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Alarmstufe Rot bei Sepsis!

Lesedauer: 5 Minuten

Jedes Jahr erkranken in der Schweiz rund 15 000 Menschen an einer Blutvergiftung. Ein Drittel von ihnen stirbt daran. Bei Kindern ist die sogenannte Sepsis die zweithäufigste Todesursache – Wie wird sie rechtzeitig erkannt?

Text: Claudia Füssler
Bild: Ted Catanzaro / Plainpicture

Das Wichtigste zum Thema

Viele Eltern kennen den Begriff Sepsis nicht. Sepsis steht für eine Blutvergiftung. Eine Sepsis ist zwar eher selten, doch wird sie zu spät entdeckt, endet sie meist tödlich für das betroffene Kind. Die meisten Blutvergiftungen werden von Bakterien verursacht. 

Was sind die Anzeichen einer Sepsis? Fieber, ohne erkenntlichen Grund, oder schlecht durchblutete, «marmorierte» Gliedmassen können Hinweise auf eine Sepsis geben. Weitere Anzeichen auf eine mögliche Blutvergiftung erfahren Sie im kompletten Text. 

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Je eher eine Blutvergiftung behandelt wird, desto besser stehen die Chancen, dass man sie überlebt. Doch um behandeln zu können, muss die richtige Diagnose gestellt werden. Und genau das ist die Achillesferse der sogenannten Sepsis: Ihre Symptome sind so unspezifisch und können mit so vielen anderen Erkrankungen verwechselt werden, dass selbst erfahrene Ärzte oft nicht gleich realisieren, womit sie es zu tun haben. Ein Unwissen, das tödliche Folgen haben kann.

Fieber zum Beispiel, Schüttelfrost, Herzrasen und ein Krankheitsgefühl wie bei einem schweren grippalen Infekt sind mögliche Anzeichen einer Blutvergiftung. «Das macht die Krankheit schwer zu diagnostizieren, denn Kinder fiebern äusserst häufig», sagt Horst von Bernuth, Leiter der Sektion Pädiatrische Immunologie und Infektiologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

Eine invasive Infektion

Acht bis zehn banale Infekte pro Jahr, sagt die Statistik, sind bei Kleinkindern völlig normal, im Kindergartenalter erhöht sich die Zahl auch mal auf 15 bis 18. «Unter Tausenden von Kindern, die mit diesen Symptomen in die Praxis kommen, eine Sepsis zu erkennen, ist eine Herausforderung für jeden Kinderarzt», sagt von Bernuth.

Wie genau aber wird das Blut vergiftet? Normalerweise kommt unser Körper gut mit Erregern klar. Täglich ficht er unzählige Kämpfe gegen Bakterien, Viren und Pilze aus – und gewinnt diese. Manchmal dauert es ein bisschen länger, dann werden wir krank, aber mit Geduld und mitunter medikamentöser Hilfe kriegt der Körper auch das in den Griff. «Doch während sich Husten, Schnupfen oder eine Lungenentzündung an der Oberfläche, also auf den Schleimhäuten abspielen, gelangen die Erreger bei einer Sepsis an sonst sterile Orte. Wir sprechen dann von einer invasiven Infektion», erklärt von Bernuth.

Ursache: angeborener Defekt?

Die meisten Blutvergiftungen werden von Bakterien verursacht. Ein solcher lokaler Herd kann eine entzündete Wunde durch einen Schnitt sein, ebenso aber ein eiternder Zahn oder eine Lungen-, Blasen- oder Hirnhautentzündung. Eltern, die vor Dreck in einer Wunde warnen, haben völlig recht: Das kann zu einer Blutvergiftung führen und sollte so schnell wie möglich gereinigt und desinfiziert werden. Doch der rostige Nagel oder eine entzündete Schürfwunde sind nur wenige potenzielle Verursacher unter vielen. Pneumokokken, Staphylokokken, Meningokokken heissen die Erreger, die Wissenschaftler häufig auch auf den Schleimhäuten von gesunden Menschen finden. «Was auffällig ist: Viele Menschen sind Träger dieser Bakterien, einige werden auch krank, aber nicht alle bekommen davon auch eine Sepsis», sagt von Bernuth. Gemessen am Grad des Befalls von Kindern und Erwachsenen sei eine Blutvergiftung sogar selten.

