Ist eine geschlechtsneutrale Erziehung überhaupt möglich?
Merken
Drucken

Ist eine geschlechtsneutrale Erziehung überhaupt möglich?

Lesedauer: 2 Minuten

Unser Kolumnist Christian Johannes Käser hat vier Kinder – drei Jungs und ein Mädchen. Obwohl er diese möglichst emanzipiert zu erziehen versucht, merkt er, wie sie gewisse Geschlechterklischees bereits jetzt verinnerlicht haben.

Text: Christian Johannes Käser
Bild: Adobe Stock

«Boys will be boys.»

Hatte dieser Ausspruch vor zwanzig Jahren noch diesen leicht amüsierten Beiklang, wird er heute eher als Anklage an die aggressive Männlichkeit, die sich bereits im Kindesalter auszuprägen beginnt, gelesen. Jungs haben nicht den besten Ruf. Sie gelten als anstrengender, sind laut und neigen eher zu Prügeleien.

Während in gewissen Berufsbranchen Durchsetzungsvermögen oder diese «gesunde Aggressivität» durchaus verlangt werden, können Jungs in ihrer Schulkarriere damit oft keine Punkte sammeln. Ihre Lust am Wettkampf wird schon auf dem Spielplatz in die Schranken gewiesen.

Wenn wir einen Schritt zurück gehen, stellt sich natürlich die altbekannte Frage: Gibt es denn diesen Unterschied der Geschlechter überhaupt? Versuchen wir nicht, eine Welt zu erschaffen, die solchen Geschlechterzuschreibungen sehr kritisch gegenübersteht? Kultur oder Biologie?

Meine zwei mittleren Jungs im Alter von sieben und zehn Jahren würden nie ein Mädchen an ihren Kindergeburtstag einladen. Der Jüngere hat sich sogar zur Aussage gesteigert, er wolle grundsätzlich noch nichts mit diesen Mädchen zu tun haben (ja, er hat tatsächlich gesagt NOCH nicht). Sie lieben Männerfussball, sind gerne mal laut und … nein, Bier trinken sie (noch) nicht.

Kleider, Spielzeug, Znüniboxen und Zahnbürsten sind stark nach Geschlechterrollen gekennzeichnet.

Ich glaube, ich bin ein durchaus emanzipierter Mann. Mir ist es wichtig, dass der Unterschied der Geschlechter nicht wirklich relevant ist. Meine Frau und ich leben unseren Kindern ein egalitäres Modell vor. Trotzdem identifizieren sie sich offenbar stark mit ihrem biologischen Geschlecht.

Für diese Identifikation gibt es auch reichlich Futter da draussen. Kleider, Spielzeug, Znüniboxen und Zahnbürsten sind stark nach Geschlechterrollen gekennzeichnet. Die Marktlogik hat diesen Trend noch verstärkt, schliesslich kann man jedes Produkt mehrfach verkaufen, wenn man ihm eine Genderpräferenz andichtet. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass dies in meiner Kindheit so auffällig war. Und das im Kanton Appenzell Ausserrhoden, der erst 1989 das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene einführte.

Spielregeln kritisch hinterfragen

Was nun? Was können wir dagegen tun, dass unsere Kinder diese Zweiteilung der Welt etwas hinterfragen?

«Geschlechtsneutrale» Erziehung scheint im vorliegenden gesellschaftlichen Kontext kaum möglich. Dafür müsste man dann auch die Mitarbeitenden der Kitas dazu bringen, die Jungs nicht schon mit fünf Monaten in den «Bau-Eggä» zu setzen, um dann am Abend zu berichten, wie schön Hansli mit den Baggern gespielt hat, während das dreimonatige Vreneli im «Familie-Eggä» lag.

Ja, es ist auch ein Spiel, dieser Umgang mit Geschlechterrollen. Die Spielregeln können und müssen wir natürlich kritisch hinterfragen.

Wir lesen gerade Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren, und die Jungs mögen dieses Mädchen, das sich gegen die patriarchalen Strukturen der Räuberbande ihres Vaters auflehnt. Oder auch Eva-Lotte, die Freundin von Meisterdetektiv Kalle Blomquist, die mit ihren schlauen Ideen und viel Tatendrang die Detektivarbeit erleichtert.

Ich habe ihnen auch ein Video gezeigt, in dem die ehemalige Profifussballerin Martina Moser gegen Kay Voser (auch er hatte zu seiner aktiven Zeit ein feines Füsschen) in einem Skills-Wettbewerb antritt. Sie müssen mit dem Ball Ziele treffen, über eine Distanz jonglieren oder Eckbälle direkt verwandeln. Dass die Frau diesen Wettbewerb gewinnt, hat sie dann schon auch beeindruckt. Jungs können nicht einfach aus biologischen Gründen besser Fussball spielen. Übung macht die Meisterin.

Es ist tatsächlich meine Hoffnung, dass es die Geschichten richten, dass die Erzählungen von Mädchen und Jungs, die anders sind als die gängigen Rollenbilder, das Weltbild meiner Kinder prägen. Diese Geschichten sollten wir ihnen erzählen.

