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Elternblog

Ein Prost auf mütterliche Selbstzweifel

Text: Michèle Binswanger 
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Es war eine laue Sommernacht in der Toskana. Die italienische Hochzeit eines Freundes wurde gefeiert, wir sassen in Zelten unter Lüstern an einer fürstlich gedeckten Tafel mit üppigen Blumengebinden und klirrendem Kristall. Während der Tischrede des Bräutigams füllten herumschwirrende Kellner die Gläser, dasjenige meiner bald vierzehnjährigen Tochter und meines Elfjährigen blieb selbstverständlich leer. Nicht ganz so selbstverständlich für sie. Als die Tischgesellschaft die Gläser hob, um anzustossen, folgten die erwartungsfrohen Blicke der Tochter dem Weg meines Glases an meine Lippen und von dort wieder auf den Tisch, worauf sie die Hand danach ausstreckte und mit einem weiteren Blick fragte: «Ich darf?» Sie durfte, und der Kleine quakte hintendrein: «Ich will auch!»

Bislang hielt ich es mit Alkohol und den Kindern so, dass sie jeweils ein Schlückchen probieren durften, wenn die Erwachsenen trinken. Was ich insofern unproblematisch fand, als ich weder eine Martini- noch eine Prosecco-Mutter bin und zu Hause so gut wie gar keinen Alkohol trinke, es sei denn, ich habe Gäste. Doch in den Ferien ist meistens alles ein bisschen anders, und so auch hier. Oft gab es mittags schon Wein, und die Kinder baten jedes Mal um einen Schluck. Und hier bei der Hochzeit bedeutete der Blick meiner Tochter schon mehr als Bitten, es war eine Forderung. Der Sohn folgte ihrem Beispiel, was er mit besonderem Vergnügen dann tut, wenn ich das für eine schlechte Idee halte: Wenn sie darf, dann darf ich auch!
Wie weit darf ich mich über die Grenze hinauswagen, ohne den Boden zu verlieren?
Wieder einmal stellten sich mir all die erzieherischen Fragen, auf die es vielleicht keine eindeutige Antwort gibt. Sollten Eltern ihren Kindern Alkohol strikt verbieten in der Hoffnung, die Kinder mögen möglichst spät die Freuden des Rausches entdecken – was sie ohnehin irgendwann werden? Oder ist es besser, ihnen einen kontrollierten Zugang zu gewähren? Das Thema berührt mich besonders. Denn obschon ich mich nicht als Suchtmenschen einschätze, bin ich dem Rausch nicht abgeneigt. Und wie beim Rausch stellt sich auch in der Erziehung immer wieder die Frage: Wie viel ist genug, was ist zu viel? Und wo liegt die Grenze? Oder besser: Wie weit darf ich mich über die Grenze hinauswagen, ohne den Boden zu verlieren?

Vorbild ist alles in der Erziehung, und ich mag in vielen Hinsichten unzulänglich sein. Meiner Tochter habe ich immerhin das mit auf den Weg gegeben: die Einstellung, alles mit Mass zu geniessen, immer mit dem Auge auf den Konsequenzen. Und Respekt, um nicht zu sagen Angst vor der Abhängigkeit. Aber wie viel können Eltern diesbezüglich beeinflussen? Was meine Tochter betrifft, habe ich wenig Bedenken. Doch der Sohn kommt mehr nach mir. Und ich weiss, wie oft es wohl einfach nur Glück war, dass ich nicht auf eine schiefe Bahn geriet. Als er an der Hochzeit lautstark seinen Schluck einforderte, sagte ich ihm: Nein, ich glaube heute nicht. Und nahm meinerseits einen grossen Schluck aus dem Tümpel der mütterlichen Selbstzweifel. Man weiss nie, ob man ein Kind gerade vor etwas bewahrt oder im Gegenteil etwas angestossen hat, was man verhindern wollte.

Michèle Binswanger
Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.


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