Erwünschtes Verhalten zu belohnen, ist Machtmissbrauch
Elternbildung

Erwünschtes Verhalten zu
belohnen, ist Machtmissbrauch

Viele Eltern wollen ihre Kinder heute nicht mehr bestrafen. Doch ist Belohnung die bessere Erziehungsmethode? Familientherapeut Jesper Juul sagt: Nein!
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel über Belohnung als Teil der Kindererziehung verfasst. Meine Aussagen haben eine breite Debatte ausgelöst. Ich war sehr überrascht, wie viele Menschen glauben, dass es in Ordnung ist, Kinder zu belohnen, um als Erwachsener etwas von ihnen zu bekommen. Unter anderem stellte ich die Frage: Sollen Kinder belohnt werden, wenn sie höflich sind?

Belohnen ist seit einiger Zeit als Erziehungsmethode auf dem Vormarsch und wird heute sowohl in Kindergärten als auch Schulen praktiziert. Aber tun wir unseren Kindern damit wirklich etwas Gutes? 

Immer mehr wollen

Das Problem mit der Belohnungsmethode ist, dass sie tatsächlich oft funktioniert, ganz besonders bei ein- bis fünfjährigen Kindern. Jedoch meist nur für kurze Zeit. Dann stellen
sich die Kinder darauf ein: Sie fordern eine immer grössere Belohnung oder reagieren gar nicht mehr darauf.

Ein weiteres Problem ist, dass die Methode logischerweise nach Bestrafung verlangt, wenn die Belohnung nicht mehr funktioniert.Viele Eltern landen deshalb – trotz anfänglichem Widerwillen – letztlich bei der Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode.

In der Debatte nach meinem Artikel zeigten sich manche Eltern überzeugt, dass es unmöglich ist,  Kinder ohne Strafe – heute wird oft  das Wort «Konsequenz» benutzt – zu erziehen. Sie setzen auf Einschüchterung. Dies wird auch in der Schule oft so gemacht, wenn auch nicht in aktiver Art und Weise. Die Frage, ob Erziehen ohne Strafen möglich ist, wurde bereits vor langer Zeit beantwortet: Viele Eltern rund um den Globus lassen ihre Kinder ohne Strafen heranwachsen – und das mit grossem Erfolg. Also ist es möglich! Deshalb müssen wir die Frage vielleicht anders formulieren: Gibt es Eltern, die ihre Kinder ohne den Einsatz von Strafe und Belohnung erfolgreich grossziehen? Ja, die gibt es. 
Viele Eltern landen letztlich
bei der Zuckerbrot-und-
Peitsche-Methode.
Im Laufe der Zeit haben wir die Manipulation unserer Kinder immer sanfter gestaltet. Wir haben unsere Beziehung zu ihnen demokratisiert und gewähren ihnen grössere Autonomie und das Recht, ihre eigene Wahl im Leben zu treffen. Beides sind meiner Einschätzung nach gute Ideen.

Dossier: Erziehen ohne Strafe

<div>«Wenn du jetzt nicht, dann ...» Solche Sätze kennen viele Eltern. <strong>Strafen oder nicht strafen, das ist die Frage, die sich viele Eltern stellen. </strong>Die Antwort ist klar: Erziehen ohne strafen geht – auch wenn es nicht immer einfach ist. Eine Anleitung und viele Tipps lesen Sie in unserem Dossier <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/erziehen-ohne-strafe"><strong>«Erziehen ohne Strafe»</strong></a>.&nbsp;</div>
«Wenn du jetzt nicht, dann ...» Solche Sätze kennen viele Eltern. Strafen oder nicht strafen, das ist die Frage, die sich viele Eltern stellen. Die Antwort ist klar: Erziehen ohne strafen geht – auch wenn es nicht immer einfach ist. Eine Anleitung und viele Tipps lesen Sie in unserem Dossier «Erziehen ohne Strafe»

Die Erwartungen überdenken

Ein Grossteil der Eltern will heute vieles mit sanfteren Mitteln erreichen. Aber das ist schwierig. Das konfrontiert uns Erwachsene mit der Wahlmöglichkeit: Werden wir effizientere Erziehungsmethoden finden, oder überdenken wir unsere Erwartungen und Anforderungen?