Christian Johannes Käser
arbeitet als Schauspieler, Coach und Autor. Der gebürtige Appenzeller lebt mit seiner Familie in Zürich. Zusammen mit seiner Frau berichtet er im Podcast «Familienchaos» regelmässig über das Leben mit vier Kindern zwischen Trotzphase und Pubertät.

Alle Artikel von Christian Johannes Käser

Mehr zum Thema Geschlechterklischees

Geschlecht: Interview über Genderfragen
Entwicklung
«Kinder, die trans sind, wissen das oft sehr früh»
Fragen nach dem Geschlecht sind allgegenwärtig, viele junge Menschen betrachten sich als trans oder nicht binär. Was hat es damit auf sich?
2024-05-Rett-Syndrom-Behinderungen-Stiftung-Denk-an-mich-Entlastungsdienst-Hilfe-fuer-Eltern
Advertorial
«Wir waren oft an der Grenze zum Burnout»
Die 4-jährige Kim lebt mit dem Rett-Syndrom. Ihre Eltern kümmern sich rührend und rund um die Uhr um sie. Umso dankbarer sind sie für den Entlastungsdienst.
Thomas Feibel Medienexperte
Familienleben
«Hallo? So was kannst du echt nicht sagen!»
Wenn Kinder in die Rolle der Sprachpolizei schlüpfen und ihre Eltern für deren Wortwahl kritisieren, ist der Ärger vorprogrammiert.
Pinocchio wäre vielleicht lieber ein Baum geblieben
Familienleben
«Pinocchio wäre vielleicht lieber ein Baum geblieben»
Wu Tsang, Hausregisseurin am Zürcher Schauspielhaus, über Kinder als Publikum, zwei Lieblingsfiguren und warum sie ihren Pinocchio in einen grösseren, brandaktuellen Kontext stellt.
Christof Gertsch: Werden Buben in der Schule benachteiligt benachteiligt?
Gesellschaft
Werden Buben in der Schule benachteiligt?
Ja, sagen Medien und viele Eltern. Aber die Gründe für Leistungsunterschiede sind komplex. Und es gibt ein Problem, das grösser ist.
Entwicklung
Mädchen interessieren sich auch für anderes als Schminktipps
3 Fragen an Laura Simon, eine der Initiantinnen der neuen Zeitschrift «Kosmos»*, die sich hauptsächlich an Mädchen richtet.
genderneutral erziehen - macht das Sinn? der Fall Zoomer
Entwicklung
Genderneutral erziehen – macht das Sinn?
Zoomer wächst «genderkreativ» auf. Der erste genderneutrale Kindergarten in Stockholm. Der Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit – oder gefährliche Experimente?
5 Tipps gendergerechte Erziehung
Elternbildung
5 Tipps, wie Eltern ihr Kind gendergerecht erziehen
Eltern wünschen sich Chancengleichheit für ihre Mädchen und Buben. 5 Tipps für Eltern, um Geschlechterstereotypen entgegenzuwirken.
Wir erzählen zum Thema Geschlechterklischees: Buben sind Kindsköpfe
Gesundheit
«Buben sind Kindsköpfe»
Die beiden Schwestern Lili und Inanna sind sich einig: Der grösste Unterschied zwischen den Geschlechtern ist, dass Mädchen emotionaler sind als Buben.
Mythen über Buben und Mädchen auf dem Prüfstand
Elternbildung
Typisch Bube, typisch Mädchen?  7 Mythen auf dem Prüfstand
Was ist dran an den vermeintlichen Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen? Woher kommen sie? Wir stellen sieben Geschlechter-Klischees auf den Prüfstand.
«Die genetischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind minimal!»
Entwicklung
«Die Genetik ist bei Mädchen und Jungen beinahe gleich!»
Genderforscherin Christa Binswanger sagt, dass die genetischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern minimal sind. Die Unterteilung sei eine Vereinfachung.
Ich erzähle zum Thema Geschlechterklischee: Man darf auch als Bub weinen
Gesundheit
«Wenn man sich wirklich wehtut, darf man auch als Bub weinen»
Matti glaubt, dass Mädchen sich besser konzentrieren können und ruhiger sind als Buben. Dafür kämen Mädchen zu spät zum Unterricht, weil sie so viel quatschen.
Michèle Binswanger Kolumnistin
Blog
Bubenmütter nahe am Nervenzusammenbruch
Wo liegen die Unterschiede zwischen Mädchen- und Bubenmütter? Michèle Binswanger erklärt, warum Jungs zu erziehen, einer Downhillstrecke gleicht.
«Kleine Kinder werden oft umerzogen»
Entwicklung
«Kleine Kinder werden oft umerzogen»
Andrea Maihofer ist eine engagierte Frau, die sich im männerlastigen Universitätskosmos durchgesetzt hat. Dabei beschäftigt sie sich ironischerweise mit Feminismus, Geschlechtern und Normen. Ein Gespräch über Rollenbilder und wie sie unser Leben beeinflussen. Frau Maihofer, bekommen Sie oft Post von empörten Männern? Meist eher nette. Manchmal sitzen ältere Männer in meinen Vorlesungen. Die schicken mir […]