Belohnen und Bestrafen: Wenn du jetzt lieb bist, dann ... - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Belohnen und Bestrafen: Wenn du jetzt lieb bist, dann …

Lesedauer: 11 Minuten

Ein Gummibärli fürs Aufräumen, Handyentzug bei schlechten Noten – Belohnungen und Strafen gehören in vielen Familien zum Alltag. Das sei Manipulation, sagen Psychologen. Aber kann man seine Kinder ohne diese Methoden erziehen?

Text: Julia Meyer-Hermann
Bilder: Ruben Hollinger / 13 Photo 

Kürzlich habe ich meinen Sohn belohnt. Der Siebenjährige durfte an einem Sonntagmorgen allein zur Bäckerei gehen und für uns Brötchen holen. Auf dem Weg dorthin muss man eine Strasse überqueren, die keine Fussgängerampel hat. Die Autofahrer halten sich dort selten an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich fand das lange Zeit ziemlich heikel. Mein Sohn findet das schon ziemlich lange «ganz schön Baby».  Er wollte unbedingt allein dorthin gehen. An diesem Sonntagmorgen gab ich seinem Wunsch den Vorrang, zugegebenermassen mit Herzklopfen. Als er nach Hause kam, war er sichtbar stolz und sehr vergnügt. Ich drückte ihm vom Wechselgeld ein paar kleine Münzen in die Hand und sagte: «Für dein Sparschwein.»

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Warum erzähle ich diese ziemlich alltägliche Geschichte? Weil sie wunderbar illustriert, welchen unbeabsichtigten Effekt so eine Belohnung haben kann. Ich hatte in dem Moment nicht gross darüber nachgedacht, ob die kleine Geste pädagogisch sinnvoll ist. Aber als ich den Siebenjährigen am nächsten Sonntag fragte, ob er wieder zur Bäckerei gehen wollte, fragte er: «Bekomme ich dann Geld?» Als ich überrascht verneinte, hatte er kein Interesse mehr. Am nächsten Wochenende war es das Gleiche. Und schon war es vorbei mit seinem Stolz über mehr Selbständigkeit und dem lang gehegten Wunsch, allein einkaufen zu gehen!

Belohnungen setzen im Gehirn Glückshormone frei

«Ihre Belohnung hat zu einer Mo­tivationsüberlagerung geführt», erklärt mir Albert Düggeli, Leitender Professor für Pädagogische Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Eigentlich war mein Sohn intrinsisch, also aus ureigenem Wunsch motiviert, diesen Weg zu gehen, autonom zu sein und sich zu beweisen. «Aber mit dem Restgeld-Deal überlagert sich hier etwas. Anstatt Anerkennung für ­seine Leistung als verantwortungsvoller Junge zu bekommen, gibt es eine materielle Zuwendung. Diese extrinsische Motivation, die Belohnung von aussen, ist stärker als die intrinsische Motivation.» Warum das so ist, lässt sich neurologisch erklären: Belohnungen setzen Endorphine im Gehirn der Kinder frei. Diese Hormone verursachen ein kurzfristiges Glücksgefühl, das abhängig macht und dann nach einer permanenten Rückbestätigung von aussen verlangt. «Das ist auch eine Beobachtung, die man in der schulischen Erziehung gemacht hat», ergänzt Albert Düggeli. «Viele Kinder sind zu Beginn ihrer Schulkarriere sehr motiviert und wollen unbedingt Rechnen und Schreiben lernen. Sie haben gemerkt, dass die Grossen das können, und sind von der Sache her motiviert. Dann lernen sie das System aus Belohnungssmileys, Stickern und Verhaltensbewertung kennen. Erst fragen sie sich überrascht, wofür sie überhaupt belohnt werden. Dann überlagert das Bedürfnis nach einer weiteren Belohnung oft das ursprüngliche Interesse an der Sache.» In der Wissenschaft bezeichnet man diese unbeabsichtigte Folge des Belohnens auch als Korrumpierungseffekt. Dabei wird der innere Antrieb, etwas zu tun, durch einen äusseren Antrieb ersetzt.

