Medienkompetenz war gestern. Kinder brauchen Lesefähigkeit! - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Medienkompetenz war gestern. Kinder brauchen Lesefähigkeit!

Lesedauer: 7 Minuten

Seit Jahren sind Experten, Eltern und Lehrpersonen überzeugt, dass Kinder und Jugendliche vor allem Kompetenz im Umgang mit Medien entwickeln müssen. Aber stimmt das wirklich? Unser Kolumnist sagt Nein. 

Die «Medienkompetenz» ist in die Jahre gekommen. Der Begriff stammt aus einer Zeit, als die «neuen Medien» tatsächlich noch neu waren und das Internet gerade seine ersten Gehversuche hinter sich hatte. Damals hiess die bekannteste Suchmaschine «Yahoo», gechattet wurde mit «ICQ» und eine illegale Musiktauschbörse namens «Napster» hob eine gesamte Industrie aus den Angeln.

In jenen Jahren bestanden die Ängste von Eltern hauptsächlich darin, dass ihre Kinder mit Wildfremden in Kontakt geraten könnten oder dass sie durch das Web ungehinderten Zugang zu verstörenden Inhalten wie Pornografie und Rechtsradikalismus fanden. In dieser Zeit wurde erstmals der Ruf nach Medienkompetenz als Schulfach laut.

Seitdem ist in der Schule einiges geschehen, aber leider viel zu wenig. Dafür schritt die technologische Entwicklung umso rasanter voran. Allein die sozialen Netzwerke krempelten das Web vollkommen um. Heute legen Kinder und Jugendliche ihr Smartphone kaum noch aus der Hand, entziehen sich zusehends der Kontrolle durch Erwachsene. Viele Eltern und Pädagogen fühlen sich beim Thema Medienerziehung überfordert.

Weil Computerspiele anders funktionieren als Bücher, müssen sie entsprechend anders «gelesen» werden.

Und die Medienkompetenz? Sie steht heute für alles und nichts. Schlimmer noch: Der Begriff ist mittlerweile dermassen verwässert, dass jeder etwas anderes darunter versteht. Höchste Zeit also, sich mit einem neuen und vor allem unmissverständlichen Begriff vertraut zu machen: der Lesefähigkeit.
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Was bedeutet Lesefähigkeit im Medienzeitalter?

Der Begriff Lesefähigkeit gilt nicht länger ausschliesslich der Rezeption von Büchern und Texten, sondern muss stark erweitert werden. Ein Beispiel: Wer sich mit Literatur gut auskennt, stösst bei Games wie Fortnite an Grenzen, was seine Lesefähigkeit betrifft. Weil Computerspiele anders funktionieren als Bücher, müssen sie entsprechend anders «gelesen» werden.

Zur Lesefähigkeit gehört ein differenziertes Hintergrundwissen. Zwar heisst es immer wieder, dass sich Kinder und Jugendliche besser mit der digitalen Welt auskennen als viele Erwachsene. Dieses Wissen beschränkt sich jedoch meist auf die reine Bedienkompetenz. Oft können Jugendliche weder die Absichten der Betreiber von Facebook und Instagram noch die Folgen ihrer eigenen Handlungen im Netz einschätzen. Auch deshalb wird aus einem gedankenlosen Streich mit dem Handy rasch Cybermobbing.

Was fehlt, ist die Fähigkeit zur Einordnung. Sie zählt zu den wichtigsten Erziehungsaufgaben von uns Erwachsenen, um Kinder im Me­­dienzeitalter zu schützen, zu fördern und zu begleiten. 

Wo ist heute Lesefähigkeit ge­­fragt? Eine Übersicht.

1. Im Internet

Das Internet zählt zu den wichtigsten Quellen für Informationen. Im Gegensatz zu bewährten Sachbüchern oder Lexika ist das Web das erste Medium, dem wir mit einem vollkommen neuen Gefühl begegnen müssen: Misstrauen. Stimmt das auch? Ist der Wikipedia-Eintrag wirklich wahr? Entsprechen die Fakten im Artikel den Tatsachen oder vertritt hier jemand seine persönliche Meinung? Ist die vermeintliche Reportage versteckte Werbung für ein bestimmtes Produkt? Wird die aufgerufene Webseite tatsächlich von einem engagierten Imker betrieben? Oder verbirgt sich dahinter ein getarnter rechtsradikaler Blog? Wenn es selbst Erwachsenen schwerfällt, diese Fragen korrekt zu beantworten – wie mag es erst Kindern und Jugendlichen ergehen?

2. Bei Onlinenachrichten

Die meisten Internetangebote sind keine Nachrichtenseiten, sondern Shops, die etwas verkaufen wollen. Durch die Kostenlos-Mentalität der Internetnutzer sind die Verlage gezwungen, neue Quellen der Refinanzierung zu finden. Viele Verlagshäuser haben erfolgreich den Sprung vom Print- ins Onlinegeschäft geschafft, manche erzielen inzwischen 75 Prozent ihrer Umsatzerlöse mit dem Digitalgeschäft.

