Margarete Killer-Rietschel: «Fast alles, was Eltern versäumt haben, lässt sich wieder ausbügeln»
Elternbildung

«Fast alles, was Eltern versäumt haben, lässt sich wieder ausbügeln»

Die Psychologin Margarete Killer-Rietschel erklärt, wie Selbstbewusstsein entsteht, welche Rolle die Erziehung dabei spielt – und was Eltern tun können, wenn ihr Kind sich wegen schlechter Noten infrage stellt.
Interview: Claudia Landolt
Bild: Alain Laboile

Frau Killer-Rietschel, das ­Selbstbewusstsein eines Kindes ­entsteht in den ersten sechs ­Lebensjahren. Ist alles, was später kommt, vergebliche Mühe?

Keineswegs. Der Aufbau des Selbstvertrauens hat keinen Anfangspunkt und endet nicht an einem bestimmten Tag, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess. Man kann immer, auch im Erwachsenenalter noch, am Selbstvertrauen arbeiten, es au­fbauen oder positiv beeinflussen. Aber natürlich gilt: Je früher das Selbstbewusstsein nachhaltig gestärkt wird, desto besser ist das für die Persönlichkeitsentwicklung.

Das Kind möglichst früh zu stärken – das ­bedeutet auch Druck für Eltern.

Ich verstehe das. Aus psychologischer Sicht wirkt sich aber Druck und Stress, den Eltern diesbezüglich verspüren, auch wieder auf das Kind aus. Ich plädiere für mehr Toleranz und wünsche mir, dass wir die Fehlertoleranz, die wir unseren Kindern gegenüber haben, auch uns selbst angedeihen lassen.
Margarete Killer-Rietschel ist diplomierte Psychologin und therapiert Jugendliche und Erwachsene. Sie ist Mutter von drei Kindern zwischen 16 und 20 Jahren und lebt mit ihrer Familie bei Zürich.
Margarete Killer-Rietschel ist diplomierte Psychologin und therapiert Jugendliche und Erwachsene. Sie ist Mutter von drei Kindern zwischen 16 und 20 Jahren und lebt mit ihrer Familie bei Zürich.

Wie meinen Sie das?

Wir haben ja viel Verständnis, verzeihen unseren Kindern fast alles. Diese Grossherzigkeit haben wir uns selbst gegenüber nicht. Mit Selbstmitgefühl – das bedeutet, freundlich, achtsam und verständnisvoll mit sich selbst zu sein – geht vieles leichter. Aber wir gehen mit uns selbst häufig viel zu hart ins Gericht. Kürzlich erzählte mir eine Mutter, sie hätte ein total schlechtes Gewissen, weil sie beruflich sehr viel Stress habe und ihren Sohn oft vertrösten müsse, wenn er ihre Zeit beanspruchen wolle.

Was haben Sie ihr gesagt?

Erziehen ist ein Knochenjob. Als Mutter oder Vater ist man da auch mal gereizt, gestresst oder hat keine Zeit, weil das Büro drängt, der Haushalt wartet, etwas dringend erledigt werden muss. Das ist menschlich und sicherlich kein Fehler. Wichtig ist, den Kontakt zum Kind nicht abreissen zu lassen. Man darf auch ruhig erst am Abend erklären, weshalb man so gestresst oder abweisend war, wenn man es erst im Nachhinein bedauert. Das übergeordnete Ziel ist immer, das Kind innerlich liebevoll zu begleiten, es wertzuschätzen, es zu lieben und sich an seiner Existenz zu freuen und im Kontakt zu bleiben. Fast alles, was wir versäumt haben, lässt sich wieder ausbügeln.
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Kann man ein Kind mit zu viel Liebe und Wertschätzung verwöhnen?

Nein, niemals. Kinder brauchen Stabilität, Sicherheit und Ermutigung in allen Lebensphasen. «Ich schätze und liebe dich als Person, es ist so schön, dass du da bist» – so etwas sollte man jeden Tag zu seinem Kind sagen beziehungsweise es spüren lassen, ein Leben lang. Selbst wir Erwachsene hören das ja gern.

Fördert eine gleichberechtigte ­Erziehung das Selbstbewusstsein des Kindes?

In meinen Augen bedeutet Gleichberechtigung, dass man den gleichen Wissensstand hat. Den haben Eltern und Kinder naturgemäss nicht, denn Kinder haben nicht die Erfahrung, die Kompetenz, die wir Erwachsenen haben. Kinder sollen ein Mitspracherecht bekommen, aber irgendjemand in der Familie muss eine gesunde, liebevolle Autorität haben und Entscheidungen treffen.
<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/das-starke-kind"><strong>Online-Dossier </strong>«<strong>Das starke Kind</strong>»</a><a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/vater"><strong>. </strong></a>Mutig, kommunikativ, stark: So wünschen sich wohl alle Eltern ihr Kind. Doch was fördert und was behindert die Entwicklung dieses Selbstbewusstseins? <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/das-starke-kind">Lesen Sie hier mehr zu diesem Thema.</a></div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier «Das starke Kind». Mutig, kommunikativ, stark: So wünschen sich wohl alle Eltern ihr Kind. Doch was fördert und was behindert die Entwicklung dieses Selbstbewusstseins? Lesen Sie hier mehr zu diesem Thema.

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