Belohnungen setzen im Gehirn des Kindes Glückshormone frei. Dieses kurzfristige Glücksgefühl macht abhängig.

Sind Belohnungen in der Erziehung also ein Fehler? Sind sie nicht sinnvoll, weil sie positives Verhalten verstärken? Mit dieser Annahme bin jedenfalls ich erzogen worden und mit mir wohl viele andere der heutigen Elterngeneration. 

Zuckerbrot und Peitsche

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat kurz vor seinem Tod konstatiert, dass die heutige Elterngeneration die Beziehung zu ihren Kindern stärker demokratisiert ­hätte. «Im Laufe der Zeit haben wir die Manipulation unserer Kinder immer sanfter gestaltet», schrieb er. Das bedeute aber nicht, dass Belohnungen und Bestrafungen als Methoden – er bezeichnete sie als «Zuckerbrot und Peitsche» – ausgedient hätten.

Im Alltag von vielen Familien spielen Strafen, auch körperliche, nach wie vor eine nicht unerhebliche ­Rolle. Das belegt unter anderem eine Studie des Instituts für Familienforschung der Universität Fribourg. «Strafen werden heute aber häufig als ‹Konsequenzen› oder ‹konsequente Reaktionen auf ein Fehl­verhalten› bezeichnet», sagt der ­Entwicklungspsychologe Albert Düggeli. Das klingt vielleicht besser, meint letztendlich aber nichts anderes.

Innige Momente beim Vorlesen: Bruna Casagrande mit ihrer 3-jährigen Tochter Claude. Lesen Sie ihre Erzählung «Bin ich mutig genug, mich gängigen Erwartungen zu widersetzen?»

Wie unschön diese Androhung von «konsequentem Verhalten» ausgehen kann, konnte ich im letzten Sommer im Freibad beobachten. Ein etwa achtjähriger Junge tunkte seine jüngere Schwester mehrfach unter Wasser. Die lachte erst, protestierte dann lautstark. Irgendwann sagte der Vater: «Hör auf, sonst ­zeige ich dir mal, wie das ist.» Dann sagte er: «Letzte Warnung.» Als sein Sohn die Schwester noch einmal untertauchte, sprang der Vater ins Becken und drückte den heftig zappelnden Jungen unter Wasser. Als er ihn wieder auftauchen liess, schluchzte sein Sohn laut. Seine Schwester schrie. Und der Vater sah auch aus, als ­wollte er am liebsten weinen. Es war ein Drama.

Die Geschichte wäre vielleicht anders verlaufen, wenn der Vater gesagt hätte: «Spiel mal lieb mit deiner Schwester, dann gibt es nachher eine Glace.»

Belohnungen sollen Anreize setzen und dem Kind zeigen, was für eine Art von Interaktion oder Benehmen gesellschaftlich angesehen ist. Sind Belohnungen in der Erziehung also nicht die bessere Alternative zu Bestrafungen? Zumal sie auch Teil unserer Berufswelt sind: Was ist eine Bonuszahlung anderes als eine Belohnung? Und eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Sotomo zeigte kürzlich, dass 31 rozent der Schweizer Eltern gute Noten, schulischen Fleiss und vorbildliches Betragen mit einem höheren Taschengeld belohnen.

In der Schule wird beim Kind mit Smileys und Bewertungen der innere Antrieb zu lernen durch das Bedürfnis nach weiterer Belohnung ersetzt.

Wer sich mit Entwicklungspsychologen oder Pädagogen über diese Methoden unterhält, stellt schnell fest, dass Erziehungsexperten nahezu einhellig sagen: Beides ist nicht wirklich sinnvoll.