Doch wie funktioniert das? Mit Abos für Apps? Nein, vielmehr mit dem klassischen Anzeigengeschäft, indem die Verlage beispielsweise ertragreiche Auto- und Immobilienseiten betreiben. Mitterweile bieten viele grosse Onlinemagazine eigene Ableger für Jugendliche an.

3. Für das Erkennen von Fake-News

Heinrich Bölls Buch «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» aus dem Jahre 1974 ist der schlagende Beweis, dass gezielte Falschnachrichten keine Erfindung des Internet-Zeitalters sind. Allerdings lassen sich Fake-News mithilfe der sozialen Medien unglaublich schnell verbreiten.

Die Netzlügen über Flüchtlinge beispielsweise werden bewusst zu­­gespitzt formuliert, um Leser aufzuregen oder Angst zu verbreiten. Kochen die Emotionen hoch, wird die Nachricht oft ungeprüft über die Teilen-Funktion weiterverbreitet. Besonders populistische Parteien mit einfachen Parolen nutzen diese Methode als ideales Werkzeug, um die Stimmung in ihrem Interesse anzuheizen. Nur mit der entsprechenden Lesefähigkeit lassen sich die Fakten überprüfen. 


Fake-News testen

Die emotionale Wirkung von Fake-News kann Kindern und Jugendlichen sehr einfach demonstriert werden: Dazu erzählen wir, dass sämtliche Schulferien auf einen Viertel gekürzt werden sollen, weil das Lernpensum zu gross sei. Sind der Schock und die Überraschung so gross, dass sie diese News gleich mit ihren Freunden teilen wollen?

Um herauszufinden, ob diese Nachricht der Wahrheit entspricht, gehen Sie mit Ihrem Kind wie folgt vor:

  • Überprüfen Sie die Quelle. Gibt es überhaupt eine? 
  • Überprüfen Sie das Impressum der Quelle (Online-Seite). Was erfahren wir über die Betreiber? 
  • Geben Sie die Behauptung in einer Suchmaschine ein. Wenn nicht mindestens zwei namhafte Medien über die Ferienkürzungen berichten, handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um eine Falschmeldung.
  • Gehen Sie auf www.mimikama.at. Die Seite berichtet regelmässig über Fake-News. Falschnachrichten können gemeldet werden.

4. Bots erkennen

Um Fake-News besonders effektiv zu verbreiten, gibt es Computer­programme, die sich als Mensch mit Namen ausgeben: Bots. Sie teilen in sozialen Netzwerken automatisiert Falschnachrichten und sind auf den ersten Blick kaum von realen Personen zu unterscheiden. Mit der entsprechenden Lesefähigkeit ausgestattet, können wir jedoch solche Absender leicht als Bots überführen. Etwa wenn die angebliche Person nie etwas Persönliches im sozialen Netzwerk geschrieben hat, sondern nur Artikel schneeballartig weiter­ver­breitet. Es gibt allerdings auch noch andere Bots.

5. Umgang mit Chatbots

Der Einsatz von Chatbots soll Personalkosten sparen. Statt echten Mitarbeitern, die im Netz Kunden Rede und Antwort stehen, beantworten Chatroboter wie «Ralf» oder «Barbara» die meisten Fragen. Manchmal nur in einer Dialogbox, oft auch mit einem menschlichen Gesicht.
Nur anhand der ungelenk formulierten Rückfragen fällt auf, dass es sich hier doch nicht um einen echten Menschen handeln kann. Inzwischen engagieren jedoch Agenturen Dramaturgen, um die Sprachmächtigkeit der Chatbots deutlich zu verbessern. Kürzlich hat Google ein Telefonat zwischen einem Kunden und einem Coiffeur vorgeführt, die einen gemeinsamen Termin vereinbaren. Einer von beiden war allerdings ein Sprachassistent. Mensch und Maschine waren hier nicht voneinander zu unterscheiden. Wenn schon Erwachsene den Unterschied nicht erkennen, wie soll das dann Kindern gelingen? 

6. … und mit Sprachassistenten

Der Erfolg der Sprachassistenten wie Siri von Apple oder Alexa von Amazon ist schnell erklärt: Sie sind die Überwindung der Tastatur durch die Spracherkennung. Endlich muss für eine Suche im Netz nicht mehr getippt werden. Da diese Assistenten zudem mit einer sanften, menschlichen Stimme ausgestattet sind, machen sie einen vertrauensvolleren Eindruck – vor allem bei Kindern.

Damit der Sprachassistent reagieren kann, muss ein bestimmter Schlüsselbegriff zu seiner Aktivierung genannt werden. Dies soll den Eindruck zerstreuen, dass uns diese Geräte die ganze Zeit heimlich belauschen. Nur: Müssen diese Sprachassistenten nicht immer mithören, um überhaupt das Schlüsselwort zu erkennen? Wer sich über die «Wanze» im Wohnzimmer aufregt, sollte zuerst über sein Smartphone nachdenken, das ihn nah am Körper überallhin begleitet.

