Kind und Therapie: Ein Weg zu Unabhängigkeit und Selbständigkeit im Alltag
Schule

Serie: Kind und Therapie – Teil 5

Ergotherapie: Ein Weg zu Unabhängigkeit im Alltag

Die spielen doch nur – das ist ein Vorwurf, den man über viele Therapieformen im schulischen Kontext hört. Doch hinter dem Bällewerfen, Malen und ­Schaukeln steckt ein ausgeklügeltes Konzept: Die Ergotherapie möchte helfen, verloren gegangene oder noch nicht erworbene Fertigkeiten zu ­erreichen und Kindern den Alltag zu erleichtern.
Text: Claudia Landolt
Bild:
iStockphoto
Manchmal balancieren die Kinder auf einer schiefen Ebene hin und her. Oder sie üben Dinge, die uns Erwachsenen ganz normal erscheinen: Bälle werfen, malen, klettern, Schnüre verknüpfen oder den Reissverschluss einer Jacke zuziehen. Dinge, die gesunden Kindern ganz einfach gelingen, müssen Kinder, die zur Ergotherapie gehen, Schritt für Schritt üben.
«Sich handelnd zu ­erleben, hat eine heilende Wirkung», sagt die ­Ergotherapeutin Sibylle Klingenfuss.
«Sich handelnd zu erleben, hat eine heilende Wirkung», sagt Si­bylle Klingenfuss, Ergotherapeutin aus Trogen. Dieser Grundsatz beschreibt die Inhalte dieser Therapieform ganz genau. Ergotherapie: Der Begriff stammt vom griechischen Wort «ergon» ab, was so viel wie «Werk», «Handlung», aber auch «Arbeit» bedeutet. Die Ergotherapie geht davon aus, dass tätig sein, etwas tun oder arbeiten ein menschliches Grundbedürfnis ist – auch für Kinder. In der Entwicklungspsychologie nennt man dies «Selbstwirksamkeit». Ein Kind erlebt sich als selbstwirksam, wenn es beispielsweise eine Spielidee hat, diese ausführen kann und erfährt, dass ihm und anderen dieses Spiel Freude bereitet.
Das Kind erfährt beim freien Spiel auch seinen Körper. Wenn es eine Rutsche hinuntersaust, sich auf einem Schaukelbrett hoch in die Luft schwingt: Das trainiert die Körperwahrnehmung, den Gleichgewichtssinn und die Bewegungskoordination. Bastelt es einen Papierflieger oder malt eine Figur aus, braucht das Kind seine feinmotorischen Fähigkeiten. Doch nicht alle Kinder können in der Schule die Rutschbahn runtersausen, Dinge ausschneiden und zusammenkleben. Manchen fehlt das feinmotorische Geschick, anderen mangelt es an Konzentration oder Durchhaltevermögen, wieder an­dere sind entwicklungsbedingt noch nicht so weit.
Kind und Therapie – die Serie Mehr als die Hälfte der Schweizer Schulkinder wird im Laufe ihrer schulischen ­Laufbahn einmal therapiert. Viel zu viele, sagen manche Kinderärzte und Experten, und plädieren für mehr Gelassenheit bei Schul- und Lernschwierigkeiten. Eltern wiederum sind oft ratlos, hinterfragen ihre Ansprüche, fürchten sich vor Stigmatisierung. In dieser fünfteiligen Serie möchten wir das Feld des schulischen Therapieangebots ­beleuchten. Was ist das Ziel der sogenannten sonderpädagogischen Massnahmen? Wann sind sie nötig? Was macht eine Heilpädagogin im Unterricht? Wie arbeitet eine Logopädin? Was bedeutet Psychomotorik? Und haben wir nicht vielleicht einfach falsche Vorstellungen davon, was der Norm entspricht und was nicht? Alle bisher erschienen Artikel finden Sie hier: Kind und Therapie – die Serie
Kind und Therapie – die Serie
Mehr als die Hälfte der Schweizer Schulkinder wird im Laufe ihrer schulischen ­Laufbahn einmal therapiert. Viel zu viele, sagen manche Kinderärzte und Experten, und plädieren für mehr Gelassenheit bei Schul- und Lernschwierigkeiten. Eltern wiederum sind oft ratlos, hinterfragen ihre Ansprüche, fürchten sich vor Stigmatisierung. In dieser fünfteiligen Serie möchten wir das Feld des schulischen Therapieangebots ­beleuchten. Was ist das Ziel der sogenannten sonderpädagogischen Massnahmen? Wann sind sie nötig? Was macht eine Heilpädagogin im Unterricht? Wie arbeitet eine Logopädin? Was bedeutet Psychomotorik? Und haben wir nicht vielleicht einfach falsche Vorstellungen davon, was der Norm entspricht und was nicht?
Alle bisher erschienen Artikel finden Sie hier: Kind und Therapie – die Serie
Hier setzt die Ergotherapie an. Ergotherapeutinnen und -therapeuten versuchen, die Kinder zu «befähigen» und die fehlenden Fertigkeiten durch im Grunde einfache Aktivitäten wie Malen, Spielen, Werken oder Bewegungsübungen und viel individuelle Zuwendung zu vermitteln. Das führt zu Verbesserungen, wenn es zuvor an entsprechenden Impulsen fehlte. Denn ­viele Kinder sitzen täglich stundenlang vor dem Fernseher oder an einem iPad und konsumieren dabei nur passiv, werden also nicht selbst kreativ, spielen draussen und lernen ihre Fähigkeiten im freien Spiel alleine oder mit anderen Kindern kennen. Der von Eltern oder Ärzten etwa gegen eine logopädische Behandlung vorgebrachte Einwand, dass manche Kinder einfach mehr Zeit brauchen, ist bei der Ergotherapie nur bedingt zulässig. Denn die American Psychiatric Association hat bereits 2013 festgestellt, dass Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADHS), Umschriebener Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF) und anderen Lernbeeinträchtigungen (LD) Schädigungen in ihren Körperfunktionen haben, die sie bei der Durchführung und Bewältigung von alltäglichen Aufgaben und Handlungen in der Schule, zu ­Hause und in der Freizeit wesentlich beeinträchtigen.

