Erziehen ohne Strafen – ja, das geht!
Elternbildung
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Strafen und Konsequenzen

Viele lehnen inzwischen das Strafen ab und fordern stattdessen die «mildere» Form, die Konsequenz. In Wirklichkeit ist die Konsequenz keine mildere Form der Strafe. Die Konsequenz schiebt einen Schritt zwischen die Kontrolle und die Strafe, eine Art Denkpause, in der dem Kind eine Wahlfreiheit vorgegaukelt wird, die keine ist, weil es letztendlich keine Wahl hat und gehorchen muss. In Erziehungsratgebern wird den Eltern nahegelegt, dass sie die Konsequenzen durchziehen müssten, wenn sie diese angedroht hätten, ansonsten würden sie die Glaubwürdigkeit und Autorität gegenüber dem Kind verlieren. Die Erwartung ist, dass durch den Bezug zwischen unerwünschter Handlung und der Konsequenz beim Kind die Einsicht gefördert wird und es dann das gewünschte Verhalten zeigt oder das unerwünschte eben unterlässt.
Her mit den Handys! Oder geht es auch anders?
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Forscher konnten jedoch nachweisen, dass dieser graduelle Unterschied zwischen Konsequenz und Strafe für Kinder grundsätzlich unverständlich ist. Was beim Kind jedoch wirkt, ist das Gefühl der Angst, Schuld oder Scham. Strafen und Konsequenzen lösen beim Kind eindeutig destruktive Gefühle aus, und es werden ihm keine Alternativen für sein unerwünschtes Verhalten aufgezeigt. In den Köpfen der Kinder entwickelt sich schon früh die Vorstellung eines Belohnungsund Bestrafungssystems und auch die Überzeugung, dass es wirksam ist, Macht über andere auszuüben.

Kinder lernen, dass Eltern das Recht haben, Kindern ihren Willen aufzuzwingen. Kinder folgern zu Recht daraus, dass das Zufügen von Leid eine legitime Machtausübung ist, und entwickeln ein Menschenbild, in dem das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche herrscht: Man erreicht seine Ziele, wenn man dem anderen so lange Schmerz zufügt, bis er nachgibt. Dieses hierarchische Strafsystem wird gelebt und somit auch an die eigenen Kollegen und Geschwister weitergegeben.
Der Preis, den Eltern mit einer strafenden Erziehung zahlen, ist sehr hoch.
Wenn wir mitbekommen, dass ein Kind ein anderes beschimpft, bedroht, würgt oder haut, lehnen wir dieses Verhalten ab und bestrafen es dafür, obwohl wir es ihm beigebracht haben und täglich vorleben. Diesen Widerspruch kann ein Kind nicht verstehen. In seinem Herzen entsteht ein Gefühl von Verwirrung und Verzweiflung. Denn die Menschen, von denen es abhängt und die es so sehr liebt, wenden sich ab, wenn es das Gleiche tut wie sie. Das Kind bekommt Strafangst und verliert das Vertrauen in die bedingungslose Liebe, das stärkste Band zwischen Eltern und Kindern.

Verängstigte Kinder

In meiner Tätigkeit als Psychotherapeutin begegne ich Kindern, die zwar keine Angst davor haben, auf die Strasse zu rennen oder sich selber zu schneiden, die jedoch Angst haben vor der Reaktion ihrer Eltern oder der Lehrpersonen. Die angeborene und lebenserhaltende Angst vor Gefahren zum Schutz des Lebens nimmt ab, und die anerzogene Angst vor den Menschen nimmt zu. Wenn das Kind das Vertrauen in uns Erwachsene verliert, verlieren wir die beschützende Führung des Kindes. Wir haben die Verbindung, seine bedingungslose Liebe und sein Vertrauen in uns verloren. Dies wiederherzustellen, ist der erste Schritt auf dem Weg hin zu einer empathischen Kommunikation, die Eltern und Kinder unglaublich viel glücklicher macht.
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Verbindung wiederherstellen

Beziehung und Verbindung entstehen dadurch, dass wir die Bedürfnisse, die ein Kind bewegen, verstehen. Dem Kind sind seine Bedürfnisse oft unbewusst. Die Gefühle sind die Ampeln, die auf die Bedürfnisse hinweisen. Die Beziehungsperson hilft dem Kind, seine Gefühle zu lesen und zu erkennen, um welches Bedürfnis es ihm geht. Das beobachtbare Verhalten, welches das Kind zeigt, ist lediglich die in der Situation beste Strategie, die das Kind kennt, um das Befriedigen seiner Bedürfnisse sicherstellen zu können. Deshalb steht nicht das Verhalten im Mittelpunkt eines Gesprächs, sondern die Bedürfnisse dahinter. Indem eine Mutter ihrem Kind zuhört, ohne zu bewerten, und in ihren Worten wiederholt, was das Kind gesagt hat, entsteht Empathie. Verbindung und Empathie kann man lernen (siehe Box weiter unten)

