Elternbildung

Mama, Papa, erzählt doch mal, wie ihr als Kinder wart!

Seit Jahrtausenden geben Menschen Wissen, Werte und Erfahrungen über Erzählungen weiter. Eine Tradition, die wichtig für den Familienalltag ist, denn sie fördert die Selbstwirksamkeit Ihres Kindes.
Text: Fabian Grolimund
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Ein Team um Paul Zak von der kalifornischen Claremont Graduate University konnte zeigen, dass Menschen verschiedene Hormone ausschütten, wenn sie einer Geschichte folgen.

Die spannenden Elemente führen zu einer vermehrten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, das in mittlerer Dosierung die Konzentration erhöht und die Merkleistung steigert. Zudem wird Oxytocin ausgeschüttet, ein Hormon, das eng mit unserem Bindungssystem verknüpft ist und mit fürsorglichem, einfühlsamem und grosszügigem Verhalten einhergeht. 

Wenn wir eine Geschichte hören, die uns emotional berührt, die es uns erlaubt, uns in die Protagonisten einzufühlen, die Welt aus ihren Augen zu sehen, Freundschaft, Mut, Tapferkeit, Hingabe zu erleben, möchten wir es unseren Helden gerne gleichtun.
«Das Teilen eigener Erlebnisse schwindet heutzutage.»
Indem Kinder heute Geschichten vor allem über Bücher, Hörspiele und Filme erleben, geht das Teilen eigener Erlebnisse zurück. Die Lagerfeuermomente, das Zusammenkommen in der Grossfamilie am Küchentisch, sind aus dem Familienalltag verschwunden. Viele von uns können sich vielleicht an Grosseltern erinnern, die stundenlang in Erinnerungen schwelgen konnten und davon sprachen, wie es damals war, als ... Manchmal hat man fasziniert gelauscht, manchmal war man genervt, weil man bereits ahnte, welche Episode als Nächstes folgen würde.

Ob man solche Erzählungen spannend findet oder nicht: Sie geben uns ein Bewusstsein für die eigenen Wurzeln. Sie geben Antworten auf Fragen wie: Woher komme ich? Was haben meine Grosseltern und Eltern erlebt? Wie ist unsere Familie entstanden und zu dem geworden, was sie ist? Und das ist bedeutsam!

Geschichten stärken Kinder

Ein Forscherteam der Emory University (Fivush et al., 2010) untersuchte, wie gut Kinder und Jugendliche über ihre Familie Bescheid wissen. Dabei zeigte sich ein interessanter Zusammenhang: Je mehr die Kinder über das Leben der eigenen Eltern und Grosseltern wussten, desto höher waren ihr emotionales Wohlbefinden, ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstwirksamkeit. Kinder und Jugendliche, die vertraut waren mit ihrer Familiengeschichte, hatten ein ausgeprägteres Identitätsgefühl und glaubten eher, gute Entscheidungen zu treffen und ihre Zukunft aktiv gestalten zu können.
Zu wissen, woher man stammt, ist ein Bedürfnis, das oft bei Adoptivkindern deutlich wird: Auch wenn diese Kinder in einer liebevollen, intakten Familie aufgewachsen sind und sich nicht an ihre leiblichen Eltern erinnern können, wächst in ihnen oft der Wunsch, ihre Lebensgeschichte als Ganzes zu ergründen.

Auch in der Psychotherapie wird häufig darauf hingearbeitet, sich mit den Werthaltungen, Glaubenssätzen und prägenden Erfahrungen auseinanderzusetzen, die unbewusst über Generationen weitergegeben wurden. Dadurch lernt die Patientin oder der Patient sich selbst näher kennen, kann eigene Schwierigkeiten besser einordnen und mit belastenden Themen abschliessen.
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