Beide Strategien eint, dass sie Eltern – oder anderen erwachsenen Bezugspersonen – erlauben, etwas von Kindern zu verlangen und ihnen im Gegenzug etwas zu erlauben, schenken, verbieten oder zu entziehen. Dass das oftmals effizient ist, bezweifelt niemand. Es ist erstaunlich, wie schnell ein einzelnes Gummibärchen ein Kindergartenkind davon überzeugen kann, eine Jacke anzuziehen, wegen der es vorher eine halbe Stunde lang gezetert hatte. «Wenn du jetzt still bist, bekommst du nachher noch eine ­Glace.» «Wenn du nicht aufhörst, ständig an deinem Handy rumzuspielen, ziehe ich es ein.»  «Wenn du nicht mitmachst, bekommst du eine Auszeit in deinem Zimmer.» «Wenn du beim Zähneputzen kein Theater machst, lese ich dir noch etwas vor.» Wer kennt solche oder ähnliche Wenn-dann-Sätze nicht? Eltern sind in diesen Momenten vielleicht nicht besonders stolz auf ihre pädagogische Herangehens­weise, im Gegenteil, oft fühlen sie sich hilflos beziehungsweise machtlos. Aber die Grundannahme ist: Manchmal geht es halt nicht anders. 

Die Haltung dahinter ist: Kinder sollen funktionieren

Die Psychologin Nadine Zimet hält das für eine tragische Fehleinschätzung. Natürlich geht es anders. Und das sollte es auch. «Man sollte sich zunächst klarmachen, welche Haltung hinter beiden Methoden steckt», sagt die Verhaltenstherapeutin und Trainerin in gewaltfreier Kommunikation, die in Zürich das Zentrum für Begabungsförderung leitet. Dort berät und schult sie Eltern zum Konzept der straffreien Erziehung. «Die Kinder sollen funktionieren. Keine Arbeit machen. Sie sollen ihren Eltern gehorchen. Es soll einfach laufen.» Beide Methoden beruhen auf demselben manipulativen Prinzip: Mit einer Strafe drohen wir einem Kind an, es absichtlich unglücklich zu machen, damit es sein Verhalten ändert. Mit einer Belohnung zeichnen wir erwünschtes Verhalten aus. Harte Kritiker behaupten: Wir belohnen Folgsamkeit beziehungsweise Gehorsam. Wir machen uns keine Gedanken darüber, ob wir unser Kind zu etwas zwingen und es in eine Norm pressen, die ihm nicht entspricht. Der Grundgedanke hinter diesen Methoden geht bemerkenswerterweise auf die Theorie des Behaviorismus zurück: der Form von Verhaltenssteuerung, die Ende des 19. Jahrhunderts an Hunden, Tauben und Schimpansen erprobt wurde.

Belohnen und Bestrafen beruhen auf demselben manipulativen Prinzip. Harte Kritiker behaupten:Wir belohnen Gehorsam.

«Niemals würden wir mit einem Freund oder einer Freundin so umgehen», sagt Nadine Zimet. «Dahinter steckt, dass Eltern ihren Kindern nicht auf Augenhöhe begegnen. Sie sehen sich hierarchisch über ihnen.» Die Psychologin kennt den Einwand, der an dieser Stelle oft gemacht wird: Eltern müssen ihren Kindern doch beibringen, was richtig und falsch ist. Wie soll ein Dreijähriger sonst lernen, dass er seinem Freund kein Spielzeug klauen darf? Woher soll eine 13-Jährige wissen, welche Umgangsformen in sozialen Netzwerken wichtig sind? Und dass es nicht in Ordnung ist, Fotos von Freundinnen auf Instagram zu posten?

«Natürlich sind Eltern ihren Kindern an Lebenserfahrung überlegen», sagt Nadine Zimet. «Aber als Persönlichkeiten sollten sich erwachsene und junge Menschen auf Augenhöhe begegnen.» Das sei bei beiden Methoden nicht der Fall. «Eltern missbrauchen dann ihre Macht manipulativ.»

Rodeo auf dem Spielplatz: Yanick Bercher mit seinem Sohn Noel, 11.

Der amerikanische Autor und Sozialwissenschaftler Alfie Kohn ist einer der radikalsten Kritiker dieses Erziehungssystems. In seinem Buch «Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung» argumentiert er auf gut dreihundert Seiten dafür, dass beide Praktiken aus dem Familienalltag verbannt werden müssten. Er behauptet, dass sie vor allem der Eltern-Kind-Beziehung schadeten. «Sie signalisieren Kindern, dass die elterliche Liebe an Bedingungen geknüpft ist.» Auch wenn das überhaupt nicht der Fall ist, meint Alfie Kohn, sei das die Botschaft, die bei Kindern ankomme.