Erziehung, die glücklich macht

Die meisten Eltern wissen nicht, wie machtvoll das Äussern von Gefühlen und Bedürfnissen ist und wie sie ihre eigenen Bedürfnisse so mitteilen können, dass das Kind sie versteht. Wenn das gelingt, entstehen gegenseitig tiefes Verständnis und Glück. Kinder lernen über das Vorbild und spüren Veränderungen sehr schnell. Wenn Eltern im Kontakt sind mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen und lernen, darüber zu sprechen, lernt das Kind wiederum schnell, dass es vertrauen kann und in Sicherheit ist, wenn es sich öffnet und sich an die Eltern bindet.
Empathie entsteht, indem Eltern ihrem Kind zuhören, ohne zu bewerten.
Es liegt in unseren Händen, wie wir mit unseren Kindern sprechen, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten und welche Vorbilder wir sind. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir konsequent Frieden vorleben und lehren. Leider sind in unserer Gesellschaft Druck und Strafe nach wie vor selbstverständlich. Auch Erwachsene werden heutzutage an ihren Leistungen gemessen und mittels Bestrafungs- und Belohnungssystem geführt. Diese scheinen die besten Werkzeuge dafür zu sein, um Motivation zu erhöhen, Effizienz zu erreichen und Gewalt einzudämmen. Bestrafung und Belohnung repräsentieren das heutige Bedürfnis nach «schnellen Lösungen». Der wirtschaftliche Gedanke der Effizienz durchzieht Erziehung und Bildung und unterstützt den Glaubenssatz, dass nur Kinder, die Disziplin lernen, es im Leben zu etwas bringen, weil sie sich eben unterordnen können. Der Preis, den Eltern mit einer strafenden Erziehung zahlen, ist hoch. Und daraus gehen Menschen hervor, die wiederin diesen Denkweisen gefangen sind. Wir beklagen die Missstände im Zusammenleben und sehen deren Folgen, aber die Zusammenhänge zwischen Ursache und Symptom sind uns nicht klar. Strafendes Handeln zu vermeiden, mit seinen Kindern immer wieder in Verbindung zu treten und zu versuchen, die Bedürfnisse hinter einem Verhalten zu sehen und zu begreifen, erfordert Übung und letztlich eine gewaltfreie Kommunikation. Diese sorgfältige Sprache zeigt Eltern und Pädagogen anhand vieler konkreter Beispiele, wie sie aus der Gewaltund Strafspirale aussteigen und in Kontakt mit sich und den Kindern kommen können.


5 Kommentare

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Von Florian am 21.04.2020 19:05

Liebe Frau Zimet,

ich stimme Ihnen in allem zu. Dennoch ist es auffällig, dass Ihr Artikel vor allem destruktiv ist. Sie sagen nur, wie es nicht sein soll.

Die Giraffe ist ein erstrebenswertes Ziel. Doch was tun Sie, wenn Ihr Kind nicht einlenkt? Was tut die Giraffe, wenn das Kind aufgrund seiner Autonomiebestrebung alles tut, um diese durchzubekommen? Auf der Beziehungsebene läuft dann im Trotz nur eines: Sie, die Giraffe und auch ich, appelliere, bitte, erkläre und versuche nicht vermeidbare Konsequenzen aufzuzeigen. Wenn Du trödelst wird es dunkel und dann müssen wir heim.... Ich fände es schöner, wenn wir hier zusammen noch schön spielen könnten... Da sind wir uns doch einig.... Bitte trödel doch nicht..... ABER DER TROTZ! Was tue ich dann? In Wahrheit muss ich um 7 zuhause sein! Bitte geben Sie mir hier mal einen brauchbaren Tipp. In Ihrem Artikel lese ich dazu nur schöne Worte und und theoretisieren. Wie stehen Sie dazu?

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Von Pia am 29.10.2017 20:34

Erziehung beginnt mit Beziehung. Dazu braucht es keine Strafen sondern. Verständnis, Verlässlichkeit und konsequentes und konstruktives Agieren und Begleiten, wenn immer nötig.
Z. Bsp, wenn ein Schaden entsteht, kann man diesen wieder gut machen. Damit dies gelingt muss der Schaden als solcher beachtet werden und die Wiedergutmachung angeregt und umgesetzt werden. Dazu braucht es Konseguenz, Wohlwollen und Beweglichkeit.

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Von Beat am 02.04.2017 19:21

Sehr interessant...

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Von denise am 10.10.2017 00:04

sehr spannender ansatz, aber mir fehlen die praktischen beispiele
ich kann nicht wegen jeder kleinigkeit stunden diskutieren - und mich dann noch auf die bedürfnisse mehrerer kinder einlassen (nicht dass diese auch nur im amsatz ähnlich wären...)
straffrei erziehen wür ich wiklich sehr gerne!

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Von Raffael M. am 30.10.2017 18:51

Grundsätzlich ist diese Haltung sicherlich wünschenswert, aber nicht absolut anwendbar. Es wird immer Menschen geben, die ihr Verhalten nicht aufgrund innerer Einsicht ändern. Hier greifen Verständnis und lange Diskussionen zu kurz. Konsequenz ist wünschenswert im Sinne des Erfahrens, was meine Verhaltensweisen bewirken. Wir tendieren schon dazu, die Strafen ins neue Gewand der Konsequenz zu kleiden, das ist hinterfragenswert. Nicht zuletzt sind sinnvoll, verantwortungsvoll und reflektiert eingesetzte Konsequenzen ein Mittel zur Sozialisation (im Sinne der Regelung des Zusammenlebens). Ich empfinde den Artikel als einseitig und wünschte mir eine wirkliche Auseinandersetzung auch mit den Konsequenzen, die diese Auslegung der gewaltlosen Kommunikation mit sich bringt. Es wäre gut, sich mal in heutigen Schulklassen umzusehen und die Dynamik auf sich wirken zu lassen. Anschliessend wäre ich gespannt, wie sich die genannten Konzepte bewähren.

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