Frühintervention bei Autismus: Die Eltern sind die Experten - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Frühintervention bei Autismus: Die Eltern sind die Experten

Lesedauer: 3 Minuten

Eine spezielle Frühintervention unterstützt bei autistischen Kindern eine normale Entwicklung. Mifne heisst der Ansatz. Ein Besuch bei der Mitbegründerin Hanna Alonim in Israel gibt Einblick in eine Therapie, bei der Eltern die Experten sind.

Vorbei an Orangenbäumen und Lavendel führt eine Strasse steil durch die kleine
israelische Ortschaft Rosh Pina hinauf. Da, wo sie endet, soll für Eltern mit autistischen Kindern ein neues Leben beginnen. Das zumindest verspricht der Name des Mifne-Zentrums. Mifne heisst übersetzt «der Wendepunkt». Das grosse Backsteinhaus ruht erhaben auf dem Hügel. In der Ferne erstreckt sich die Chulaebene, hinter ihr die Golanhöhen. Das einzige Geräusch erklingt von einem hölzernen Windspiel. 

Essprobleme gehören zu den
acht Frühzeichen bei
autistischen Störungen.

Das ist die Kulisse eines intensiven Therapieprogramms: 3 Wochen, 7 Tage die Woche, 8 Stunden am Tag arbeiten hier Eltern mit ihren autistischen Kleinkindern und therapeutischen Fachpersonen. Dafür reisen sie oft von weit her an und zahlen 25’000 US-Dollar. Was ist die Besonderheit des Mifne-Ansatzes? Warum nehmen Eltern diesen Aufwand auf sich? Eine Besonderheit offenbart sich auf dem Schreibtisch der Autismusexpertin und Direktorin des Mifne-Zentrums, Dr. Hanna Alonim. In einem kleinen Fernseher läuft die Life-Aufnahme aus dem Therapieraum. Der 35-jährige Diego Barbosa* aus Brasilien ist mit seinem Sohn Rafael* ins Spiel vertieft. Rafael ist 1,5 Jahre.

Was sind die Anzeichen von Autismus?

«Das Alter ist zentral», sagt Hanna Alonim. «Wir nehmen nur Kleinkinder bis 2-jährig.» Das war nicht immer so. Als die Psychologin 1987 das Mifne-Zentrum in Israel mitbegründete, nahm sie auch ältere Kinder in Therapie. In ihrer 30-jährigen Arbeit mit autistischen Kindern und ihren Familien hat sich jedoch die Autismuslandschaft stark verändert – nicht zuletzt das Diagnosealter.

Dossier: Autismus

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Eine Störung für die einen, eine Wesensart für die anderen und eine Herausforderung für alle. Das ist Autismus. Jedes hundertste Kind in der Schweiz ist davon betroffen. Was heisst das für das Kind? Was für seine Eltern? Und vor allem: Wer hilft? Hier gehts zu unserem Online-Dossier mit allen Artikeln zum Thema Autismus. 


«Wir geben die Diagnose auch 1- bis 1,5-jährigen Kleinkindern», sagt Hanna Alonim. «Manche sagen, ein Kind so früh zu ‹etikettieren›, sei unverantwortlich. Wir wissen aber aus unseren Studien, dass 89 Prozent von 110 autistischen Kindern bereits im ersten Lebensjahr Frühzeichen aufgewiesen hatten.
Und 2016 konnten wir mit einer Folgestudie nachweisen, dass bei einer Frühintervention in den ersten 24 Monaten ein Grossteil der Kinder eine altersentsprechende Entwicklung zeigt.» Hanna Alonim untermauert ihre Beobachtungen mit Studien aus der Hirnforschung. «Bis zum zweiten Lebensjahr wird das neuronale Netzwerk ausgebildet, auf dessen Grundlage sich die Persönlichkeit, die Lernfähigkeit und der IQ entwickeln. In dieser Zeit können wir am meisten Einfluss nehmen.» Die US-amerikanische Autismusforscherin Geraldine Dawson spricht im Zusammenhang mit Frühintervention gar von einer «präventiven Massnahme».