«Wir vermuten daher, dass es angeborene Defekte sein könnten, Fehler im Abwehrmechanismus, die dazu führen, dass das Immunsystem bei manchen Menschen eine Infektion nicht richtig handhabt», sagt von Bernuth. Denn auch ein Erreger hat eigentlich kein Interesse, seinen Wirt umzubringen, schliesslich bedeutet das auch für ihn selbst das Ende. «Dass es zu einer Blutvergiftung kommt, ist also wahrscheinlich ein evolutionärer Unfall.»

Einen Schutz vor einer Blutvergiftung gibt es nicht.

Amerikanische Wissenschaftler erstellen bereits genetische Profile von betroffenen Patienten, doch die Aussagekraft ist fragwürdig: Das menschliche Abwehrsystem wird von etwa 2000 bis 3000 Genen reguliert; wir kennen mit hoher Sicherheit erst die Bedeutung von etwas mehr als 300 Genen des Immunsystems. Gut möglich also, dass der Fehler in noch völlig unbekannten Sphären liegt. Einen Schutz vor einer Blutvergiftung gibt es nicht. Das Einzige, was lebensrettend sein kann, ist ein frühes Erkennen der Gefahr. Dann unterstützen Antibiotika den Körper im Kampf gegen die Infektion.

Sepsis-Erreger teilen sich etwa alle 20 bis 30 Minuten, bei jeder Teilung sind sie besonders vulnerabel. Sind sie in diesem Zustand Antibiotika ausgesetzt, können diese gut angreifen. Wird die Blutvergiftung zu spät erkannt, werden im Körper Mechanismen angeworfen, die ihrerseits schädlich sind. Vereinfacht ausgedrückt sterben die Menschen nicht an der Infektion selbst, sondern an den Kollateralschäden.

«Wir setzten auf Prävention» 

In einer nationalen Studie haben die zehn grössten Kinderspitäler der Schweiz über vier Jahre gemeinsam die Ursachen und Auswirkungen von Sepsen erforscht. Die Ergebnisse haben sie im vergangenen Sommer im Fachjournal «The Lancet Child & Adolescent Health» publiziert. «Wir sind erstaunt gewesen, dass es doch so viele Kinder sind, die an einer Sepsis erkranken», sagt Christoph Berger, Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital Zürich.

In der Schweiz erkrankten im Untersuchungszeitraum mehr als 1000 Kinder. Die Mediziner konnten die kleinen Patienten in drei etwa gleich grosse Gruppen einteilen: Ein Drittel der Kinder erkrankte an einer Blutvergiftung quasi «aus heiterem Himmel», sie waren zuvor völlig gesund. Ein weiteres Drittel waren Neu- und Frühgeborene, die verhältnismässig lange im Spital waren. Und das letzte Drittel waren Kinder mit einer schweren Grunderkrankung wie beispielsweise Leukämie, einem Herzfehler oder einer Nierenschwäche. Diese Kinder sind häufig im Spital und damit mehr Keimen ausgesetzt. Hinzu kommt ein durch die Erkrankung bereits geschwächtes Immunsystem. Eine Kombination, die das Entstehen einer Blutvergiftung begünstigen kann. «Bei diesen Kindern muss man besonders wachsam sein, denn häufige Spitalbesuche oder ein Venenkatheter erhöhen das Risiko einer Infektion», sagt Infektionsexperte Berger.