Viele Eltern mögen es beispielsweise, wenn ihr Kind ruhig bei Tisch sitzt und isst. Als Kind hatte ich einen Freund, bei dem ich sehr gerne ass. In seiner Familie war es nett, sich bei Tisch zu unterhalten, das Essen selbst auszuwählen, und es herrschte nie Hektik am Tisch. In allen anderen Familien, meine eigene eingeschlossen, war die Stimmung angespannt, und es herrschte die Überzeugung, dass Kinder «gesehen, aber nicht gehört» werden sollten. Es ging darum, das Essen irgendwie zu überstehen, Bestrafungen zu vermeiden und so schnell wie möglich wieder an die frische Luft zu kommen. 
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Heute erleben viele Familien ein regelrechtes Chaos bei Tisch. Diesem Chaos liegt immer das Fehlen von Führung oder eine schlechte Führung zugrunde. Den Kindern in diesen Familien wird nun die Führungsmethode der Belohnung angeboten: «Wenn du ruhig sitzt und brav isst, bekommst du ...» Ist das eine angemessene Entschädigung für eine schlechte elterliche Führung oder ein wünschenswerter Ersatz für eine gute Beziehung?
Heute erleben viele Familien ein
regelrechtes Chaos bei Tisch.
Diesem Chaos liegt ein Fehlen
von Führung zugrunde.
Das eigentliche Problem ist sehr viel komplizierter: Es ist die Botschaft hinter der Belohnung, die dem Kind mitteilt: «Ich vertraue nicht darauf, dass du dich angemessen benimmst, wenn ich dich nicht belohne.» Das ist ein eindeutiger Misstrauensantrag an das Kind. Er ignoriert die nachgewiesene Fähigkeit des Kindes und seine Bereitschaft, sich «anzupassen» und zu kooperieren. Die überwiegende Mehrheit von Eltern, die ich kennengelernt habe, wünscht sich, dass ihre Kinder mit einem guten Selbstwertgefühl und viel Selbstvertrauen aufwachsen. Ganz anders als die Generation meiner Eltern.

Liebe als Tauschhandel

Strafe und Belohnung als Verhaltensmethoden haben eines gemeinsam: Sie setzen Endorphine im Gehirn der Kinder frei. Ein Hormon, das ein kurzfristiges Glücksgefühl verursacht, wie beim Sport oder beim Einkaufen. Aber das Hormon wird nicht im «Selbst» gespeichert. Es erzeugt keine existenzielle Substanz, sondern Abhängigkeit. Diese Art der Abhängigkeit verlangt eine permanente Rückbestätigung von aussen.

Jede Frau und jeder Mann, die bzw. der versuchen würde, den Partner, die Partnerin mit einem Belohnungssystem zu regulieren, würde sich zum Gespött machen. Stellen wir uns vor, eine Frau ist verärgert, weil ihr Mann am Sonntagmorgen arbeitet, anstatt Zeit mit ihr zu verbringen. Wenn man davon überzeugt wäre, dass eine Belohnung die angemessene Form für eine auf Liebe basierende Beziehung ist, könnte dieser Mann zu ihr sagen: «Wenn du still bist, bis ich fertig bin, können wir am Nachmittag zum Strand gehen.»

In diesem Fall wäre Liebe ein Tauschhandel. Der einzige Unterschied zwischen dieser Frau und einem Kind ist, dass ein Kind seine Eltern bedingungslos liebt und es deshalb viel einfacher ist, es zu manipulieren. Aber ist es das, was wir wollen?   

In Zusammenarbeit mit familylab.ch

Jesper Juul (1948 – 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer des Beratungsnetzwerks familylab und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») war zweimal verheiratet. Er hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder. 

Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. 

Jesper Juul: Exklusiv im Dezember 2017


3 Kommentare

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Von Tim am 28.01.2020 15:42

Klingt ja nach einer schönen Theorie. Dass Belohnungen, Bestrafungen und Regeln schlecht sind findet man im Internet recht viel. Leider immer nur mit schlechten Beispielen, wie auch hier. Wenn ein Kind am Tisch nicht „ruhig“ ist, kann man ja einfach damit leben.
Aber was sollen Eltern in Situationen tun, in denen man das Kind nicht einfach machen lassen kann? Zum Beispiel wenn man einen Termin hat und das Kind keine Schuhe anziehen will? Oder zum Fahrrad fahren keinen Helm aufsetzen will? Oder bei rot über die Straße laufen will? Oder den Schlüssel in die Steckdose stecken will?
Antworten auf die relevanten Fragen bleiben solche Artikel leider immer schuldig.
Und selbst wenn man es trotzdem irgendwie hinbekommen würde ein Kind vollkommen ohne Belohnungen, Bestrafungen und Regeln zu „erziehen“, hat man am Ende vermutlich einen nicht gesellschaftsfähigen Menschen. Die Realität sieht nunmal so aus, dass es im Alltag an allen Ecken und Enden Belohnungen, Bestrafungen und Regeln gibt. Wenn man nie gelernt hat damit umzugehen, hat man ein Problem.

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Von Frauke am 04.01.2019 13:54

Ja, das finde ich sehr schön und gut, aber was macht man wenn ein Kind einfach keine Hausaufgaben macht? Sich komplett verweigert? Trotz Gesprächen mit Eltern und Lehrern?

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 04.01.2019 20:02

Haben Sie schon einen Blick in unser grosses Hausaufgaben-Dossier geworfen? https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/hausaufgaben Besonders der folgende Artikel könnte vielleicht ein guter Einstieg sein: https://www.fritzundfraenzi.ch/gesellschaft/lernen/8-knackige-hausaufgaben-tipps-fur-eltern
Beste Grüsse aus der Redaktion und viel Erfolg.

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