Kindern sollte man nichts verbieten, da sie sonst zu kleinen Rebellen werden. Stimmt's? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Kindern sollte man nichts verbieten, da sie sonst zu kleinen Rebellen werden. Stimmt’s?

Lesedauer: 3 Minuten

Erziehungsmythos 7:

Kindern sollte man nichts verbieten, da sie sonst zu kleinen Rebellen werden. Stimmt's?
Kindern sollte man nichts verbieten, da sie sonst zu kleinen Rebellen werden. Stimmt’s?

Das sagen die Experten:

«Wenn Sie etwas abmachen, müssen Sie es durchsetzen und dem Kind helfen, sich an die Abmachung zu halten. Erziehen ist kein Wohlfühl-Spa, sondern harte Arbeit. Als Eltern muss man aus der Komfortzone hinausgehen können. Dazu gehört auch, sich der autonomen Meinung des Kindes zu stellen. Weil wir aber in einer Welt leben, die uns manchmal orientierungslos macht, neigen viele Eltern dazu, die Beziehung zu ihren Kindern nicht aufs Spiel zu setzen. Das führt dazu, dass man eher verhandelt als fordert. In einem Konflikt muss Empathie aber zurückgestellt werden. Warum müssen Verhandlungen schmusig sein? Was zählt, ist das Ergebnis, nicht der Applaus, den Sie ernten.»
Philipp Ramming ist Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie. Er ist Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.
Philipp Ramming ist Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie. Er ist Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.

«Nein zu sagen zu einem Menschen, den du liebst, ist sehr schwer. Zu Menschen, die man liebt, möchte man Ja sagen. Das ist auch etwas Wunderbares, denn das Leben jedes Kindes sollte damit anfangen, dass die Eltern ihm vermitteln: «Ja, du bist willkommen! Wir wollen dich!» Jede Generation hatte mit dem Nein Schwierigkeiten und ist damit unterschiedlich umgegangen. Die Generation meiner Eltern hat zu allen Gesten, die Eigeninitiative zeigten, automatisch Nein gesagt – ihr Nein klang immer aggressiv, und diese Aggression verriet, wie schwierig es eigentlich für sie war, Nein zu sagen. Heute ist es anders – unter den Eltern gibt es fast nur noch Jasager, was in der Beziehung zu den Kindern zu denselben Schwierigkeiten führt. 

Für diese Umkehrung der Methoden der Elterngeneration gibt es vermutlich zwei Gründe. Der eine ist eindeutig: Es ist eine ganz normale Reaktion, genau das Gegenteil von dem zu tun, was die eigenen Eltern praktiziert haben. Der andere Grund ist der, dass die Gründe für die vielen Neins verschwunden sind – zum Beispiel haben heutige Eltern immer Geld für eine Tafel Schokolade. Das war früher wirklich anders. Und was früher auch anders war, ist die Tatsache, dass es unter den Eltern einen Konsens gab. Sie sagten: «Nein, du darfst das in deinem Alter nicht tun!», und wussten, dass das auch die anderen Eltern so handhabten. Wenn du das einem Kind heute sagst, kann es dir auf der Stelle mithilfe des Handys beweisen, dass sein Freund das tun darf, was er nicht darf. Es ist eine grosse Herausforderung für postmoderne Eltern, ihre eigenen Werte zu finden. 

Du musst klar sein in dem, was du willst. Es gibt jedoch Phasen im Leben, in denen alles unklar ist und du weder ein noch aus weisst. Aber auch das kannst du dann deinem Partner oder deinen Kindern klar sagen. Zum Beispiel: Deine Tochter kommt aus der Schule und fragt dich: «Kann ich heute Nacht bei Christina schlafen?» Deine automatische Antwort wäre: «Nein, das hast du schon letzte Woche getan, und das ist vielleicht für Christinas Mutter zu viel!» Aber mit dieser Antwort verrätst du, dass nicht du sprichst, sondern der elterliche Kassettenrekorder leiert sein Lied herunter. Wenn du dich nun selbst als Mutter oder Vater fragst: «Will ich, dass meine Tochter anderswo übernachtet?», dann kann es sein, dass die Antwort zunächst lautet: «Keine Ahnung, ich weiss es nicht!» Und genau das kannst du deiner Tochter mitteilen: «Ich weiss es nicht. Ich muss darüber eine Weile nachdenken, und dann sag ichs dir!» Das ist für deine Tochter eine klare Auskunft. Dieses Verhalten ist wärmer und humaner, als von vornherein eine Regel aufzustellen. Da gibt es keinen Kontakt, keinen Austausch, keine Entwicklung mehr, nur noch die Regel. Und sehr schnell kann sich dann deine Familie in ein Militärcamp verwandeln! Es wird von Eltern immer erwartet, dass sie alles sofort wissen. Und dabei ist es wunderbar, wenn sie vielleicht mal etwas nicht sofort wissen und es sich noch durch den Kopf gehen lassen müssen.»

Jesper Juul war dänischer Familientherapeut und Bestsellerautor. Der Vater eines erwachsenen Sohnes war zweimal verheiratet. Er starb 2019.
Jesper Juul war dänischer Familientherapeut und Bestsellerautor. Der Vater eines erwachsenen Sohnes war zweimal verheiratet. Er starb 2019.


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