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Elternbildung

Erziehen ohne Strafen – ja, das geht!

Wie bringen wir Kinder dazu, unerwünschtes Verhalten zu unterlassen? Indem wir sie bestrafen oder ihnen etwas Positives entziehen. Doch es geht auch anders. Eine Anleitung zum konstruktiven Umgang mit Kindern in Konfliktsituationen.
Text: Nadine Zimet
Bilder: Gabi Vogt/ 13Photo
Der Glaube, dass das Zusammenleben der Menschen ohne Strafe nicht möglich sei, ist tief in unseren Überzeugungen und Gefühlen verankert. Wir denken sofort an Menschen, die Greueltaten begehen und anderen Menschen tiefes Leid zufügen. Wir glauben, dass diese es verdient haben, bestraft zu werden, sie nur durch eine schmerzhafte Strafe verstehen, dass wir ihr Verhalten nicht billigen, und wir eine Verhaltensänderung erwarten und erzwingen können, wenn sie am eigenen Leib spüren, wie weh sie anderen getan haben. Wir strafen bewusst und absichtlich und entziehen Tätern legal ihre Freiheiten, damit sie merken, welche Einschränkungen andere durch sie erfahren haben. Die Strafe soll sie davor abschrecken, anderen wieder Leid zuzufügen. Und für die anderen soll die Strafe eine abschreckende Wirkung haben. Deshalb sehen Staaten Gefängnis, Folter und die Todesstrafe vor, weil die Überzeugung herrscht, dass man ohne die ultimative Abschreckung ein Land nicht regieren kann.
Der Glaube, ein Zusammenleben der Menschen ohne Strafe sei nicht möglich, ist tief verankert.
Wir sind zudem davon überzeugt, dass die Gerechtigkeit zwischen Täter und Opfer wiederhergestellt wird, wenn der Täter für seine Tat leidet und büsst. Sein Leiden, sein Schmerz, seine Busse und im Idealfall seine Reue geben uns, wenn wir Opfer geworden sind oder wenn wir uns mit dem Opfer einfühlsam verbinden, ein Gefühl der Genugtuung, der Wiedergutmachung und der Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Ordnung. Wir ahnen nicht, dass wir damit gerade das Gegenteil bewirken. Menschen lernen durch Strafen kein Mitgefühl, sondern werden noch verbitterter und fühlen sich in ihrem feindseligen Menschenbild bestätigt.
Auch wenn man es den Bildern nicht ansieht: Noemi, 10, Fay, 10, Oskar, 6, Paul, 5, und die Familie Hottenroth hatten während des Shootings sehr viel Spass. Die Szenen sind gestellt; für diese Bildproduktion mussten weder Kinder noch Eltern leiden.
Auch wenn man es den Bildern nicht ansieht: Noemi, 10, Fay, 10, Oskar, 6, Paul, 5, und die Familie Hottenroth hatten während des Shootings sehr viel Spass. Die Szenen sind gestellt; für diese Bildproduktion mussten weder Kinder noch Eltern leiden.
Zweifelsohne gibt es Menschen, die zerstörerisch und brutal handeln, sodass sie für eine gewisse Zeit an einen sicheren Ort gebracht werden müssen, damit sie vor sich selbst und andere vor ihnen geschützt werden. Dort sollten sie Hilfe bekommen und lernen, ihre Emotionen zu verstehen, ihre Einstellungen und ihr Verhalten zu ändern. Allerdings sollten sie dort nicht gedemütigt werden, zugrunde gehen oder so wütend werden, dass sie sich, sobald sie wieder auf freiem Fuss sind, in einem noch viel grösseren Ausmass rächen für das Leid und die Ungerechtigkeit, die ihnen in ihren Augen angetan worden sind. Die härteste Strafe kann diesen schwelenden Hass nicht zum Guten wenden oder sie daran hindern, wieder Gewalt anzuwenden, wenn sie sich nach der Busse Rache geschworen haben.