Eltern als Experten

Zurück in den Therapieraum. Im Beisein der Therapeutin Veronica Jacubson nehmen Vater und Sohn das Mittagessen ein. Rafael verharrt still mit einem gefüllten Löffel in der Hand. «Er weigert sich, das Essen zu berühren.» Das sagt Giora Shayngesicht. Hinter einer spiegelverglasten Wand beobachtet er die Szene. Essprobleme gehören zu den acht Frühzeichen bei autistischen Störungen. «Der Vater reagiert typisch: Er übernimmt die Fütterung.» «Was würde geschehen, wenn Sie einen Moment warten, bevor Sie den Löffel zum Mund Ihres Sohnes führen?», fragt der Therapeut in der Nachbesprechung. «Ich sehe, was
Eltern tun, aber nicht, was sie denken. Sie sollen ein vertieftes Verständnis für die besonderen Bedürfnisse ihres Kindes entwickeln und gleichzeitig die Gründe für ihr eigenes Handeln verstehen. So gewinnen die Eltern mehr Selbstwert und Vertrauen, was die Interaktion zwischen ihnen und dem Kind verbessert.»

Manche Eltern verdrängen
die Auffälligkeiten. Andere
haben etliche Abklärungen
hinter sich.

Das ist eine weitere Besonderheit des Mifne-Ansatzes: Mutter wie Vater werden als die wichtigste Ressource des Kindes betrachtet und sind deshalb beide in der Therapie anwesend. «Sie sind es, die handeln müssen, wenn das Kind schreit oder nicht isst. Ich könnte die beste Therapeutin auf der Welt sein und hätte doch keinen Einfluss auf das Kind», sagt Hanna Alonim. «Zu Beginn sind die Eltern aber oft in einer Krise und brauchen Hilfe.» Manche Eltern verdrängen die Auffälligkeiten. Andere haben schon etliche Abklärungen hinter sich.

Das Kind im Zentrum

So auch Diego Barbosa. Das Nichtwissen ist für ihn schwierig. «Ich bin Wissenschaftler», sagt er am Tag der Ankunft. «Ich brauche Fakten.» Hanna Alonim nickt. «Wir arbeiten aber mit Ihrem Kind, nicht mit Fakten.» Diese Haltung vertritt auch Giora Shayngesicht. «Manchmal hinterfragen Leute, ob die Frühzeichen wirklich durch eine autistische Störung bedingt sind. Die Gewissheit haben wir nicht. Lindert jedoch die Therapie das Leid der Familie, spielt die Diagnose letztlich keine Rolle.» Liegt aber eine Diagnose vor, besteht die Chance auf einen Beitrag an die Therapiekosten durch die öffentliche Hand. Auch die Stiftung Mifne Schweiz mit Sitz in Zürich unterstützt bei Bedarf. Hanna Alonim und das Mifne-Team sind darüber hinaus bestrebt, ihr Konzept auch in anderen Ländern bekannt zu machen. So ging beispielsweise 2010 in Basel aus dem Mifne-Ansatz das FIAS-Zentrum hervor. Die Behandlung im eigenen Land erleichtert die Nachbetreuung. Bis zur Integration des Kindes in den Kindergarten wird die Familie von Mifne-Therapeuten weiterbegleitet. So weit ist Rafael noch nicht. Noch lebt er in sein Inneres zurückgezogen, angewiesen auf Eltern, die das Chaos aus Reizen in der Aussenwelt für ihn ordnen. Im Moment macht die Familie Pause. In Rosh Pina herrscht Mittagsruhe. Selbst das Windspiel ist verklungen.
* Namen der Redaktion bekannt

Weitere Informationen: www.mifne-autism.com


Frühwarnzeichen im 1. Lebensjahr

Die israelische Autismusexpertin Hanna Alonim und ihr Team entwickelten 2007 das Diagnosetool ESPASI (Early signs of pre-autism scale for infants). Es hilft Eltern und Fachleuten, erste Anzeichen von Autismus beim Kind innerhalb des ersten Lebensjahres zu erkennen. Geordnet nach Signifikanz sind dies:

  1. übermässige Passivität (kein Weinen, kaum Bewegung, wenig Interesse an der Umgebung), kaum direkter Augenkontakt mit Menschen
  2. kaum Reaktion auf die Stimme oder die Präsenz der Eltern
  3. übermässige Aktivität (kontinuierliches Weinen, fehlende Ruhe)
  4. verweigert zu essen
  5. lehnt elterliche Berührung ab
  6. verzögerte motorische Entwicklung
  7. beschleunigtes Wachstum des Kopfumfangs

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