7. Free to Play – «Gratis»-Spiele

Dank des Smartphones und seiner unzähligen Gratis-Apps müssen Kinder für ein Spiel weder Geld ausgeben noch die Eltern bitten, es ihnen zu besorgen. Zu den beliebtesten Angeboten zählen sogenannte Free-to-play-Spiele. Free-to-play heisst kostenlos, tatsächlich aber müsste das eigentlich mit «viel zu teuer» übersetzt werden.

Zum Einstieg erhalten Spieler verschiedene Inhalte wie Waffen oder Edelsteine umsonst. Doch das ist nur ein Köder, um mit dem jeweiligen internen Bezahlsystem des Spiels vertraut gemacht zu werden. Kaum sind diese Gegenstände verzockt, kann rasch Nachschub für wenig Geld gekauft werden.

Eines der bekanntesten Spiele heisst «Clash of Clans», das laut Angaben des Herstellers 2013 rund 2,5 Millionen Dollar einnahm. Täglich. Heute dürfte das deutlich mehr sein. Diese Spiele nutzen zahlreiche Tricks und senden Nachrichten, um Druck auszuüben. «Komm zurück, deine Krieger warten auf dich», «Dein Clan braucht einen Anführer». Diese Mitteilungen kommen zu Unzeiten, lenken ab und holen Kinder zurück ins Spiel, damit sie am Ende vielleicht doch Geld ausgeben. Dass hier ein System dahintersteckt, wird nur selten durchschaut.

8. Umgang mit Hate-Speech

Der Ton im Netz ist rauer geworden, die Sprache verroht. Immer mehr Menschen nutzen die sozialen Me­dien, um kräftig Dampf abzulassen. Opfer sind Politiker, Migranten, Minderheiten. Sie werden nicht nur beleidigt, sondern teilweise mit dem Tod bedroht. Während dies noch vor wenigen Jahren meist anonym ge­schah, haben heute viele Verfasser von Hasstexten kein Problem mehr damit, ihren Klarnamen zu nennen. Offensichtlich fühlen sie sich sicher, dass ihre Einwürfe keine Konsequenzen nach sich ziehen.

Das soll sich jetzt ändern. Der deutsche TV-Sender ZDF etwa hat kürzlich zwei Hassschreiber angezeigt, die während der Fussballweltmeisterschaft in Russland eine Moderatorin mit üblen Schmähungen und Drohungen übersäten. Es ist wichtig, dass es dazu gesetzliche Grenzen gibt, denn sonst schwinden die Hemmungen durch Abstumpfung.

Auch viele Kinder und Jugendliche kennen Hate Speech. Sie erleben Kränkungen und Lügen in Whatsapp-Gruppen, werden in sozialen Netzwerken beschimpft und be­­droht. Sich richtig gegen Hate Speech zur Wehr zu setzen, erfordert eine spezielle Lesefähigkeit.

Fazit: Lesefähigkeit heisst Einordnen können

Dies war nur eine kleine Auswahl an Beispielen, für die wir heute Lese­fähigkeit benötigen. Bleibt die Frag­e: Wer soll diese Lesefähigkeit vermitteln? Zum einen das Elternhaus, zum anderen die Schule.

Doch eine wichtige Institution wird bei diesem Bildungsthema häufig vergessen: die öffentlichen Bibliotheken. Die Bibliothek ist längst kein verstaubter Ort mehr. Eltern und Schule müssen Bibliotheken stärker berücksichtigen, denn sie sind nicht nur bestens mit WLAN, Tablets und E-Books ausgestattet, sondern bieten auch den Raum und geschultes Personal. Und in Bibliotheken finden bereits zahlreiche Medienprojekte statt.

Früher ging es in der Medien­erziehung der Kinder allein um deren Schutz: Ab wie vielen Stunden Nutzung ist Fernsehen oder Gameboy schädlich? Das hat sich verändert, denn viele Risiken des Internet-Zeitalters betreffen uns alle.

Ob es um die Observation unseres Verhaltens im Netz geht oder das grosse Datenabfischen: Nur mit der entsprechenden Lesefähigkeit gelingt es uns, die Geschehnisse richtig einzuordnen. Denn am Ende geht es um diese Fragen: Wie wollen wir miteinander leben? In welcher Welt sollen unsere Kinder aufwachsen?

Vor diesen Herausforderungen dürfen wir nicht kneifen.


Online-Dossier Medienkonsum

Dieser Artikel gehört zu unserem
Dieser Artikel gehört zu unserem Online-Dossier zum Thema Medienkonsum. Erfahren mSie mehr darüber, worauf Eltern bei der Medienerziehung achten müssen und informieren Sie sich zu den aktuellsten Erkenntnissen.


Zum Autor Thomas Feibel

56, ist der führende Journalist zum Thema «Kinder und neue Medien» in Deutschland. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern. 

Weiterlesen:

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  • Die digitale Schule – was bringen Schweizer Schulen unseren Kindern über Medien respektive Medienkonsum bei und warum ist diese Entwicklung so schwierig.