Auch Berger und seine Kollegen fragen sich: Was funktioniert bei den Kindern, die eine Sepsis bekom­men, im Vergleich zu denen, die unter den gleichen Umständen nicht daran erkranken, anders? «Handelt es sich wirklich nur um ein zufälli­ges Ereignis? Oder doch eine gene­tische Disposition? Wir wissen es leider noch nicht» sagt Berger.«Doch bis die Ursache klar ist, set­zen wir auf Prävention.»

Je geringer die Zahl der zirkulierenden Keime, desto geringer ist die Infektionschance.

Er rät Eltern, das vom Bundesamt für Gesundheit empfohlene Impf­programm einzuhalten, um die Grundimmunisierung der Kinder zu gewährleisten. Den Spitälern kommt der Part der verbesserten Klinikhygiene zu, denn je geringer die Zahl der zirkulierenden Keime, desto geringer die Chance, dass sich Patienten infizieren. Damit Ärzte in der Lage sind, eine Blutvergiftung rechtzeitig zu erkennen, setzen Kliniken und Verbände als weitere Präventionsmassnahme verstärkt auf Aufklärung.

Im deutschen Bundesland Nie­dersachsen ist es gelungen: Dort sterben dank einem speziellen Trai­ning nur noch ein bis zwei Prozent der Kinder, die eine Blutvergiftung haben; vorher waren es zehn Prozent. Den Ärzten dort stehen rund um die Uhr Experten zur Verfü­gung, die sich im Notfall per Video zuschalten oder auch einfliegen lassen. Eine entscheidende Unterstützung: Mit jeder Stunde, die ohne Therapie verstreicht, sinkt die Wahrscheinlichkeit des Überlebens für den Patienten um mehr als sieben Prozent. 

So erkennen Sie eine Blutvergiftung

  • Fieber, das scheinbar ohne Grund auftaucht, zum Beispiel.
  • Kein Husten, kein Schnupfen, kein roter Rachenraum, keine Ohrenschmerzen, keine Blasenentzündung – und Ihr Kind hat dennoch Fieber, eventuell auch Schüttelfrost? Ist es sehr blass und atmet schnell und schwer? Wirkt es sogar apathisch oder verwirrt? Dann gehen Sie sofort in eine klinische Notaufnahme oder rufen Sie den Notarzt.
  • Auch kalte Hände, Arme, Beine und Füsse, die schlecht durchblutet – man spricht auch von «marmoriert» – aussehen, können zusätzlich zum schweren Krankheitsgefühl ein Hinweis auf eine Blutvergiftung sein.

Der septische Schock

Wird eine Blutvergiftung nicht therapiert oder schlägt die Behandlung nicht an, kann es zum sogenannten septischen Schock kommen. Diesen lebensgefährlichen Notfall überleben mehr als die Hälfte der Betroffenen nicht. Grund ist ein extrem starker Blutdruckabfall, das Herz kann die erweiterten Blutgefässe nicht mehr mit ausreichend Blut versorgen. Die Organe werden unterversorgt und versagen schliesslich. Ein septischer Schock verlangt intensivmedizinische Betreuung. Überlebt ein Patient den septischen Schock, hat er meist Langzeitschäden, die durch die Unterversorgung eines oder mehrerer Organe entstanden sind.

Der rote Strich

Ein dunkelroter oder blauer Strich, der sich zum Herzen hin ausbreitet oder in diese Richtung «wandert» – das sei ein untrügliches Anzeichen für eine Blutvergiftung, denken viele Menschen. Das ist falsch. Solche Striche kommen nicht bei einer Blutvergiftung vor, sondern bei einer Lymphangitis. Dabei sind die Lymphbahnen entzündet. Eine Lymphangitis muss ebenfalls von einem Arzt behandelt werden. In seltenen Fällen erreicht sie den Blutkreislauf – und es kann eine Blutvergiftung entstehen.

Claudia Füssler
arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin. Am liebsten schreibt sie über Medizin, Biologie und Psychologie.

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