Es geht um Einsicht, nicht um ­kurzfristigen Erfolg

«Darüber hinaus haben diese Massnahmen nicht die Wirkung, die Eltern sich erhoffen», sagt Nuša Sager, Psychotherapeutin vom Klaus-Grawe-Institut in Zürich. Das Ziel ist schliesslich nicht nur eine kurzfristige Verbesserung in einer bestimmten Situation. Eltern wünschen sich Einsicht und eine dauerhafte Verhaltensänderung: Kinder sollen verstehen, dass sie morgens vor dem Kindergarten nicht rumtrödeln und ihre Schuhe anziehen sollen. Wenn man sie fürs Mitmachen belohnt, so die Hoffnung, ist das abgespeichert. Kinder sollen einsehen, dass sie nicht vor Wut brüllen und mit Spielzeug schmeis­sen sollen. Wenn sie zur Disziplinierung in eine «Auszeit» geschickt werden, werden sie sich beim nächsten Mal anders benehmen. Teenager sollen ihren Pflichten nachkommen und weniger im Netz surfen. Nimmt man ihnen das Handy für einen Tag weg, werden sie alles tun, um nicht nochmals so bestraft zu werden.

Was läuft in der Schule? Brigit Leuenberger und ihr 15-jähriger Sohn Rayan. Lesen Sie ihre Erzählung «Kinder brauchen Führung und Wertschätzung, keine Belohnungen und Strafen»

«Verschiedene Studien haben aber gezeigt, dass Kinder oftmals den Sinn hinter den Massnahmen nicht verstehen und die Situation ganz anders auffassen», sagt Nuša Sager. Die Trainerin für Elternbildung und emotionale Kompetenzen rät dazu, erst einmal zu überlegen, ob ein Kind überhaupt anders handeln kann in einer bestimmten Situation, ob es überhaupt in seiner Entwicklung schon so weit ist und die Impulskontrolle oder Emotions­regulation besitzt.

Wenn ein Kind für einen Regelbruch bestraft wird, lernt es vor allem eins, sagt Nuša Sager: «Es darf sich beim nächsten Mal nicht mehr erwischen lassen.» Kinder fangen dann an, zu tricksen und auch zu lügen. «Wir erzeugen asoziales Verhalten», sagt die Psychologin Nadine Zimet. Das Institut für Familienforschung der Universität Fribourg fand Ähnliches heraus: Die Studie zum Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz zeigt, dass die Massregelungen nicht zu mustergültigem Sozialverhalten, sondern im Gegenteil zu schlechtem Benehmen in der Schule, Lügen, Stehlen und Aggressivität führten.

«Hinter beiden Methoden steckt, dass Eltern sich hierarchisch über ihrem Kind sehen», sagt die Psychologin Nadine Zimet.

Grenzen setzen und Regeln vermitteln, wenn ein Kind nicht mitmacht? Wenn es auf freundliche Aufforderungen nicht reagiert und stur sein Ding macht? Wie soll man zeigen, dass man sich über seine Hilfsbereitschaft freut, wenn schon ein Lob als Belohnung gilt?

Psychologen sind sich einig: Eltern bestrafen oder ködern ihre Kinder, weil sie sich hilflos fühlen. Sie haben oftmals keine Vorbilder für einen Erziehungsstil, den sie gutheissen. Die autoritären Methoden vorhergehender Generationen wollen sie eigentlich nicht anwenden. Und sie haben schlicht keine Zeit, alles Mögliche auszuprobieren. 

In stressigen Momenten fallen Eltern in alte Muster zurück

«Die Lebensrealität der Eltern beinhaltet eine ellenlange To-do-Liste, jede Menge Druck, Ärger und Erschöpfung», sagt die Psychologin Nadine Zimet. Diese Überlastung hat Auswirkungen: Gerade in stressigen Momenten hören Eltern sich Sätze sagen, die sie aus ihrer Kindheit kennen und die sie eigentlich ablehnen. Woher kommt das?

