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Psychologie

Helikopter-Eltern: Zu viel des Guten?

Sie tun alles für ihre Kinder, beschützen und umsorgen sie. Helikopter-Eltern werden sie genannt, weil sie wie Hubschrauber über den Köpfen ihrer Kinder kreisen. Helikopter-Eltern haben einen schlechten Ruf. Warum eigentlich? Was ist dagegen einzuwenden, wenn Väter und Mütter versuchen, perfekte Eltern zu sein? Annäherung an ein Thema, von dem viele glauben, dass es nur die anderen betrifft. 
Text: Andres Eberhard 
Bilder: Stephan Rappo / 13 Photo, iStockphoto (Headerbild)
Eine Mutter, die mit ihrem erwachsenen Sohn die Vorlesungen an der Uni besucht. Ein Vater, der vor Gericht zieht, um beim Klassenausflug seines Kindes dabei sein zu können. Eltern, die mit ihrer Tochter zum Arzt gehen, weil diese nie krank ist. Wir wundern uns über Geschichten, in denen sich Eltern ihren Kindern gegenüber benehmen wie Angestellte – dienstleistungsorientiert und stets einsatzbereit. 
«Helikopter-Eltern» nennen wir sie und meinen damit immer nur die anderen. Möchte nicht jeder von uns das Beste für das eigene Kind und sorgt sich gerade deswegen von Zeit zu Zeit um dessen Entwicklung? Steckt das Helikopter-Gen nicht in jedem von uns, zumindest zu einem kleinen Teil? 
Evi Gwerder hofft, dass sie keine der Mütter sein wird, die nachts warten, bis die Teenager-Söhne nach Hause kommen. 
Evi Gwerder hofft, dass sie keine der Mütter sein wird, die nachts warten, bis die Teenager-Söhne nach Hause kommen. 
Durchforstet man wissenschaftliche Quellen und spricht mit Erziehungsexperten, so kommt man jedenfalls zum Schluss: Statt über andere zu lachen, würden wir wohl besser unser eigenes Verhalten hinter­fragen. 
Schon zur Zeit unserer Grosseltern gab es zweifelnde oder ängstliche Eltern. Jedoch hat sich etwas Grundlegendes verändert, wie der Soziologe Frank Furedi feststellte. Er verglich Leserbriefe, die Eltern früher an Fachzeitschriften schrieben, mit jenen von heute. Und stellte fest, dass sich der Ton geändert hat. «Liest man die Leserbriefe aus den 20er-Jahren, erhält man den Eindruck, dass das Familienleben ganz in Ordnung war.»

Nur den Rat zu einzelnen Erziehungsfragen hätten Eltern verlangt – Daumenlutschen, Eifersucht unter Geschwistern oder Nägelbeissen. Heute hingegen würden Eltern Winzigkeiten zu grossen Problemen machen. Schuld daran sei ein weitverbreiteter Mangel an elterlicher Gelassenheit. Frank Furedi: «Viele Mütter und Väter wirken regelrecht überfordert von der Riesenmenge an problematischen Fragestellungen, mit denen sie konfrontiert werden.» Entsprechend klingen die Leser­briefe wie Hilfeschreie.
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Gesellschaftlicher Wandel

Befragt nach den Ursachen dieses Wandels, nennen Experten drei gesellschaftliche Veränderungen. 
  • Erstens ist materielle Verwöhnung erst durch unseren Wohlstand sowie den Trend zur Kleinfamilie möglich geworden, wie der Psychologe Jürg Frick sagt. Dadurch haben Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern als früher.
  • Zweitens steigt der gesellschaftliche Druck auf Eltern, wie unter anderem eine deutsche Untersuchung im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt. «Heute gilt die Leitvorstellung, dass man Kinder nur dann in die Welt setzt, wenn man sich ‹gut› um sie kümmern kann», schreiben die Autoren. Bildungsdruck und Frühförderung seien so populär, weil sich die familiären Werte jenen der wettbewerbsorientierten Wirtschaft anpassen würden.
  • Drittens schliesslich sprechen viele Experten wie Frick oder die emeritierte Erziehungsprofes­sorin Margrit Stamm von der Universität Freiburg vom Zeitgeist einer «Angstkultur», in der Eltern die Sicherheit ihrer Kinder über alles stellen. Erstmals erwähnt wurde der Begriff «Helikopter-Eltern» 1969 vom israelisch-amerikanischen Psychologen Haim Ginott. Populär wurde er jedoch erst vor rund 15 Jahren.
Drei Phänomene prägen die 
Helikopter-Eltern-Generation: 
Materieller Wohlstand, 
gesellschaftlicher Druck auf die Eltern und eine Angstkultur.
Professorin Margrit Stamm mag den Begriff nicht; sie spricht lieber von «Eltern, die perfekt sein möchten». Sie würden alles tun, um ja keine Fehler zu machen. Drei Kriterien kennzeichneten diese: 
  • Sie fördern ihre Kinder überdurchschnittlich. 
  • Sie verwöhnen sie, erfüllen ihnen jeden Wunsch, nehmen ihnen alles ab. 
  • Sie sind permanent besorgt um ihre Sicherheit. 
Wer typische Helikopter-Eltern sind und wie viele es von ihnen gibt, ist relativ schlecht erforscht. Gemäss Stamm ist hauptsächlich die gut gebildete Mittelschicht betroffen. «Rund die Hälfte der gut situierten Eltern gehören zur Gruppe der Helikopter-Eltern», schätzt sie. Fachleute, die täglich mit Vätern und Müttern zu tun haben, wie Ruth Fritschi vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, beobachten zudem, dass Helikopter-Eltern häufiger in Städten zu finden sind als auf dem Land. 

Drei Familien erzählen: 

Thumbnail gwerder hm
«Es gibt einen Unterschied zwischen Interesse und Kontrolle»

Evi Gwerder aus Glarus, Spielgruppen­leiterin, Fotografin, Mutter von Silas, 13, und Laurin, 10.
Thumbnail nock hm
«Ja, ich bin voll Helikopter!»

Angie Nock aus Zürich mit Jamie, 6, und Alisha, fast 2.
Thumbnail abegg hm
«Die physische Präsenz der Eltern ist genauso wichtig wie eine gewisse Selbständigkeit der Kinder»

Rahel Strebel, Kunsthistorikerin in der Ausbildung zur Gestaltungspädagogin, und Andreas Abegg, Anwalt und Dozent, aus Zürich, Eltern von Linus, 13, Flurin, 11, und Mina, 9.

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