Den Alltag erleichtern

Die Ergotherapie möchte also, ganz vereinfacht gesagt, den Kindern das Leben, den Alltag in der Schule, zu Hause und in der Freizeit leichter machen. Ergotherapeutin Sibylle Klingenfuss geht dabei wenn immer möglich von einem Ziel aus, welches das Kind selbst formuliert. Das kann beispielsweise sein: im Turnunterricht keine Angst mehr vor zugeworfenen Bällen zu haben, in der Schule zuerst aufzustrecken und erst dann zu sprechen statt umgekehrt oder der Erste in der Pause zu sein.
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Fehlende ­Fertigkeiten ­sollen durch einfache ­Aktivitäten und viel ­individuelle Zuwendung vermittelt werden.
Letzteres war ein konkretes Ziel eines ihrer Klienten. Der Junge wollte in der Pause unbedingt mit seinen Kumpels Fussball spielen. Doch weil es ihm an den feinmotorischen Fertigkeiten mangelte, dauerte es sehr lange, bis er auf dem Pausenhof war – die Finken ausziehen, Schuhe anziehen und Schnürsenkel binden sowie die Jacke anziehen und den Reissverschluss zuziehen, das dauerte. So war er immer der Letzte aus seiner Klasse, der in die Pause ging, und hatte so nie eine Chance auf ein gemeinsames Fussballmatch. Das wiederum frustrierte ihn so sehr, dass er mal wütend und aggressiv, mal traurig und kleinlaut war.
Die Ergotherapeutin geht wenn immer möglich von ­einem Ziel aus, welches das Kind selbst formuliert.
«Das Ziel dieses Jungen war: einmal der Erste sein. Also haben wir genau das immer wieder geübt», sagt Klingenfuss. Konkret hiess das: Finken ausziehen, Jacke anziehen, schliessen, Schuhe anziehen. Und sie überlegten gemeinsam, was helfen würde, dieses Ziel zu erreichen: Schuhe mit Klettverschluss statt Schnürsenkel zum Beispiel. Keine Jacke mit Reissverschluss oder Knöpfen. Damit der Junge nach der Pause nicht als Letzter im Schulzimmer eintrifft, wurde auch das Gegenstück geübt: Jacke ausziehen und aufhängen, Schuhe ausziehen und hinstellen, Finken anziehen.

Klingenfuss findet es ­ideal, ein sogenanntes Nahziel (in diesem Fall die Verbesserung der Fein­motorik) mit einem konkreten, dem Kind wichtigen Fernziel zu verknüpfen. «Ich arbeite über Motivation und Freude. Oft ist ein Zugang dazu das Spielen, insofern könnte man von bewegtem Lernen ­sprechen.»

Dabei sei wichtig, so Klingenfuss, ressourcenorientiert zu arbeiten, Druck vom Kind zu nehmen und Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Sie habe einmal mit einem Kind gearbeitet, das grosse Schwierigkeiten im grob- und feinmotorischen Bereich zeigte. Sie ­baute mit ihm ein Holzschiff. Dabei ging es zuerst um das Grobe – das Zuschneiden des Materials, das Bohren der Löcher für die Bullaugen und den Segelmasten, das Nägel­einschlagen, und erst ganz am Schluss wurde das Schiff sorgsam bemalt. Vom Groben ins Feine: ­Diese dem Tempo, den Fähigkeiten und dem Entwicklungsstand des Kindes angepassten Arbeitsschritte waren wichtig. Denn wie die Psychomotorik verfolgt die Ergotherapie einen ganz­heitlichen, spielerischen Ansatz.

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