Wenn ein Kind für einen Regelbruch bestraft wird, lernt es vor allem: Es darf sich nicht erwischen lassen.

Das rationale Lösungswissen wird in Konfliktmomenten von starken Emotionen blockiert. Dann fallen Eltern schnell in alte Muster, auch wenn sie diese nicht mögen. Ihre Erfahrungen als Eltern sind durch eine Art doppeltes Erleben geprägt: Einerseits waren sie die «Opfer» oder, neutraler ausgedrückt, die «Empfänger» der Erziehungsmethoden ihrer Eltern. Genauso haben sie aber auch gelernt, wie die «Täter» beziehungsweise «Erziehungsausübenden» zu sein haben, denn ihre Eltern waren automatisch ihr Vorbild für Verhaltensweisen. «Wenn wir die Grenzen unserer Kinder überschreiten, leben wir als Eltern ihnen vor, dass es in Ordnung ist, anderen Leid zuzufügen», sagt die Psychologin Nuša Sager.

Ihre Eltern lehnen Strafen ab: Noel Bercher, 11, und seine Schwester Joa, 9. Lesen Sie die Erzählung von Mutter Gabriella Bercher «Körperliche Bestrafungen können Kinder auf die schiefe Bahn bringen»

Der erste Schritt, dieses System zu durchbrechen, ist, sich die eigenen Prägungen bewusst zu machen und schwierige Muster zu reflektieren. Wie war meine Mutter denn in Stresssituationen? Wie war mein Vater, wenn er wütend mit mir war? Es geht bei diesen Überlegungen nicht darum, die eigene Kindheit anzuzweifeln: Es geht um eine Bestandsaufnahme. Welche Werte und Verhaltensweisen will man übernehmen, welche nicht? Nadine Zimet vergleicht diesen Prozess, Alternativen zu Traditionen zu entwickeln, mit dem Erlernen einer neuen Sprache: Die kann man auch nicht von heute auf morgen, es braucht Übung und Zeit.

Eltern bestrafen oder ködern Kinder, weil sie sich ­hilflos fühlen. Es fehlen Vorbilder für einen ­Erziehungsstil, den sie gutheissen.

Wie also gehe ich vor, wenn mein Kind auf dem Spielplatz ein anderes Kind schlägt? Darf ich es zwingen, sich zu entschuldigen? Alfie Kohns Antwort wäre, dass mein Kind dann aber keine echte Reue empfindet. Im Gegenteil: Es täuscht nur mir zuliebe vor, dass es ihm leidtut. Sinnvoller wäre es, meinem Kind zu erklären, wie sich sein Gegenüber fühlt. Und zu fragen: Was könntest du tun, damit es dem anderen Kind wieder besser geht?

Wenn das Kind darauf nicht anspricht und sich weiterhin aggressiv aufführt, kann man tatsächlich nach Hause gehen. «Das empfindet das Kind vielleicht als Strafe, deshalb muss man ihm diesen Schritt erklären», sagt Psychologieprofessor Albert Düggeli. «Man kann etwas sagen wie: Weisst du, wenn du anderen Kindern wehtust, muss ich sie schützen.» Es ist wichtig, dass ein Kind begreift, warum seine Eltern bestimmte Regeln aufstellen.

Die Kinder beim Ausarbeiten von Regeln einbeziehen

Wenn es möglich ist, kann man Kinder bei der Ausarbeitung bestimmter Regeln beteiligen. Internet- und Handynutzung sind Beispiele dafür, bei denen gemeinsame, verbindliche Absprachen helfen können. «Wenn der Teenager seine Tage vor dem Bildschirm verbringt, hilft es überhaupt nichts, ihm einfach zur Strafe sein Tablet oder sein Handy wegzunehmen», sagt Düggeli. «Dann ist man nur der doofe Handy­dieb, und sobald man dem Kind den Rücken kehrt, ist alles beim Alten.» 

Wer auf Bestrafungen und Belohnungen verzichtet, etabliert damit nicht ein regelfreies Zusammenleben ohne elterliche Führung.

