Kindergarten

Wann braucht mein Kind eine Therapie?

Ein Kind hält den Stift nicht richtig, ein anderes kann beim Turnen nicht auf einem Bein hüpfen – diese Dinge kommen im schulischen Standortgespräch im Kindergarten zur Sprache. Oft folgt ein Therapieangebot: Welche Therapieformen gibt es und wie sinnvoll sind diese? 
Text: Claudia Landolt
Bilder: Frisch Fotografie
Wenn die Lehr­person eine Therapie vor­ schlägt, sind Eltern oft ver­unsichert und fragen sich: Braucht das Kind diese Unterstützung wirk­lich? Wächst sich das Problem nicht von selbst aus?

Peter Lienhard, Experte für schu­lische Heilpädagogik an der Inter­kantonalen Hochschule für Heilpädagogik, sagt: «Eine Therapie ist dann sinnvoll und notwendig, wenn das Kind ohne diese Unterstützung sein Potenzial nicht ausschöpfen kann und damit in seinem Bildungs-­ und Entwicklungsweg behindert ist.» Es sei aber immer zu fragen, was das Ziel einer Therapie ist. Nur so könne man nach einer gewissen Zeit – beispielsweise sechs Monaten – überprüfen, ob die Massnahme sinnvoll war und welche Effekte sie hatte. 

Ist eine solche Unterstützung im Kindergartenalter angebracht? Dies ist laut Peter Lienhard zumindest verhandelbar: «Bei Kindern in diesem Alter ist es oft auch sinnvoll, wenn man bei gewissen Auffälligkeiten nicht gleich eine Unterstützungsmaschinerie laufen lässt. In dieser Entwicklungsphase kann viel passieren.»

Die Psychomotorik-Therapie

Die Psychomotorik­Therapie ist in der Schweiz seit vielen Jahren weit verbreitet. Jedoch haben sich sowohl die Therapie als auch die zu thera­pierenden Kinder in den vergange­nen Jahren stark verändert.

Früher wurde die Psychomoto­rik-­Therapie vor allem bei Kindern mit motorischen Schwierigkeiten angewendet. Heute sind es häufig Kinder mit sozialen oder emotiona­len Problemen. Sie haben beispiels­weise Mühe, sich in eine Gruppe einzubringen oder Gefühle wie Angst, Wut oder Frustration zu regulieren. Oft zeigen sie auch eine Kombination von motorischen und sozioemotionalen Auffälligkeiten», erklärt Dr. Irene Kranz, Lehr­beauftragte im Studiengang Psychomotorik­-Therapie an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Aus diesem Grund hat sich auch das therapeutische Repertoire verändert. Früher umfasste die Therapie vor allem Spiel- und Bewegungsangebote, mittlerweile ist auch das therapeutische Rollenspiel ein wichtiges Mittel. Damit können Kinder auf spielerische Weise ihre Ängste, Wut, Frustration oder Trauer zum Ausdruck bringen. Im Rollenspiel kann das Kind seine persönliche Geschichte völlig frei inszenieren. Dies ermöglicht ihm, belastende Erfahrungen symbolhaft mitzuteilen, anstatt darüber zu sprechen.
In die Psychomotorik gehen häufig Kinder mit sowohl motorischen als auch sozioemotionalen Auffälligkeiten.
In die Psychomotorik gehen häufig Kinder mit sowohl motorischen als auch sozioemotionalen Auffälligkeiten.
Zum Beispiel Eleni. Sie leidet unter starken Ängsten, traut sich nur wenig zu und meidet unbekannte Situationen. Im Unterricht beteiligt sie sich kaum, und in der Pause spielt sie meist für sich allein. Sie hat Mühe mit den neuen Anforderungen und der neuen Umgebung. Im Turnunterricht leidet sie unter Höhenangst und meidet alle Klettergeräte.

Auch Elenis Vater war als Kind ängstlich und zurückhaltend, hat jedoch im Laufe der Zeit Strategien für den Umgang mit seinen Ängsten entwickelt und versucht, seine Tochter bei der Bewältigung ihrer Ängste zu unterstützen. Studien haben gezeigt, dass es für den Erfolg der Therapie sehr wichtig ist, die Familie und das schulische Umfeld miteinzubeziehen.
Im Laufe der Therapie wird das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Selbstvertrauen gestärkt.
In der Psychomotorik-Therapie kann Eleni ihre Stärken und Schwächen kennenlernen und mutiger werden. In selbst inszenierten Rollenspielen erlebt sie sich als gross, stark und mächtig. So schlüpft sie gerne in die Rolle eines mutigen Tigers und kämpft gegen andere Tiere. Dabei wagt sie sich auch immer wieder, die Sprossenwand hochzuklettern und ihre Opfer aus der Höhe anzugreifen. Die Therapeutin bekommt dabei meist die Rolle eines ängstlichen Tieres zugewiesen. So erhält sie die Möglichkeit, Ängste und Versagensgefühle darzustellen. Damit kann Eleni Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen herstellen und neue Umgangsweisen kennenlernen. Sie gewinnt im Verlauf der Therapie immer mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten, und ihr Selbstvertrauen wird gestärkt.
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Studien zeigen deutlich, dass die Psychomotorik-Therapie sowohl auf motorischer als auch auf sozioemotionaler Ebene wirkt. Eleni gelingt es durch das spielerische Verarbeiten ihrer Ängste immer besser, diese zu überwinden. Sie entwickelt ein positives Selbstbild und traut sich immer mehr zu.

Ihre Lehrperson berichtete, dass Eleni nun öfters mit den anderen Kindern spiele, im Unterricht mehr erzähle, im Turnen mutiger geworden sei. Auch von den Kindheitserfahrungen ihres Vater wird Eleni profitieren – und so vielleicht irgendwann die Sprossenwand ganz hinaufklettern können.

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