Desktop l und m postmail logop die
Lernen

«Nicht schon wieder schreiben»

Für Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche ist das Lesen und Schreiben ein «Chnorz». Die Logopädin Andrea Weber-Hunziker über Anzeichen und Ursachen und wie das Lernen in der Schule trotzdem gelingen kann.
Interview: Johanna Oeschger
Bild: Tim Leu

In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post

Frau Weber-Hunziker, nach den ersten Schuljahren können die meisten
Kinder flüssig lesen und kurze Texte schreiben. Für einige Kinder bleibt das Lesen und Schreiben ein Krampf. Warum?

Wenn ein Kind grosse Mühe hat, lesen und schreiben zu lernen, könnte eine LRS, eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die Ursache sein. Im Volksmund nennt man LRS auch «Legasthenie». Ungefähr zwei bis vier Prozent der Kinder sind von einer LRS betroffen, Jungen etwa doppelt so häufig wie Mädchen. 

Wie erkennt man eine Lese- und Rechtschreibschwäche?

Im Rahmen einer LRS-Abklärung überprüft man das Lesen und Schreiben und führt einen Intelligenztest durch. Ausserdem müssen Ursachen wie neurologische Störungen oder eine ungenügende Förderung im Unterricht ausgeschlossen werden können.
Andrea Weber-Hunziker ist diplomierte Logopädin EDK. In der Praxis für Logopädie Lautart (www.lautart.ch) in Bern führt sie Abklärungen und Therapien von Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 20 Jahren durch und bietet Beratungen für Eltern und Fachpersonen an.
Andrea Weber-Hunziker ist diplomierte Logopädin EDK. In der Praxis für Logopädie Lautart (www.lautart.ch) in Bern führt sie Abklärungen und Therapien von Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 20 Jahren durch und bietet Beratungen für Eltern und Fachpersonen an.

Welche Schwierigkeiten treten beim Lesen und Schreiben konkret auf?

Kinder mit einer LRS lesen oft ungenau, lassen Wortendungen weg oder lesen nur den Wortanfang und erraten den Rest. Sie lesen relativ lange langsam und «abgehackt». Das kostet die Kinder so viel Anstrengung, dass es ihnen schwerfallen kann, den Sinn der Texte zu erfassen. Beim Schreiben fallen vor allem die vielen Rechtschreibfehler auf. Betroffene Kinder schreiben manchmal dasselbe Wort in einem Text in vier oder fünf verschiedenen Schreibweisen oder verwechseln Buchstaben. Es kann auch zu Umstellungen und Auslassungen von Buchstaben oder Wörtern kommen. 

Wie sollten Eltern vorgehen, wenn sie bei ihrem Kind eine LRS vermuten?

Bei Verdacht auf eine LRS sollten Eltern zunächst das Gespräch mit der Lehrperson und der Heilpädagogin suchen und dann, wenn angezeigt, eine Logopädin beziehungsweise einen Logopäden kontaktieren.  
Anzeige

Vor dem Lese- und Schreiberwerb gibt es also noch keine Anzeichen?

Doch, die kann es geben. Bei Kindern mit einer LRS fällt auf Kindergartenstufe häufig auf, dass sie Mühe haben, bei gesprochenen Wörtern Reime oder einzelne Laute zu erkennen oder Silben zu klatschen. Die Kinder brauchen oft auch länger, um das Wort für Buchstaben oder Bilder abzurufen und auszusprechen. Daraus muss sich aber nicht zwingend eine LRS entwickeln. 

Was ist die Ursache für eine LRS?

Diese Frage wird von Eltern häufig gestellt. Die Ursache von LRS kann aber nicht so einfach festgemacht werden. Es wirken unterschiedliche Faktoren zusammen. Die Erbanlage spielt eine wichtige Rolle, aber auch, wie Gehörtes und Gesehenes wahrgenommen und verarbeitet wird: Kinder mit einer LRS können z. B. Wortbilder weniger gut abspeichern und lesen deshalb Wörter nicht «automatisch», sondern müssen diese oft Buchstabe für Buchstabe oder Silbe für Silbe entziffern. Weiter kann eine LRS zusammen mit anderen Entwicklungsauffälligkeiten wie einer Rechenschwäche, Schwierigkeiten bei der motorischen Koordination oder einer Sprachentwicklungsstörung auftreten. Fest steht, dass LRS nicht mit einer minderen Intelligenz zusammenhängt. Kinder mit LRS sind normal bis sehr gut begabt.

