Peter Baumann: «Die heutige Schule ist kinderfreundlicher denn je»
Schule
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Zwei Klassen im Lehrerzimmer

Meine Schülergruppe, die Realschülerinnen und -schüler, waren angehalten, auf dem Pausenplatz keinen Kontakt mit Kindern der Sekundarschule aufzunehmen, damit diese nicht sprachlich und im Verhalten verdorben würden. Im Lehrerzimmer sassen Sekundarlehrpersonen mit weissen Arbeitskitteln oben am Tisch, wir Reallehrpersonen in Alltagskleidung unten, vor uns die angeschriebene, persönliche Kaffeetasse. Wir siezten die studierten Sekundarlehrpersonen. Die Schulzimmertüren waren stets geschlossen, über den Unterricht sprachen wir nicht. Wer Probleme mit der Disziplin seiner Klasse hatte, und das waren hauptsächlich wir Reallehrer, wurde in keiner Weise vom Kollegium unterstützt. Elternkontakte gab es einmal im Jahr im Schnelldurchlauf, 20 Minuten pro Gespräch.

Erste Risse in dieser gut geregelten Schulwelt waren allerdings unübersehbar. Die gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit wirkten auf die Schule, exemplarisch sichtbar an Lehrpersonen wie mir mit langen, wilden Haaren. Seither, unterschiedlich schnell, aus Not oder Überzeugung, haben sich Schulen gewaltig verändert. «Warte nur, bis du mal in die Schule kommst», ist heute glücklicherweise keine wirksame Drohung mehr.
Ratgeber, die wissen, was richtig ist und was falsch läuft in der Schule, waren mir immer suspekt.
Jetzt bin ich pensioniert. Ich könnte mich privatisieren und meine Rente und mein Vermögen mit Reisen, schönen Künsten, Sport und gutem Essen dahinschmelzen lassen. Es kommt anders. Ich bin Grossvater geworden und hüte regelmässig meinen Enkel. Zum Glück für mich. Ihn in seinen schnellen Entwicklungsschritten zu begleiten und zu beobachten, wie er sich die Welt erobert und Neues lernt, ist wunderbar.

Meine Aufgabe bei seinem Lernen ist es, seine elementaren Grundbedürfnisse zu decken. Den eingangs erwähnten Spruch «Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte» versuche ich sinngemäss anzuwenden. Ich versuche meinen Enkel auf keinen Fall in seiner neugierigen, ausdauernden Selbsttätigkeit zu behindern.

Viele Schulen fördern heute sehr bewusst und erfolgreich diese angeborene Neugierde am Neuen und am Lernen und sorgen für ein entsprechendes Umfeld.
Vito, mein Enkel – er ist beim Erscheinen dieses Texts knapp einjährig –, kann sich freuen.

<div><strong>Peter Baumann</strong> war bis Anfang 2020 Geschäftsleitungsmitglied des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz. Heute ist er in Teilzeit weiterhin aktiv bei www.profilq.ch und als Berater für <a href="https://www.kompassus.ch/home/">www.kompassus.ch</a>.</div>
Peter Baumann war bis Anfang 2020 Geschäftsleitungsmitglied des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz. Heute ist er in Teilzeit weiterhin aktiv bei www.profilq.ch und als Berater für www.kompassus.ch.

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