Schule

Eine gute Schule: Was ist das? 

Über das heutige Bildungssystem wird gern und oft diskutiert – und geschimpft. Viele Fachleute wünschen sich ein Schulmodell nach skandinavischem Vorbild für die Schweiz, andere halten an Traditionen fest. Für dieses Dossier haben sich die Fritz+Fränzi-Lernexperten darüber Gedanken gemacht, wie Schule gelingen kann. Ihre Bilanz macht Mut. 
Text: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler 
Bilder: Franziska Messner-Rast
Rund 2000 Mal macht sich ein Kind morgens auf zum Kindergarten oder in die Schule, bis es die obligatorische Schulzeit abgeleistet hat. Es sind 2000 Tage, die den weiteren Lebensweg erheblich mitprägen. Was sollen Kinder aus dieser Zeit mitnehmen? Uns treibt diese Frage seit Jahren um. Untersuchungen wie die Pisa-Studien oder die gross angelegte Hattie-Analyse, in die Daten von 250 Millionen Schülerinnen und Schülern einflossen, erachten wir als unzureichend: Sie fokussieren fast ausschliesslich darauf, welche Testergebnisse Kinder und Jugendliche zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Bereich erzielen.

Was eine erfolgreiche Schulzeit auch ausmacht:

Neben der Leistung erscheinen uns andere Kriterien als mindestens ebenso wichtig. So finden wir es wertvoll, wenn junge Erwachsene auf ihre Schulzeit zurückblicken und sagen können:
 
  • Ich habe vieles gelernt, das für mich persönlich relevant war und mich auf meinen weiteren Lebensweg vorbereitet hat.

  • Ich weiss, wie man lernt, bin mir bewusst, dass Hindernisse dazugehören und habe in der Schule das notwendige Vertrauen in meine Fähigkeiten mitbekommen, um mich auch zukünftig an Herausforderungen zu wagen und Neues zu lernen.

  • Ich habe mich in der Schule sicher und wohlgefühlt. Ich war Teil einer Gemeinschaft und habe erfahren, dass wir alle weiter kommen, wenn wir zusammenarbeiten und sich jeder mit seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten einbringen darf.
 
Für dieses Heft haben wir zahlreichen Kindern und Jugendlichen aus dem deutschsprachigen Raum Fragen rund um die Schule gestellt und ihre Meinungen eingeholt. Ihnen scheint über alle Schulstufen hinweg insbesondere der letzte der obigen Punkte wichtig zu sein, wie die Interviews zeigen. 

Berührend klare Vorstellungen der Kinder

Mit einer berührenden Klarheit berichten Kinder und Jugendliche, was die Schule leisten sollte: David, 8 Jahre, antwortet auf die Frage nach seiner Wunschschule: «Es wäre niemand gemein. Alle Kinder würden zusammen spielen und lachen. Keiner wäre alleine. Niemand würde plagen und hauen und lügen. Die Lehrer würden zuhören und zuschauen und einem glauben. Alle wären lieb zueinander.» Und Eliane, 14, ist es wichtig, «dass man respektiert wird, nett ist und sich gegenseitig hilft».
Zur Schule geht man gerne, wenn man verständnisvolle, geduldige, humorvolle Lehrpersonen hat.
Zur Schule geht man gerne, wenn man verständnisvolle, geduldige, humorvolle Lehrpersonen hat.
Fragt man Kinder und Jugendliche, was ihnen an der Schule nicht gefällt, kommen immer wieder dieselben drei Aspekte zur Sprache:

  • Zurückweisung und Mobbing, wie am Beispiel von Lina, 17, deutlich wird: «Ich wurde von meiner damaligen Klasse mehrere Jahre stark gemobbt. Das war so stark, dass sich soziale Ängste entwickelt haben und ich letztendlich nicht mehr zur Schule gehen konnte. Als wir dann die Schuldigen anzeigen wollten, hat mir der Lehrer gedroht, dass durch eine Anzeige alles schlimmer werden würde.»

  • Leistungsdruck und Angst vor Bewertung. Simon, 9, sagt, dass er am liebsten nicht mehr zur Schule gehen würde: «Jeden Tag Prüfungen und schlechte Noten.»