Wie stark wirkt sich eine LRS auf die Schulleistung aus?

Weil das Lesen und Schreiben praktisch in jedem Fach eine Rolle spielt, kann sich eine LRS auf fast alle Fächer auswirken. Für Kinder mit einer LRS kann es sehr frustrierend sein, wenn sie selbst in Mathematik bei den «Sätzchenrechnungen» oder in Musik einen Liedtext lesen müssen. Das drückt auf die Lernmotivation. Diese Erfahrungen können auch psychische und soziale Auswirkungen haben. Die Kinder nehmen sich als anders wahr und fragen sich, warum die anderen bestimmte Dinge besser können. Manchmal versuchen sie auch, bestimmte Situationen zu vermeiden, wollen beispielsweise nicht an ein Geburtstagsfest gehen aus Angst, dass sie dort etwas lesen müssen oder als dumm wahrgenommen werden. 

Was hilft Kindern in dieser Situation?

In der logopädischen Therapie bespreche und übe ich mit den Kindern und Jugendlichen verschiedene Strategien. Beim Schreiben kann es beispielsweise wichtig sein, sich erst einmal nur auf den Inhalt zu konzentrieren und erst dann das Geschriebene systematisch mit Regeln zu überprüfen. Zu wissen, dass die Rechtschreibung logisch nach Regeln hergeleitet werden kann, ist für jemanden mit einer LRS sehr entlastend. Auch das Lesen und die Wahrnehmung von Gehörtem und Gesehenem können gezielt trainiert werden. Daneben kann auch die Stärkung des Selbstvertrauens Inhalt der Therapie sein. Grosse Erleichterung schafft zudem der Nachteilsausgleich. 
«Betroffene Kinder und Jugendliche sind oft aufgrund ihrer LRS in der Bildung benachteiligt.» 

Was ist ein Nachteilsausgleich?

Betroffene Kinder und Jugendliche sind oft aufgrund ihrer LRS in der Bildung benachteiligt. Mit einem LRS-Attest haben sie deshalb für ihren gesamten Ausbildungsweg von Primarschule über Berufsfachschule oder Gymnasium bis zur Hochschule Anrecht auf einen Nachteilsausgleich. Wie dieser aussieht, hängt von der Schulstufe und von den Bedürfnissen der betroffenen Person ab. Die Lehrpersonen können zum Beispiel die Rechtschreibung bei Prüfungen weniger stark oder gar nicht bewerten. 

Schafft ein Kind dank Therapie und Nachteilsausgleich alles, was es auch ohne LRS erreicht hätte? 

Der Erfolg einer Therapie hängt stark von der Motivation des Kindes bzw. des Jugendlichen und der Unterstützung durch die Eltern ab. Kann eine logopädische Therapie erfolgreich stattfinden und wird der Nachteilsausgleich umgesetzt, stehen die Chancen gut, dass das Kind seinen Weg im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten gehen kann. 

LRS-Therapie: So können Eltern ihr Kind unterstützen

  • Regelmässig das Gespräch mit der Lehrperson und der Logopädin / dem Logopäden suchen.
  • Den Nachteilsausgleich geltend machen.
  • Bei den Hausaufgaben entlasten: einen ruhigen Arbeitsplatz bieten und Tipps aus der Therapie umsetzen (z. B. abwechselnd lesen, Texte mit Hilfsmitteln überprüfen).
  • Freude am Lesen und Schreiben wecken: Lesematerial bereitstellen, das den Interessen und dem Niveau des Kindes entspricht. 
  • Gemeinsame Projekte entwickeln, bei denen die Kinder «nebenbei» lesen und schreiben, z. B. vor dem Ausflug gemeinsam den Fahrplan lesen.
  • Druck abbauen: Zusätzliches Üben kann sinnvoll sein. Dies sollte aber spielerisch und ohne Leistungsdruck stattfinden. 
  • Vermeiden Sie Stresssituationen wie z. B. lautes Vorlesen vor Leuten. 

Zur Autorin:

Johanna Oeschger ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, unterrichtet Deutsch und Englisch auf der Sekundarstufe II und arbeitet  als Mediendidaktikerin bei LerNetz.

1 Kommentar

Diesen Artikel kommentieren

Von Astrid am 12.08.2017 12:32

Gratuliere
ich finde den Test und die Arbeit sehr gut und verständlich

> Auf diesen Kommentar antworten