Schritt 1 wäre, zu überprüfen, ob die im Netz verbrachte Zeit für das Kind wertvoll ist. Tauscht es sich dort mit Freunden aus? Ist es dort kreativ tätig? Wie fühlt es sich überhaupt selbst damit? «Schritt 2 wäre, eine Alternative zur Handynutzung zu schaffen. Findet man zusammen mit seinem Kind etwas, was ihm genauso viel Spass macht?», sagt Albert Düggeli.

«Kinder wollen Anerkennung und Bestätigung», sagt die Psychotherapeutin Nuša Sager. «Dafür braucht es aber keine materiellen Belohnungen, sondern Aufmerksamkeit und Beziehung.» Wie wäre die Situation im Freibad ausgegangen, wenn der Vater einfach vorher zu seinen Kindern ins Becken gestiegen wäre? Wenn er gesagt ­hätte: «Komm, das gefällt deiner Schwester nicht, wir spielen zusammen etwas anderes.»

Wer als Eltern auf Bestrafungen und Belohnungen verzichten ­möchte, etabliert damit nicht ein regel­freies Zusammenleben ohne elterliche Führung. Dazu gehört auch, dass Kinder die Grenzen ihrer Eltern kennenlernen. Erwachsene können und sollen sagen, was ihnen missfällt. Entscheidend ist dabei die Haltung gegenüber dem Kind. Erwarte ich, dass es mir gehorcht? Oder begegne ich ihm mit Respekt? Schon das Nachdenken über diesen Unterschied verändert einiges im Umgang.


So motivieren Sie Ihr Kind richtig

Anerkennung statt Geld oder Süssigkeiten: Diese Dos and Donts sollten Eltern beachten.

Don’t: Versuchen Sie auf Belohnungen durch Süssigkeiten zu verzichten. Die University of Rochester veröffentlichte eine Studie, die das Belohnungssystem mit einem gestörten ­Essverhalten in Verbindung bringen konnte: Eltern, die ihre Kinder mit Süssigkeiten belohnen, bringen ihnen bei, dadurch ihre Emotionen zu regulieren. Das führt zum sogenannten emotionalen Essen.

Do: Äussern Sie Ihre Wertschätzung. Ihr Kind hat sein Zimmer aufgeräumt? Oder hilft beim Tischdecken? Zeigen Sie Ihre Freude. Bedanken Sie sich. «Danke, dass du so toll ­mitgemacht hast.» 

Do: Besprechen Sie ganz generell Situationen, die gut gelaufen sind. Kinder und Teenager brauchen nicht nur ­kritisches Feedback, wenn es Schwierigkeiten gibt. Auch gelungene Situationen müssen benannt werden.

Don’t: Gehen Sie mit materiellen Belohnungen und Geld­geschenken sparsam um. Der Blick in die Wirtschaft, in der gute Leistungen von Mitarbeitenden häufig finanziell entlöhnt werden, suggeriert, dass materielle Anreize zu mehr Leistung anspornen. Studien haben aber gezeigt, dass das auf die ­Motivation von Kindern und Jugendlichen nicht zutrifft und beispielsweise die schulische Mitarbeit dadurch nicht ­dauerhaft verbessert wird.

Do: Aufmerksamkeit statt Bezahlungen. Ihr Kind liest nicht gerne und auch nicht gut? Setzen Sie sich regelmässig gemeinsam aufs Sofa und stecken Sie Ihre Nase in ein Buch. Wenn Ihr Kind Leseanfänger ist, lassen Sie sich erst vorlesen und übernehmen dann zwischendurch.

Do: Gemeinsame Aktionen, um etwas zu feiern. Ihr Kind hat für eine Arbeit viel gelernt? Wertschätzen Sie das auch ­unabhängig von der erreichten Note. Gönnen Sie sich eine gemeinsame Aktion, die Ihrem Kind viel bedeutet: etwa mit einem Ausflug, einem kuscheligen Filmabend oder einem besonderen Essen.

Julia Meyer-Hermann
lebt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Psychologiethemen.

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