  • Eine angespannte Beziehung zur Lehrperson. David, 8, beschreibt seine Lehrerin so: «Wenn jemand etwas nicht versteht oder Fragen stellt, dann packt sie die Kinder und zerrt sie in den Gang. Sie schreit auch immer.»
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Natürlich haben Schülerinnen und Schüler auch ihre Vorstellungen von gutem, spannendem Unterricht. Dieser sollte, wie ein Grossteil der interviewten Kinder und Jugendlichen betont, morgens später beginnen. Janis, 12, wünscht sich einen «Forscherclub», Ilias, 8, würde gerne «mehr draussen experimentieren» und Josephina, 16, möchte «keine Hausaufgaben, mehr Teamwork und Themen erarbeiten – nicht so viel Theorie». Ela, 9, hätte sogar gerne ein neues Fach: «Ich möchte Kindern in armen Ländern und Heimen helfen. Es wäre schön, wenn es ein Fach gäbe, in dem man für arme Kinder bastelt, Sachen verkauft und das Geld immer armen Kindern schickt.» Auch gemeinsame Unternehmungen wie Exkursionen, Projektwochen, lokale Einsätze für die Umwelt, Klassenlager, Ski- und Wandertage werden sehr geschätzt.

Ihre Ansprüche an eine gute Schule bringen die Kinder und Jugendlichen deutlich zum Ausdruck: Zur Schule geht man gerne, wenn man verständnisvolle, geduldige, humorvolle Lehrpersonen hat, sich in einer Klasse akzeptiert und unterstützt fühlt, auf eine anregende Lernatmosphäre mit Freiräumen und Mitbestimmungsrecht bauen darf und keine Angst vor Abwertung und schlechten Noten haben muss. 

4 Kommentare

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Von Esther am 20.09.2019 13:55

Interessanter Artikel, aber zu den Noten haben wir andere Erfahrungen gemacht. Wir wohnen im Kt. AR und haben ab der 4. Primarschulklasse Noten. In der 3. Klasse gab es Lernzielkontrollen und anstelle von Noten Smileys. Alle Kinder sind immer zur Lehrpersonen gegangen und wollten wissen, welcher Note dieses Smiley nun entsprochen hätte. In der 4. Klasse dann das grosse Aufatmen, endlich gab es Klarheit für die Schüler. Und darüber waren nicht nur die besten der Klasse froh, sondern auch diejenigen, die +/- 4 hatten. In diesem Alter haben die Kinder die Noten nicht als Druckmittel fürs Lernen wahrgenommen, sondern als Rückmeldung zur Leistung. Mittlerweile sind meine Kinder in der Sekundarschule und da wird die Note nun als Druckmittel wahrgenommen (ich muss lernen, sonst gibt es eine schlechte Note).

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Von Barbara am 20.09.2019 14:41

Toller Artikel! Spricht mir aus dem Herzen!
Nicht auf das grosse Wunder warten - sonst verpasst man die vielen Kleinen!
In dem Sinn: nur zu!

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Von Gregor am 20.09.2019 13:36

"Irgendwann habe ich entschieden, dass sie Prüfungen wiederholen können, wenn sie mit der Note unzufrieden sind." Aus meiner Erfahrung mit öffentlichen Schulen und einer Privatschule, die dieses System konsequent in allen Fächern anwendet, ist dies das zentrale Element. Die allermeisten anderen Probleme verschwinden mit diesem System: die Beziehung zum Lehrer wird entlastet, die Prüfungsangst geht weg, der gemeinsame Weg - aber jeder in seinem Tempo rückt ins Zentrum. Und seine wir ehrlich: ob ein Kind im September die Multiplikation im 1000er Raum beherrscht oder im Dezember... das sollte nicht über seinen zukünftigen Weg im Leben entscheiden.

Von Pamela am 24.09.2019 12:43

Hallo Gregor, ich weiß nicht, ob Du die Nachricht liest. Ich finde diese Vorgehensweise, super interessant und spannend. Ich begleite Lehrer und Lehrerinnen in ihrem Schulalltag. Hast Du Lust auf ein Interview mit mir. In meiner Facebook Gruppe mache ich regelmäßige Interviews zu neuen Wegen in der Schullandschaft. Da sind solche Erfahrungen, wie Du sie schreibst Gold wert. Du findest mich und meine Arbeit unter www.lehrercoach.de. Solltest Du Lust auf ein Interview haben, dann freue ich mich über eine Nachricht von Dir über info@lehrercoach.de! Ganz liebe Grüße Pamela Zurbuchen

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