.

Geduld, Geduld, Geduld. Das gilt sowohl für die Eltern von Jugendlichen als auch von Kindern. Aufgeben und die Heranwachsenden einfach machen lassen ist keine Option.
 
Und wenn Eltern ab und zu die Geduld schwerfällt, können sie sich vergegenwärtigen, dass es im ­Grunde um viel mehr als die Karriere ihres Nachwuchses geht. Indem Mütter und Väter das Bewusstsein ihrer Kinder für ihre Mitmenschen fördern und festigen, verhelfen sie ihnen nicht nur zu respektvollen Interaktionen mit anderen – sondern ermöglichen ihren Kindern überhaupt erst, tiefe und bedeutungsvolle Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.

4 Tipps: Gute Manieren – spielerisch gelernt

  1. Viele Illustrationen und Bilder in Kinder­büchern eignen sich als Fehlersuchbilder zum Thema Werte. Wenn Sie gemeinsam solche Bilder ansehen, können Sie fragen: «Ich sehe drei Menschen, die sich sehr ­rücksichtslos verhalten. Kannst du sie auch finden?»
  2. Suchen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind nach Begrüssungsritualen aus anderen Zeiten und anderen Kulturen. Fernsehen oder der aktuelle Stoff des Geschichts- oder Geografieunterrichts eignen sich wunderbar dazu. Wenn Ihre Kinder Freude an Rollenspielen haben, können Sie beispielsweise einen Tag so grüssen wie im Mittelalter oder im Orient.
  3. Kinder, die eine Puppenküche haben, können die Eltern «einladen». Dann müssen die Eltern anklopfen oder «klingeln», sie werden begrüsst und vorgestellt.
  4. Veranstalten Sie ein «Kinderregel-Essen». Bei dieser Mahlzeit dürfen die Kinder bestimmen, welche Regeln gelten sollen. Wichtig ist, dass die Regeln vorher besprochen werden und allen bekannt sind. Das lässt auch kleinere Kinder erkennen, wie Regeln das Zusammenleben steuern und beeinflussen.

(Quelle: Nandine Meyden: Jedes Kind kann sich benehmen. So lernen Ihre Kleinen gute Umgangsformen, Humboldt Verlag)


Anna Gielas schliesst zurzeit ihr Doktorat an der University of St Andrews in Schottland ab und schreibt für ­deutsch- und englisch­sprachige Printmedien. Sie lebt mit ihrer Familie in Edinburgh.
Anna Gielas schliesst zurzeit ihr Doktorat an der University of St Andrews in Schottland ab und schreibt für ­deutsch- und englisch­sprachige Printmedien. Sie lebt mit ihrer Familie in Edinburgh.


Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Tschüss Chindsgi» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse. Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Tschüss Chindsgi» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse. Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!

Lesen Sie mehr zum Thema Benehmen:

  • «Du gehst jetzt raus, bis du dich wieder beruhigt hast»
    Oft sind Kinder so gefangen in ihrer Wut, dass sie andere mit ihren Ausrastern ängstigen. Viele Eltern und Lehrpersonen verordnen dem tobenden Kind dann eine «Auszeit». Dabei wäre es förderlicher, sich in das Kind hineinzufühlen und ihm zu helfen, seine Wut in Worte zu fassen.
  • Pubertät: … denn sie wissen nicht, was sie tun
    Die Pubertät ist wie ein Sturm, der über Familien hinwegfegt. Eine Tortur für Eltern und Kinder. Im Unterschied zu Mama und Papa können die Jugendlichen jedoch meist nicht anders.