Direkte und indirekte Bestrafung

Doch was ist Strafe überhaupt, und was bewirkt sie? Eine Strafe ist eine disziplinierende Reaktion auf ein Verhalten, das etwa von einer Erziehungsperson als unangemessen oder regelüberschreitend angesehen wird. In der Psychologie redet man von direkter Bestrafung, wenn auf das unerwünschte Verhalten eine negative Konsequenz folgt. Zum Beispiel fordert der Erwachsene: «Wasch deine Hände, bevor du an den Tisch kommst!» Das Kind sagt Nein, der Erwachsene baut Druck auf, bis das Kind nachgibt und sich die Hände wäscht. Bei der indirekten Bestrafung wird etwas Positives entzogen. «Wenn du die Hände nicht wäschst, bekommst du kein Dessert.» Das Ziel von Bestrafung ist, Autorität durchzusetzen. Das Kind lernt, zu gehorchen und sich dem Willen einer anderen Person unterzuordnen, oder es geht in die Opposition und kämpft für seine eigene Sache.
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Mit einer Strafe erzielen Eltern meist kurzfristig Erfolg, aber keine nachhaltige Wirkung.
Die meisten Eltern erleben, dass sie damit kurzfristig Erfolg haben, aber langfristig immer wieder am gleichen Punkt stehen und tausend Mal das Gleiche sagen müssen. Es fehlt ihnen die Erfahrung, dass es auch anders gehen könnte, und sie ahnen nicht, wie das Kind durch Forderung, Kontrolle und Strafe in seinem tiefsten Bedürfnis nach Autonomie und Respekt so sehr gekränkt wird, dass es Nein zur Forderung und nicht Nein zum Bedürfnis der Eltern sagt. Das Kind versteht das echte Bedürfnis der Eltern, z. B. nach Hygiene, nicht, das hinter der Forderung steht, und es kann nicht darauf eingehen.

4 Kommentare

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Von Raffael M. am 30.10.2017 18:51

Grundsätzlich ist diese Haltung sicherlich wünschenswert, aber nicht absolut anwendbar. Es wird immer Menschen geben, die ihr Verhalten nicht aufgrund innerer Einsicht ändern. Hier greifen Verständnis und lange Diskussionen zu kurz. Konsequenz ist wünschenswert im Sinne des Erfahrens, was meine Verhaltensweisen bewirken. Wir tendieren schon dazu, die Strafen ins neue Gewand der Konsequenz zu kleiden, das ist hinterfragenswert. Nicht zuletzt sind sinnvoll, verantwortungsvoll und reflektiert eingesetzte Konsequenzen ein Mittel zur Sozialisation (im Sinne der Regelung des Zusammenlebens). Ich empfinde den Artikel als einseitig und wünschte mir eine wirkliche Auseinandersetzung auch mit den Konsequenzen, die diese Auslegung der gewaltlosen Kommunikation mit sich bringt. Es wäre gut, sich mal in heutigen Schulklassen umzusehen und die Dynamik auf sich wirken zu lassen. Anschliessend wäre ich gespannt, wie sich die genannten Konzepte bewähren.

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Von Pia am 29.10.2017 20:34

Erziehung beginnt mit Beziehung. Dazu braucht es keine Strafen sondern. Verständnis, Verlässlichkeit und konsequentes und konstruktives Agieren und Begleiten, wenn immer nötig.
Z. Bsp, wenn ein Schaden entsteht, kann man diesen wieder gut machen. Damit dies gelingt muss der Schaden als solcher beachtet werden und die Wiedergutmachung angeregt und umgesetzt werden. Dazu braucht es Konseguenz, Wohlwollen und Beweglichkeit.

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Von denise am 10.10.2017 00:04

sehr spannender ansatz, aber mir fehlen die praktischen beispiele
ich kann nicht wegen jeder kleinigkeit stunden diskutieren - und mich dann noch auf die bedürfnisse mehrerer kinder einlassen (nicht dass diese auch nur im amsatz ähnlich wären...)
straffrei erziehen wür ich wiklich sehr gerne!

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Von Beat am 02.04.2017 19:21

Sehr interessant...

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