Elternbildung

Diskussion statt Gehorsam: Die neue Erziehung 

Früher verlangten Eltern von ihren Kindern Gehorsam, heute wird in Familien fast alles ausdiskutiert. Die Folge sind Kinder, die zu geliebten Nervensägen werden, beklagen Fachleute. Setzen Eltern sich tatsächlich zu wenig durch und diskutieren zu viel?
Text: Claudia Landolt
Bild: Emma Bauso, Pexels 
Jutta Ecarius ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Köln und Expertin auf dem Gebiet der Erziehungsforschung. Als solche hat sie eine grosse qualitativempirische Studie zum Wandel der Familienerziehung über drei Generationen verfasst. Die Frage, ob die heutige Elterngeneration ihre Kinder vor lauter Diskussionseifer zu wenig im Griff habe, stellt sich für Jutta Ecarius nicht.

Sie mag schon den Ausdruck «im Griff haben» nicht, er stamme aus der Ära des autoritären Erziehungsstils und sollte heute nicht mehr existieren. Er bezeichnet, so Ecarius, einen «Befehlshaushalt», der gekennzeichnet war von Disziplin und Unterordnung; Erziehung bestand aus Gehorsam, Strenge, Verzicht, Unterordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit. Widerspruch wurde nicht geduldet.

Die Macht zwischen Eltern und Kindern war klar verteilt: Wer sich nicht an die – meist hauptsächlich vom Vater aufgestellten – Regeln hielt, wurde bestraft: mit Strenge und notfalls mit Gewalt. «Heute haben Eltern eine ganz andere Bindung zu ihren Kindern», erklärt Jutta Ecarius. Die Basis der heutigen Erziehung bilde Vertrauen. 
«Heute haben Eltern eine ganz andere Bindung zu ihren Kindern».
Jutta Ecarius, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Köln
Dementsprechend seien Mütter und Väter für ihre Kinder Vertrauenspersonen, Berater und Wegbegleiter statt klassische Respektspersonen. Erziehung verstehe sich als kommunikative und beratende Praxis, Eltern erzögen liebevoll, zugewandt und nicht regelversessen. Ecarius nennt diesen Erziehungsstil «Verhandlungshaushalt mit beratendem Charakter».

Typisch dafür ist, dass die zwischenmenschliche Bindung zum Nachwuchs immer im Vordergrund steht. Je älter das Kind wird, desto mehr rückt das Verhandeln über Regeln und deren Einhaltung in den Hintergrund und Eltern werden immer mehr zu beratenden Erziehern. Das ist mitunter anstrengend. «Die neuen Eltern machen ihre Sache aber ziemlich gut», meint die Erziehungswissenschaftlerin. 

Eltern leisten Hilfe bei der Selbstfindung der Kinder

«Gross werden heisst heute, sich im Dschungel der Möglichkeiten zurechtzufinden und seinen eigenen Weg zu finden», sagt Ecarius. «Dafür muss man wissen: Wer bin ich? Was will ich? Was ist das Beste für mich?» Heutige Eltern wollen ihren Kindern dabei helfen, das alles herauszufinden. Sie sind die wichtigsten Ansprechpartner ihres Nachwuchses – egal, ob es um Gefühle, Ängste, die Schule oder Beziehungen geht.

«Gespräche sind an die Stelle starrer Regeln gerückt, vor allem wenn die Kinder grösser werden», so Ecarius. Dann werden die Erfahrungen des Kindes analysiert und Strategien zum Bewerten dieser Erfahrungen erwogen, damit das Kind eigene Beurteilungsmassstäbe zu entwickeln lernt. Das Ziel: Das Kind soll in die Lage versetzt werden, seine Bedürfnisse und Fähigkeiten zu erkennen und dann zu entscheiden, was es will. Den einzigen Nachteil sieht Jutta Ecarius in der Tatsache, dass diese Art der Erziehung unheimlich aufwendig ist, sehr zeitintensiv und anspruchsvoll.

«Die Erziehung wird zunehmend zu einem andauernd reflexiven Prozess», meint Ecarius. Das kann natürlich auch zu Übertreibungen führen: zu viel fördern, zu viel beschützen, zu viel entscheiden lassen – und zu viel diskutieren. Und womöglich wünschen sich Eltern dann und wann, wenn zum millionsten Mal über eine Regel diskutiert werden muss, eine griffige Erziehungsformel zur Hand. 
Ein Rezept, das wirksam wie ein Medikament anstrengende kindliche Argumentationslinien sofort unterbricht: Ruhe im Karton! Basta! Punkt! Das ist verständlich und menschlich. Eine Rückkehr zum autoritären Führungsstil ist für die Erziehungswissenschaftlerin jedoch keine Option. Ebenso wenig, sagt Ecarius, sollten sich Eltern mit der Frage quälen, ob man in der Kindererziehung grundsätzlich etwas falsch mache.

Die Forscherin stört sich daran, dass Eltern immer dann im Fokus stehen, wenn in der Kindererziehung etwas falsch läuft. «Eltern, die für ihre Kinder Berater sein wollen, interessieren sich wahrhaftig für deren Leben», so Ecarius. Dieses echte Interesse sei die Grundvoraussetzung dafür, dass Kinder Vater oder Mutter von ihren Sorgen, ihrem Ärger mit Gleichaltrigen, von Streitereien und überhaupt von sich und ihren Gedanken erzählen würden. Nur wenn Eltern «Berater» seien, würden die Kinder sie an ihrem Innenleben teilhaben lassen.
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